Gekündigt

Editorial: Kommunikationslose Telekommunikation

Das Vectoring Drama: Wenn Anbieter nicht oder nicht rechtzeitig miteinander reden, zieht der Kunde den Kürzeren.
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Das Drama um Vectoring in der TelekommunikationsbrancheDas Drama um Vectoring in der Telekommunikationsbranche Man sollte meinen, die Telekommunikationsbranche sei besonders kommunikativ. Das ist sie auch, wenn es um das Kommunizieren von eigenen Erfolgen oder neuen Produkten und Dienstleistungen geht. Wenn es aber darum geht, dass Telekommunikationsfirmen im Auftrag des Kunden miteinander sprechen, wird es schnell kompliziert.

Portierung im Mobilfunk genau anders herum wie im Festnetz

Die Portierung einer Rufnummer von Anbieter A zu Anbieter B hat sich im Mobilfunk eingespielt und funktioniert in der Regel problemlos. Sie dauert aber etwa 14 Tage. Man könnte es einfacher machen, der abgebende Provider müsste dazu beispielsweise dem Kunden einen Code mitgeben, über den dieser die Portierung beim aufnehmenden Anbieter auslösen kann. Alle notwendigen Informationen würden im Hintergrund übertragen werden, wenn der Code richtig eingegeben wurde. Andere Branchen - beispielsweise Autoversicherungen und die Internet-Domain-Provider - machen es vor, wie es einfach geht.

Ein Abenteuer bleibt, wenn der Kunde seinen Festnetzanschluss von Anbieter A zu Anbieter B mitsamt den Rufnummern mitnehmen möchte. Während der Kunde im Mobilfunk seinen Anschluss selbst kündigt, darf er das im Festnetz gerade nicht tun, sonst geht es möglicherweise schief.

Regulierung unvollständig?

Durch die Regulierung im Telekommunikationsmarkt sollte die übermächtige Telekom eingebremst und Platz für neue Anbieter geschaffen werden. Als Anfangs die Preise der Telekom noch extrem hoch waren, hat das gut funktioniert. Die Margen reichten aus und alle waren es zufrieden. Doch inzwischen ist die Regulierung komplizierter geworden.

Beim Wunsch nach schnellem Internet über Kupfer gabt es technische Grenzen. Mit VDSL-Vectoring sind derzeit die höchsten Bitraten möglich, doch dafür müssen alle Drähte im Kabel von einem Anbieter kontrolliert werden. Meist ist das die Deutsche Telekom. Hat ein privater Anbieter vor Ort eigene Technik aufgebaut, kann es sogar sein, dass er seine VDSL-Technik (ob mit oder ohne Vectoring) wieder abbauen muss, sobald die Deutsche Telekom diesen Knoten ausbaut. Damit der Anbieter weiterhin seine Kunden versorgen kann, muss er dann an diesen Standorten Vectoring von der Telekom einkaufen. Die Bundesnetzagentur hat dazu Vorleistungsprodukte genehmigt, damit die Anbieter zu vergleichbaren und angemessenen Konditionen bei der Telekom einkaufen können.

Was ist bei alternativem Vectoring?

Was ist aber, wenn aber nicht die Telekom, sondern ein anderer, meist regionaler Anbieter Vectoring in einer bestimmten Region ausbaut? Richtig, dann muss die Telekom dort ihre VDSL-Technik abbauen und Vorleistungsprodukte bei der Konkurrenz einkaufen. Doch stattdessen kündigt die Telekom ihren Vectoring-Kunden aus wichtigem Grund und lässt sie vorzeitig aus dem Vertrag. Danach können die Kunden zwischen Pest und Cholera wählen: Entweder sie lassen sich von der Telekom künftig mit "langsamem" ADSL beliefern. Dann sind maximal 16 MBit/s möglich, oft sogar deutlich weniger, je nach Kabellänge bis zur Vermittlungsstelle, die auch deutlich größer sein kann als die bisherige Kabellänge zum VDSL-Knotenpunkt. Oder die Kunden müssen sich auf den Wechsel zu einem neuen Anbieter einlassen. Das ist lästig und mit dem Risiko behaftet, ein bis zwei Wochen "offline" zu sein, wenn die Umschaltung nicht reibungslos klappt.

Die Unlust, bei der Konkurrenz zu kaufen

Die Deutsche Telekom ist es gewohnt, selbst Produkte und Dienstleistungen bereitzustellen und auf Anfrage auch an andere zu verkaufen. Fremde Leistungen selbst einkaufen, das tue die Telekom äußerst ungern, klagen die Anbieter im Wettbewerb. Das ist verständlich: Entspricht das eingekaufte Produkt den Richtlinien und Standards der Telekom? Was ist bei Störungen? Wie schnell kann die Telekom eine Entstörung beim privaten Lieferanten durchsetzen? Die eigenen Kunden reagieren sauer und wollen gar nicht wissen, ob die Telekom oder der konkurrierende Lieferant versagt haben. Ergo ordert die Telekom recht vorsichtig.

Natürlich kann die Telekom den Regulierer anrufen, wenn ein Anbieter die Vorleistungen nicht korrekt bereitstellt. Aber auch das ist sie bisher nicht gewohnt. Stattdessen gibt sie in den betroffenen Regionen lieber die Kunden auf. Oder hofft darauf, in absehbarer Zeit die Kunden mit einer anderen Technologie - beispielsweise 5G und/oder WTTH - doch wieder selbst anbinden zu können. Bis es soweit ist, bleibt aber der Ärger über gekündigte Verträge.

Kunden sollten nichts merken

Zu hoffen ist, dass sich wenigstens die Zuverlässigkeit der Umschaltprozesse im Festnetz erhöht. Wenn die Telekom einen Outdoor-DSLAM abbaut und ein Konkurrent VDSL aufbaut, müssen binnen eines Tages hunderte Leitungen migriert werden. Selbst, wenn das zu 99 Prozent gelingt, gibt es anschließend mehrere Kunden, die anschließend Tage oder gar Wochen warten müssen, bis ihr Anschluss wiederhergestellt wird. Daher müssen bei der Umschaltung - so gut es geht - alle möglichen Fehlerquellen ausgemerzt werden!

Künftig Gebiete ohne Telekom-Technik?

Beim privaten Konkurrenzverband Buglas glaubt man, dass es in 10 Jahren schon Gebiete geben könnte, wo die Deutsche Telekom gar keine eigene Technik mehr aufgebaut hat und gezwungen ist, Fremdprodukte einzukaufen, wenn sie noch "vor Ort präsent" sein wolle. Nur wisse sie das noch gar nicht.

Ob man diese Vorstellung "gut" finden muss, bleibt dem geneigten Leser überlassen.

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