Marktstudie

VATM und Dialog-Consult: Aufbruch-Stimmung im Markt

Der VATM findet, dass für den kompletten Glas­faser­ausbau des Landes genü­gend Geld da ist. Gebraucht würden schnel­lere Geneh­migungs­ver­fahren, um bis 2030 bauen zu können, aber keine Förder­gelder mehr.

Regel­mäßig stellen der Verband der Anbieter von Tele­kom­muni­kations- und Mehr­wert­diensten (VATM) gemeinsam mit dem Bera­tungs­unter­nehmen Dialog Consult ihre aktu­elle TK-Markt­studie 2021 vor.

Der Tenor: Auf dem Tele­kom­muni­kati­ons­markt und beim Gigabit-Ausbau in Deutsch­land herr­sche "eine abso­lute Aufbruch­stim­mung."

Soviel Geld wie seit 20 Jahren nicht

So nahmen die Unter­nehmen und dazu­gehö­rigen Inves­toren in diesem Jahr so viel Geld in die Hand, wie seit 20 Jahren nicht mehr, um High­speed auszu­bauen, ergibt die Studie: Die Inves­titionen belaufen sich dieses Jahr über alle Anbieter auf 10,8 Milli­arden Euro. Den deut­lichen größeren Anteil würden dabei mit 6,2 Milli­arden Euro die Wett­bewerber tragen.

„Und das könnte sich in den nächsten Jahren noch verstärken“, sagte Studi­enautor und teltarif.de-Gast­autor Prof. Dr. Torsten J. Gerpott, der wissen­schaft­licher Beirat der Unter­neh­mens­bera­tung DIALOG CONSULT und Inhaber des Lehr­stuhls für TK-Wirt­schaft an der Univer­sität Duis­burg-Essen ist, bei der Vorstel­lung.

Bis Jahres­ende Gigabit für 66 Prozent der Haus­halte?

Der VATM und die Dialog-Consult haben die TK-Marktanalyse für 2021 vorgelegt. Der VATM und die Dialog-Consult haben die TK-Marktanalyse für 2021 vorgelegt.
Grafik: VATM / Dialog-Consult
Mit 31,4 Millionen verfüg­baren Gigabit-Anschlüssen stünden Ende des Jahres für rund 66 Prozent der deut­schen Haus­halte giga­bit­fähige Netze zur Verfü­gung. Bei den verfüg­baren giga­bit­fähigen Anschlüssen – "HFC"-TV-Kabel-(nach DOCSIS- Stan­dard 3.1)- und FTTB/H-Anschlüssen (Glas­faser bis ins Haus oder die Wohnung) - gehe es 2021 deut­lich voran.

Mehr­heit von alter­nativen Anbie­tern?

Neun von zehn dieser Anschlüsse, die gebucht werden, stammten von den alter­nativen Anbie­tern, betonen die Autoren der Studie. Beim Neubau von Glas­faser­anschlüssen bis ins Haus oder die Wohnung (FFTB/H) sei mit 2,1 Millionen ein neuer Höchst­stand inner­halb eines Jahres erreicht worden, die Zahl der „echten“ Glas­faser­anschlüsse (also bis ins Haus oder die Wohnung) sei um fast 40 Prozent auf 7,5 Millionen gewachsen.

Mehr als ein Drittel davon wurde von den Kunden auch gebucht. „Die Telekom holt bei den Glas­faser­anschlüssen zwar auf, vermarktet diese aber noch nicht so erfolg­reich wie die Wett­bewerber“, ermit­telte Prof. Gerpott.

Kabel-TV auf DOCSIS 3.1 aufge­rüstet

Die Aufrüs­tung der Kabel-TV-HFC-Netze und die Aufrüs­tung auf den aktu­ellen DOCSIS 3.1-Stan­dard, der Gigabit-Geschwin­dig­keiten erlaubt, stehe in Deutsch­land vor dem Abschluss. Insge­samt sei die Zahl der verfüg­baren Giga­bit­anschlüsse in Breit­band­kabel­netzen 2021 noch­mals um 1,2 Millionen auf fast 24 Millionen Anschlüsse gestiegen. Die Frage, ob Glas­faser oder HFC-Kabel besser sei, stelle sich nicht. Aller­dings gibt es inzwi­schen einige Kunden, die über beide Tech­nolo­gien erreichbar sind.

Der Trend zu schnel­leren Anschlüssen setze sich fort, wozu auch die Corona-Pandemie mit Home­office und -schoo­ling beigetragen habe. Mehr als die Hälfte nutzten Band­breiten von mehr als 50 MBit/s. Bereits 5,4 Millionen hätten "sehr schnelle" Anschlüsse (mit mehr als 250 MBit/s auf der Basis von Kabel-TV- oder Glas­faser­netzen gebucht, davon zwei Millionen mit mindes­tens 1 GBit/s. Damit habe sich die Kunden­zahl in diesem Segment inner­halb eines Jahres verdop­pelt.

