Skandal

NDR: Auch führende deutsche Politiker wurden ausgespäht

Vor einigen Tagen deckte der NDR auf, dass die Betreiber des Browser-Add-ons Web of Trust sensible Nutzerdaten an Datenhändler verkauft haben. Aufgrund der mangelhaften Anonymisierung zeigt sich, dass auch führende Politiker betroffen sind.
AAA
Teilen (9)

NDR: Deutsche Politiker ausgespähtNDR: Deutsche Politiker ausgespäht Recherchen des NDR deckten Anfang der Woche auf, wie einfach es ist, im Internet an sensible Nutzerdaten zu kommen. Die Redakteure hatten hierzu eine Scheinfirma gegründet und von einem Datenhändler im Internet einen umfangreichen Datensatz als "kostenlose Probe" erhalten.

Nun sickern nach und nach weitere Details an die Öffentlichkeit. In dem Datenpaket mit mehr als zehn Milliarden Web-Adressen, die von rund drei Millionen Usern aus Deutschland aufgerufen worden waren, befinden sich zahlreiche Datensätze von führenden Politikern. Und diese können aufgrund der mangelhaften Anonymisierung des Datensatzes ganz einfach identifiziert werden. Erste deutsche Politiker haben nun bekannt gegeben, sich selbst in dem Datenpaket entdeckt zu haben.

Betroffene Politiker sind geschockt

Ob der NDR von sich aus auf die betroffenen Politiker zugegangen ist oder ob die Politiker anderweitig an den Datensatz des NDR gelangt sind, wurde nicht bekannt. In einer heutigen Pressemitteilung nennt der NDR allerdings einige Politiker namentlich und zitiert deren Reaktion auf die Veröffentlichung.

Die Datenspur reicht offenbar sogar bis ins Bundeskanzleramt. Helge Braun zum Beispiel ist Staatsminister bei Bundeskanzlerin Angela Merkel. Nach Informationen des Senders gilt er als Vertrauter der Kanzlerin. Über den Computer eines seiner Mitarbeiter sollen Informationen Brauns in den Datensatz gelangt sein. Der Politiker zeigte sich vor allem überrascht darüber, "dass es oftmals ungeachtet der Unzulässigkeit des Datenabflusses schwierig ist, als Anwender diesen überhaupt nachzuvollziehen", sagte Braun auf NDR-Anfrage.

Von Valerie Wilms, Bundestagsabgeordnete der Grünen, zeigen die Browswerdaten wohl Reiseverläufe, Details zu ihrem Gesundheitszustand, ihre Steuerdaten, und erlauben offenbar Einblicke in ihre politische Arbeit. Wilms fühlt sich "nackt demjenigen gegenüber, der die Daten hat". Denn durch das Offenlegen derartiger Daten werden Politiker recht einfach erpressbar.

Der Europa-Parlamentarier Martin Häusling ist agrarpolitischer Sprecher der Grünen und arbeitet in einem Bereich, in dem es um hohe Subventionen geht. Wer Häusling politisch schaden wolle, könnte mit Hilfe des Datensatzes die Informanten und Gesprächspartner des Politikers enttarnen, seine politischen Strategien voraussehen und damit seine Arbeit sabotieren. "Wir brauchen als Abgeordnete Vertrauensschutz", äußerte sich der geschockte Häusling gegenüber dem Sender. "Aus sowas kann ja jeder ablesen, an was ich arbeite, wo ich selber Recherchen mache, mit wem ich mich treffe."

"Web of Trust" äußert sich gegenüber teltarif.de

Der NDR behauptet, im Rahmen seiner Recherchen bei den Machern des Add-ons "Web of Trust" um eine Stellungnahme gebeten, aber keine Antwort erhalten zu haben. teltarif.de erhielt auf Anfrage eine englischsprachige Antwort, die wir hier wiedergeben (Übersetzung von teltarif.de):

Wir haben einige Anfragen zu unserem Umgang mit Privatsphäre erhalten und möchten klarstellen, dass unsere Praktiken bei der Datenerhebung ganz klar in unserer Privacy Policy aufgezeigt werden, die darauf aufmerksam macht, dass in Verbindung mit dem Dienst Daten gesammelt und an Drittanbieter lizenziert werden. Wir nehmen die Rechte unserer Nutzer bezüglich Privatsphäre sehr ernst und aus diesem Grund tun wir alles dafür, solche Daten zusammenzufassen und zu anonymisieren, bevor wir diese mit Drittanbietern teilen, und wir lizenzieren oder enthüllen natürlich niemals die Registrierungsdaten der Nutzer.
Sollte es Vorgänge gegeben haben, bei denen irgendwelche Informationen nicht adäquat anonymisiert oder geschützt worden sind, werden wir uns das natürlich anschauen und Maßnahmen ergreifen, um unsere Nutzer adäquat zu schützen. Wir sind den Anwendern dankbar, die uns kontaktiert und auf die Sache hingewiesen haben.

Auf der einen Seite bestätigt hier "Web of Trust" ganz klar, dass die erhobenen Daten an Drittanbieter weitergegeben werden. Andererseits geht das Unternehmen auf die konkreten Vorwürfe des NDR und zu den Enthüllungen um Politiker gar nicht ein.

Der NDR hat mittlerweile auch klar gemacht, dass "Web of Trust" nur eines von mehreren Browser-Add-ons gewesen sein muss, mit dem die Daten erhoben wurden. Es ist also möglich, dass die letztendliche Zusammenführung der Daten aus mehreren Sammel-Add-ons auch an anderer Stelle stattgefunden haben kann, beispielsweise beim Adresshändler oder einem Zwischenhändler. Letztendlich weiß niemand genau, wo die Daten vor dem offiziellen "Verkauf" im Internet überall kursiert haben, und es ist ein offenes Geheimnis, dass insbesondere Geheimdienste an derartigen Datensätzen ein hohes Interesse haben, insbesondere wenn es darin Daten von Politikern oder hochrangigen Wirtschaftsvertretern gibt.

Teilen (9)

Mehr zum Thema Politik