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"Nicht bei mir": Darum setzt die Telekom auf VDSL statt auf Glasfaser

Telekom-Chef Niek Jan von Damme erklärt im teltarif.de Interview, warum die Telekom an die Zukunft der Kupferleitungen glaubt, warum es keine 100prozentige LTE-Abdeckung geben wird und wie die All-IP-Umstellung voranschreitet.
Von Thorsten Neuhetzki
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Was macht den Reiz für Ihre Kunden aus, MagentaEINS zu buchen? Schließlich ist der Kombi-Tarif trotz des Rabattes mitunter noch teurer, als wenn der Kunde bei Wettbewerbern einzelne Bestandteile bucht.


Niek Jan van Damme: Für viele unserer Kunden spielt die Qualität eine entscheidende Rolle. Sie wissen, dass sie bei uns im Festnetz und im Mobilfunk das beste Netz bekommen. Das wird ja auch immer wieder durch verschiedene Tests belegt. Wenn es dann noch einen Preisvorteil bei einem Kombiangebot gibt, ist das für den Kunden natürlich schön. Gleichzeitig führt MagentaEINS bei den Kunden auch dazu, dass sie gerne weitere Dienste bei uns buchen. MagentaEINS wird künftig eine noch wichtigere Bedeutung bekommen, weil weitere Services integriert werden wie zuletzt zwei Jahre lang kostenloses EntertainTV sowie EntertainTV mobil auf Laptop, Tablet oder Smartphone. Unser Ziel ist es, den Kunden alle Sorgen rund um das Thema Kommunikation zu nehmen.

Vor einem dreiviertel Jahr haben Sie die neue Entertain-Plattform eingeführt. Nehmen Ihre Kunden die Plattform an?


Niek Jan van Damme: Ja, wir haben hier sehr gute Bewertungen von unseren Kunden bekommen und sehen auch, das Produktvorteile wie Restart und der sieben Tage rückblickende EPG, die es in dieser Form vorher noch nicht gab, bei den Kunden gut ankommen. Mit unserem Partner Huawei haben wir gerade in der Startphase auch schnell auf Kundenfeedback reagieren können und Verbesserungen vorgenommen.

Wie ist der Status Quo bei der All-IP-Umstellung in Ihrem Netz? Ist der 31. Dezember 2018 aus heutiger Sicht als Beendigungsdatum von klassischen Telefonanschlüssen zu halten? Was könnte das noch verhindern?


Niek Jan van Damme: Wir haben schon mehr als 50 Prozent der Anschlüsse auf All-IP umstellen können. Hier konnten wir also schon Bergfest feiern. Und es sind noch knapp zwei Jahre, die wir Zeit haben, auch die restlichen Anschlüsse All-IP-fähig zu machen. Pro Woche stellen wir 70 000 Anschlüsse auf die neue Technologie um. So wie es jetzt aussieht, schaffen wir die Umstellung bis Ende 2018. Wir sind hier aber auch auf die Hilfe unserer Kunden angewiesen, da es spezielle Anwendungen gibt, wo der Anschluss nicht einfach umgestellt werden kann. Nicht auszuschließen also, dass es vereinzelt auch 2019 klassische Anschlüsse gibt, bis wir hier Lösungen haben. Das sind aber auch keine Privatkundenanschlüsse, sondern Anschlüsse großer Geschäftskunden.

Die Telekom hat Ende 2016 den bisherigen Versatel-Chef Johannes Pruchnow als neuen Vorstandsbeauftragen für Breitbandkooperation verpflichtet. Wettbewerbskooperation - ist das ein Sinneswandel bei der Telekom?


Niek Jan van Damme: Es ist richtig, dass wir in den vergangenen Jahren Wholesale eher als eine Aufgabe gesehen haben, zu der wir verpflichtet waren. Kooperationen hat man früher selten gesehen. Das hat sich in den vergangenen Jahren aber an vielen Stellen schon geändert. Jetzt sind wir mit dem Fakt konfrontiert, dass Netzausbau auf Glasfaser-Basis, also FTTH/FTTB, auch von Wettbewerbern vorgenommen wird. Wir möchten unseren Kunden auch die Möglichkeit bieten, diese schnellen Leitungen zu buchen. Und wir wissen, dass die Wettbewerber ein Interesse haben, ihre Netze besser auszulasten.

Bedeutet das dann auch ein Ende des Überbaus bestehender Glasfaser-Infrastruktur der Wettbewerber durch ein VDSL-Netz der Telekom?


Niek Jan van Damme: Zunächst einmal ist Infrastrukturwettbewerb gewünscht und dafür stehen wir. Zusätzlich wollen wir Kooperationen eingehen - und das relativ breit. Das muss nicht beim Thema Wholebuy bleiben.

Und Sie gehen davon aus, das Ihre Wettbewerber ebenfalls ein Interesse an Kooperationen haben oder wurde gerade wenn es um Themen wie den Überbau von Netzen geht schon zu viel Porzellan zerschlagen in den vergangenen Jahren?


Niek Jan van Damme: Wir haben sicherlich an der ein oder anderen Stelle etwas zu reparieren. Das zeigt auch die lange Diskussion beim Thema Vectoring. Ich glaube aber , dass wir mit Johannes Pruchnow jemanden gewonnen haben, der beide Seiten gut versteht. Und ich denke, so viel kann man sagen: Wir haben auch schon erste Gesprächsangebote bekommen. "Vielleicht reden wir in zehn Jahren sogar schon über 6G." - Niek Jan van Damme im teltarif.de-Interview"Vielleicht reden wir in zehn Jahren sogar schon über 6G." - Niek Jan van Damme im teltarif.de-Interview

Wäre eine Netzinfrastruktur-Gesellschaft, wie Telefónica sie jetzt wieder vorgeschlagen hat, hilfreich für Deutschland?