Daten­volumen nimmt weiter rasant zu

Der Daten­hunger steigt: Im Fest­netz wird in diesem Jahr erst­mals die 100-Milli­arden-Giga­byte-Grenze über­sprungen (aktuell 102 Milli­arden) also 34 Prozent mehr als im Vorjahr. Das durch­schnitt­liche Daten­volumen pro Anschluss und Monat beträgt 230,7 Giga­byte (+30 Prozent).

Im Mobil­funk über­tragen Nutzer 2021 insge­samt rund sechs Milli­arden GB – eine Stei­gerung von 33 Prozent oder pro Monat durch­schnitt­lich 3,3 GB pro mobilem Nutzer.

Drei­viertel der Ende 2021 aktiven "persön­lichen" Mobil­funk-SIM-Karten erlaube es 4G oder 5G-Netze zu nutzen. „Die Anzahl der 5G-fähigen SIM-Karten hat sich inner­halb eines Jahres auf 10,8 Millionen mehr als verdrei­facht, so Gerpott bei der Vorstel­lung des Zahlen­werks.

Es wird mehr gespro­chen

Tele­fonie erfreute sich 2021 wach­sender Beliebt­heit. Täglich wurde rund 963 Millionen Minuten im Durch­schnitt tele­foniert. 2020 waren es noch 16 Prozent mehr als vorher gewesen, 2021 stieg es nur noch um vier Prozent.

2020 stieg erst­mals seit 13 Jahren die Zahl der Fest­netz­minuten – und dieses Jahr wurde noch häufiger per Fest­netz tele­foniert: Durch­schnitt­lich 296 Millionen Minuten pro Tag. (plus vier Prozent). Häufiger und länger greifen die Anwender zum Smart­phone: 433 Millionen Minuten täglich, 234 Millionen Minuten über OTT-Anbieter wie Face­book, WhatsApp, Face­time, HangOut, Skype oder ähnliche Anwen­dungen.

Fest­net­zum­satz seit 2016 leicht erst­mals stei­gend

Der Gesamt­umsatz aller TK-Anbieter steigt 2021 um 1 Prozent auf 59,1 Milli­arden Euro, im Mobil­funk­markt wachsen die Erlöse auf 26,1 Milli­arden Euro (+200 Millionen). 17,9 Milli­arden (+100 Millionen) entfallen auf die Wett­bewerber und 8,2 Milli­arden Euro auf die Deut­sche Telekom.

Im Fest­netz­markt werden die Unter­nehmen stabil 33 Milli­arden Euro (+400 Millionen) umsetzen – 15,5 Milli­arden Euro davon entfallen auf die Telekom (-200 Millionen Euro), die privaten Wett­bewerber (ohne Kabel­netze) werden dieses Jahr 11,4 Milli­arden Euro verbu­chen (+500 Millionen).

Der Kabel-TV-Markt wächst auf 6,1 Milli­arden Euro (+0,1 Prozent). Damit legten die Wett­bewerber beim Umsatz sowohl im Teil­markt Fest­netze als auch im Teil­markt Mobil­funk­netze leicht zu.

Wich­tiger Geschäfts­kun­den­markt

Der Geschäfts­kun­den­markt bleibt weiter hart umkämpft. Hier sind die Wett­bewerber noch sehr stark auf die Vorleis­tungen der Telekom ange­wiesen, trotz oder wegen der zweiten Vecto­ring-Entschei­dung der Bundes­netz­agentur.

Während die Telekom rund 11,8 Milli­arden Euro mit Geschäfts­kunden umsetzen werde, seien es bei den Wett­bewer­bern 9,2 Milli­arden Euro (Anteil 44 Prozent).

VATM-Präsi­dent: Realis­tische Ziele, rich­tige poli­tische Maßnahmen

VATM-Präsi­dent David Zimmer freut sich, dass die privaten Anbieter beim Gigabit-Ausbau aufholen konnten und an der Leis­tungs­grenze der verfüg­baren Bauka­pazi­täten arbeiten. Das sei dem Wett­bewerb zu verdanken. Man baue schneller, als vermarktet werden könne. Dennoch bleibe der zügige weitere Ausbau von digi­talen Netzen eine zentrale infra­struk­tur­poli­tische Heraus­for­derung.

Zimmer findet, dass die neue Bundes­regie­rung "hierfür umge­hend die Weichen stellen“ müsse.

