Netztest

Editorial: 4G schneller als WiFi!?

Mobilfunk schlägt Festnetz. Aber was würde passieren, wenn alle Nutzer schlagartig wechseln? Und wo liegt Deutschland im internationalen Vergleich?
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Geschwindigkeitsverteilung von 4G/LTE vs. WiFiGeschwindigkeitsverteilung von 4G/LTE (nach oben) vs. WiFi (nach rechts). Deutschland (rot umrandet) liegt bei beiden Werten im Mittelfeld aller Staaten, aber im unteren Drittel im Vergleich zu anderen EU-Staaten. Der Mess- und Vergleichsdienstleister OpenSignal hat auf dem von Huawei veranstalteten Global Mobile Broadband Forum in London eine interessante Beobachtung vorgestellt: In 48 Ländern - das sind 60 Prozent aller untersuchten Länder - sind Downloads auf dem Smartphone über LTE im Schnitt bereits schneller als über das Festnetz per WiFi. Die Einstellung aller gängigen Smartphone-Betriebssysteme, bevorzugt Daten über WiFi-Netze zu übertragen, bremst Nutzer in diesen Ländern also aus. In vier weiteren Ländern sind LTE und WiFi etwa gleich schnell.

Die Beobachtung zeigt, wie leistungsfähig Mobilfunknetze bereits geworden sind. Deutschland gehört dank des schwachen Mobilfunk-Netzausbaus hierzulande übrigens nicht zu den genannten 48 Ländern. Angesichts der limitierten Kapazität der Mobilfunknetze wäre es aber auch in besser versorgten Ländern aktuell sicher noch fatal, wenn die Smartphones nicht mehr WiFi, sondern LTE bevorzugen würden. Es würde dann schnell zur Überlastung der LTE-Netze kommen und in der Folge würden die LTE-Datenraten wieder weit unter die WiFi-Datenraten sinken. Für den einzelnen Nutzer bedeutet in den genannten Ländern die Bevorzugung von WiFi also einen Geschwindigkeitsnachteil, in Summe über alle Nutzer ist aber WiFi dennoch die bessere Wahl.

Doch 5G steht vor der Tür und mit dem neuen Netzstandard das Versprechen, die effektiv zur Verfügung stehende Gesamtbandbreite im Vergleich zu LTE zu verzehnfachen. Auch die Maximalbitraten werden weiter steigen, auf deutlich über 1 GBit/s. OpenSignal erwartet daher - meines Erachtens zu Recht - dass in der weit überwiegenden Mehrheit der Länder mobile Downloads via 5G schneller sein werden als Festnetz-Downloads via WiFi. Damit stellt sich dann aber auch die Frage, ob das Festnetz auf lange Sicht noch benötigt wird.

Aufholjagd

Um im Ranking von OpenSignal aufzusteigen, müsste Deutschland sowohl die Festnetz- als auch die Mobilfunkinfrastruktur drastisch verbessern. Nachbarländer wie die Schweiz, Dänemark, Belgien oder die Niederlande liegen weit vor uns, und selbst Polen ist nicht so weit zurück, wie man aufgrund der immer noch existierenden Gehaltsunterschiede zwischen Deutschland und Polen erwarten würde. Andere ehemalige Ostblockstaaten, wie Ungarn oder Rumänien, liegen sogar deutlich vor Deutschland.

Angesichts des Rückstands und der bereits genannten sprunghaften Verbesserungen der Fähigkeiten der Mobilfunknetze könnte es sinnvoll sein, dass Deutschland seine Investitionen vor allem auf 5G bündelt. Will man hingegen sowohl bei der Festnetz- als auch der Mobilfunkleistung zum Median der EU-Staaten aufrücken, wird man sehr viel Geld investieren müssen. Denn die anderen Staaten sind ja auch nicht untätig beim Netzausbau.

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