Niek Jan van Damme: Man kann hier allgemein sagen, dass eine bundesweite Gesellschaft erhebliche Komplexität in technischer und rechtlicher Hinsicht mit sich bringen würde und wir daher regionale Kooperationen vorziehen.

Die Telekom hat für 2018 eine LTE-Netzabdeckung von 95 Prozent angekündigt. Ist damit dann das Ende der Fahnenstange erreicht, oder wird es eines Tages 99 oder 100 Prozent LTE-Abdeckung geben?


Niek Jan van Damme: Ich denke, es wird auf jeden Fall noch etwas weitergehen als die 95 Prozent. Aber alleine wenn Sie an Themen wie Topografie oder andere schlecht zu erreichende Gebiete denken, werden wir die 100 Prozent aber wohl nicht erreichen können. Und es gibt dann ja auch irgendwann den 5G-Ausbau.

Wie schnell können Sie denn das heutige LTE-Netz mit 5G aufrüsten?


Niek Jan van Damme: Es sind relativ wenig Anpassungen im Netz notwendig. Wenn der Standard etwa 2020 wirklich vorhanden ist und es Endgeräte gibt, kann das relativ schnell gehen.

Bevor es 5G gibt werden wir aber noch einmal eine ausführliche Frequenz-Diskussion haben, die sich schon heute abzeichnet. Dabei heißt es auch, im Zuge des 5G-Ausbaus könnte es zu einem Abschalten der UMTS-Netze kommen, um Frequenzen für 5G zu bekommen.


Niek Jan van Damme: Das sind durchaus Szenarien, die durchgespielt werden. Es wurde aber noch nichts festgelegt. Wenn wir uns dazu entscheiden, einen Standard zu Gunsten eines anderen abzuschalten, wäre das UMTS, aber nicht GSM.

Die Telekom hat ja 2016 erstmalig eine unlimitierte Flatrate auf den Markt gebracht, entweder als Tagespass für 4,95 Euro oder als Monatspauschale für knapp 200 Euro. Wie kommt diese an?


Niek Jan van Damme: Kundenzahlen kann ich Ihnen nicht nennen. Beide Produkte werden sehr gut von unseren Kunden angenommen. Viele nutzen die DayFlat unlimited sogar mehrfach im Monat. Das hohe Nutzungsinteresse zeigt uns, dass unsere Kunden auch unterwegs zunehmend Bedarf haben, das Internet ohne Einschränkungen nutzen zu können.

Ihr Mitbewerber o2 hat mit o2 Free einen ähnlichen aber doch anderen Weg eingeschlagen und die Drossel bei 1 MBit/s festgelegt und ist dabei preislich deutlich attraktiver.


Niek Jan van Damme: Das ist ein alternatives Modell und wir schauen und natürlich auch an, wie die Kunden das annehmen. Unsere Kunden nutzen im Schnitt mehr als 1 GB Daten pro Monat und haben Bedarf an höherer Bandbreite für Videos und ähnliches. Hier kommen die Kunden mit 1 MBit/s schnell an die Leistungsgrenze. Mit Produkten wie der DayFlat unlimited oder dem Tarif MagentaMobil XL Premium surfen unsere Kunden unterwegs nicht nur mit unbegrenztem Datenvolumen, sondern auch mit maximal verfügbarer LTE Geschwindigkeit.

Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft werfen. In zehn Jahren, 2027, welche Infrastruktur ist dann die wichtigste, was nutzen Ihre Kunden? 5G? Glasfaser? Oder immer noch das Kupfernetz mit der übernächsten Vectoring-Stufe?


Niek Jan van Damme: Es wird in jedem Fall das Glasfaserkabel sein, wenn es um den Hauptteil der Übertragungsstrecke geht, also den Backbone-Bereich. Wie die Datenrate dann zum Kunden kommt, sollte dem Kunden egal sein. Ob sich der Router zu Hause ein Mobilfunksignal sucht oder Festnetz nutzt, sollte den Kunden nicht interessieren müssen. Im Idealfall sollte der Router sogar eigenständig das Netz nutzen und dem Kunden so stets die beste Leitung bieten, ohne das der Kunde das merkt.

Welche Bedeutung wird 5G in zehn Jahren haben?


Niek Jan van Damme: Vielleicht reden wir dann sogar schon über 6G. Aber der Weg bis dorthin wird ein ganz neuer und wichtiger. Denn mit 5G werden wir vollkommen neue Dienste und Lösungen anbieten können. Dabei geht es bei weitem nicht nur um höhere Geschwindigkeiten. Diese allerdings könnten uns auch helfen, um die letzte Meile des Kunden zu überbrücken. Ich denke hier aber an Schlagworte wie Smart Home, Smart Living, Smart Car und Industrieanwendungen. Es wird viele Anwendungen geben, die wir uns heute noch nicht vorstellen können.

Vielen Dank für das Gespräch.



Offenlegung: Das Interview mit Niek Jan van Damme fand am 12. Dezember 2016 statt. Bedingt durch die Weihnachtsfeiertage und Geschäftsreisen hat sich die bei solchen Interviews übliche Autorisierung des Interviews verzögert. Durch die Autorisierung wurden keine wesentlichen Aussagen gegenüber dem gesprochenen Wort verändert. Den ersten Teil des Interviews hatten wir bereits Mitte Dezember veröffentlicht.

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