Privat vor Staat

Die auf 2025 ausge­rich­teten Ausbau­ziele seien aber nicht zu schaffen, es sei Hand­lungs­per­spek­tive bis 2030 notwendig. Ausbau­pla­nungen und Förder­kon­zepte der alten Bundes­regie­rung hätten die Markt­dynamik nicht berück­sich­tigt. Notwendig sei ein „wirk­lich wett­bewerbs- und inno­vati­ons­freund­liches Umfeld".

Genü­gend Geld vorhanden

Für den Breit­band­ausbau, gerade auch für den länd­lichen Raum, stünden mehr als 30 Milli­arden Euro private Inves­titi­ons­mittel allein der Wett­bewerber zur Verfü­gung, 40 bis 45 Milli­arden Euro seien insge­samt zuge­sagt – mehr als je zuvor. Damit, so rech­neten die Experten vor, seien alle Haus­anschlüsse in Deutsch­land in direkter Glas­faser-Technik ins Haus bis 2030 reali­sierbar, wenn man von durch­schnitt­lichen Baukosten von etwa 1500 Euro pro Anschluss ausgehe.

Die aktu­elle Förde­rung verzö­gere den Ausbau nur um zwei bis drei Jahre und dürfe einen mögli­chen eigen­wirt­schaft­lichen Ausbau nicht verhin­dern.

Über­gangs­lösung mit Funk oder Satellit

Selbst ein Recht auf schnelles Internet oder weiter­gehende Versor­gungs- und Ausbau­ver­pflich­tungen könnten die Leis­tungs­fähig­keit der alten Kupfer­dop­pel­ader­netze nicht verbes­sern oder die Bau- und Fach­kräf­teka­pazi­täten erhöhen. „Für die Zeit bis zum kompletten Glas­faser­ausbau brau­chen wir eine unkom­pli­zierte Über­gangs­lösung, um die digi­tale Teil­habe aller Bürger zu ermög­lichen. Das könne ausschließ­lich per Funk oder Satellit erfolgen“, findet Zimmer.

Der neue Digi­tali­sie­rungs­zuschuss des Verkehrs­minis­teriums (BMVI) sei "leider unbrauchbar", da nur etwa ein Prozent der Problem­fälle abge­deckt werde und er "um Jahre zu spät" abrufbar sei.

Weit über 200.000 einzelne Gebäude verfügten bundes­weit in an sich gut versorgten Gebieten aufgrund der Physik zu langer Kupfer­dop­pel­ader­lei­tungen nicht über schnelles Internet. Hier müsste eine Funk­lösung her, bis terres­trisch ausge­baut werden könne.

Bauka­pazi­täten ausge­schöpft - kaum Fach­kräfte frei

Da Bauka­pazi­täten und Fach­kräfte auch in Zukunft nur begrenzt verfügbar sein dürften, will der VATM alle Möglich­keiten genutzt wissen, um schneller bauen zu können.

Ein heißes Thema sind die "modernen Verle­gever­fahren": Hier könnte "Minder­tiefe" und "Tren­ching" mehr Ausbau-Geschwin­dig­keit bringen, stößt aber bei Städten und Gemeinden auf Wider­stand, weil spätere Tief­bau­maß­nahmen für Gas, Wasser oder Kanal leicht zum Ausfall der schnell "oben drüber" verlegten Glas­faser­lei­tungen führen könnten.

Schnel­lere Geneh­migungen

Einig­keit herrscht darüber, dass bundes­weit harmo­nisierte und digi­tali­sierte Antrags- und Geneh­migungs­ver­fahren werden, weil es einfach viel zu lange dauert.

„Wir brau­chen einen verbes­serten Rahmen für inno­vative digi­tale Anwen­dungen, vor allem bei Verwal­tung und Gesund­heits­wesen, die konkreten Nutzen für die Bürge­rinnen und Bürger mit sich bringen und die Nach­frage nach Gigabit-Anschlüssen stimu­lieren“, fordert der VATM-Präsi­dent. Der Staat müsse zum Anbieter und zum Nach­frager solcher digi­talen Dienste werden.

Digi­tal­minis­terium mit Macht und Mitteln gefor­dert

Ein Digi­tal­minis­terium, das im Ressort­prinzip Mitspra­che­recht und entspre­chende Mittel hat, hält der VATM für sinn­voll. Es solle eine mit ausrei­chend kompe­tentem Personal ausge­stat­tete Digi­tal­agentur sein, "die zugkräftig agiert, bestehende Projekte vernetzt, Syner­gien kreiert und die Konzepte, Stra­tegien und Maßnahmen effi­zient in die Praxis über­führt.“

Prof. Gerpott ist hier eher skep­tisch, er findet, dass viele Aufgaben einer Digi­tal­agentur oder der Mobil­funk-Ausbau-Gesell­schaft MIG auch von der Bundes­netz­agentur geleistet werden könnten.

Die komplette Markt­studie steht zum Down­load bereit.

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