Aufgewickelt

Editorial: Das Ende der Kassette

Von der gefeierten Neuheit zum Abfall: 40 Jahre nach der Einführung des Video Home Systems folgt dessen Einstellung. Was bedeutet das für andere, heute übliche Medien?
AAA
Teilen (8)

Das Ende der KassetteDas Ende der Kassette Es waren gewaltige Medieninnovationen: Die Einführung der Kompaktkassette durch Philips 1963 und die der VHS-Videokassette durch JVC 1976. Durch diese wurden private Audio- und Videoaufzeichnungen erstmalig erschwinglich. Audio-Tonbänder und Filmkameras gab es natürlich schon vorher - aber zu eher prohibitiven Kosten und mit komplizierter und fehleranfälliger Bedienung. Doch so innovativ die Audio- und Video-Kassette auch waren - inzwischen sind beide so gut wie bedeutungslos geworden. Dieser Tage stellt der letzte Hersteller von VHS-Videorekordern die Produktion ein. Die Nachfrage reicht einfach nicht mehr aus. Und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis der Audiokassette dasselbe Schicksal ereilt, dass keine Kassettenrecorder mehr gebaut werden.

Schuld an dem Nachfrageschwund ist die Digitaltechnik. Jeder Feld-Wald-und-Wiesen-USB-Stick mit 16 GB, den man für 5 Euro aus der Grabbelkiste des Elektronik-Discounters greift, speichert bei Nutzung moderner Codecs mehr Videomaterial in besserer Qualität (nämlich HD mit kaum sichtbaren Artefakten statt verrauschtem SD) und mit höherer Zuverlässigkeit als jede Videokassette. Und für 1 bis 2 Euro extra gibt es den Stick sogar mit schneller USB-3-Schnittstelle - dann dauert das Auslesen eines auf dem Stick gespeicherten Zwei-Stunden-Films nur noch ein bis zwei Minuten.

Wenn es etwas mehr sein darf, dann greift der Nutzer zur Festplatte: Eine externe 2-Terabyte-Festplatte kostet keine 100 Euro und fasst zigtausend Stunden an SD-Material. Dieses stattdessen auf Videokassetten zu speichern, würde auch zigtausend Euro an Investition für die Kassetten bedeuten, und deren Aufbewahrung würde mehrere Regalmeter belegen. Vom Zeitaufwand, die Filme alle auf die Kassetten aufzuzeichnen, und von den Qualitätsverlusten beim Umkopieren von VHS-Filmen reden wir lieber gar nicht erst.

Bis wann ist die Festplatte lesbar?

Mit der Einstellung der Produktion von VHS-Videorekordern sind also die Tage von VHS-Videoarchiven gezählt. Zwar wird es sicher auch in zehn oder zwanzig Jahren noch Dienstleister geben, die diese auf Kundenwunsch digitalisieren können. Doch die Kosten dafür werden in Zukunft eher steigen als sinken, weil es eine immer spezialisiertere Dienstleistung wird. Hinzu kommen die Probleme, abgelagerte VHS-Kassetten überhaupt noch abzuspielen - schließlich setzen externe Magnetfelder, Luftfeuchtigkeit und jahreszeitliche Temperaturschwankungen den Bändern mit der Zeit immer mehr zu.

Allerdings sind auch digitale Speichermedien nicht für die Ewigkeit. Neben der allgemeinen Empfehlung, mindestens ein, bei wichtigen Inhalten auch zwei Backups anzulegen, ist regelmäßiges Umkopieren auf neue Medien essenziell, um die alten Aufzeichnungen zu schützen. Während Festplatten, die in Servern im Dauereinsatz sind, oft schon nach drei bis fünf Jahren kaputt gehen, halten kaum genutzte Backup-Festplatten auch zehn und mehr Jahre durch. So hat man also durchaus Chancen, auf einem 20 Jahre alten PC nach dem Booten noch nutzbare Daten zu finden. Nur verlassen sollte man sich darauf nicht, und nach spätestens zehn Jahren sämtliche Daten auf ein aktuelles Medium umkopieren.

Teilen (8)

Weitere Editorials