DAB+

Editorial: Dauerdiskussionsthema UKW-Abschaltung

Der Wechsel von UKW zu DAB+ wäre ganz einfach, wenn die Politik ihre Hausaufgaben gemacht hätte.
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RundfunkDie Verbreitung des UKW-Nachfolgers DAB+ verläuft schleppend Die Diskussion geistert schon seit Jahren durch die Medien, und sie wird uns sicher noch ein paar Jahre begleiten: Die Erörterung über das Für und Wider der UKW-Abschaltung. Fest steht nur, dass es viele gute Gründe gibt, die alte Analog­technik zu beerdigen. Fest steht aber auch, dass beim Radio bisher nur wenige Länder die Migration von analog zu digital vollzogen haben. Und dass genau deswegen die Migration stockt, und die Digital­technik ihre Vorteile nicht ausspielen kann.

Zweifelsohne war der UKW-Rundfunk eine sehr nützliche Erfindung. Dank Frequenz­modulation (statt der bei Lang- und Mittelwelle üblichen Amplituden­modulation) war die Qualität viel besser, und dank der höheren Frequenz konnten mehr Sender unter­gebracht werden. Zudem führte die höhere Frequenz zu einer höheren Dämpfung und damit entsprechend weniger Störungen durch Sender aus benachbarten Städten. Kein Wunder, dass sich die Technologie inzwischen seit weit über 50 Jahren erfolg­reich hält. Kurz- und Langwelle sind hingegen inzwischen so gut wie bedeutungslos geworden, entsprechende Sende­anlagen wurden bereits überwiegend stillgelegt.

Die Nachteile von UKW sind aber inzwischen zahlreich: Das Kanal­raster von 100 kHz ist verschwenderisch, am selben Standort sollte es sogar 300 kHz betragen. Die analoge Übertragung benötigt hohe Signal- zu Rausch-Abstände und entsprechend hohe Sende­leistungen. Das Signal kann immer nur von einem zentralen Sender aus ausgestrahlt werden, es ist nicht möglich, mit mehreren Sendern gemeinsam ein Gebiet "auszuleuchten".

Digitaltechnik kann das alles besser, hat aber zwei große Nachteile: Noch hat nicht jeder ein Digital­radio, und wenn dann endlich mal jeder eins hat, dann wird die Codierung inkompatibel zum Vorgänger verbessert und das Spiel mit der Anschaffung der Digital­radios beginnt von vorne.

Unverständliche Preise für Digitalradios!

Auf Amazon kostet der billigste MP3-Player (inklusive Kopf­hörer und Akku, allerdings ohne Flash-Speicher, den man in Form einer SD-Karte selber beisteuern muss) 2,56 Euro, sowie das billigste UKW-Radio 5,29 Euro. Wer jetzt meint, dass man einfach nur beides addieren müsste, um den Preis eines Digital­radios abzuschätzen, der irrt leider gewaltig. Das günstigste Radio mit DAB+ kostet 18,99 Euro, also mehr als doppelt so viel wie die Einzelteile zusammen!

Klar kann man jetzt einwerfen, dass der AAC-Dekoder im DAB+-Radio etwas teurer ist, verglichen zum MP3-Dekoder im MP3-Player. Dem lässt sich dann wieder entgegen­halten, dass man auf eBay einen auch mit AAC kompatiblen MP3-Player finden kann, der für 1,62 Euro aus Shenzhen verschickt wird - Versand­kosten inklusive, Mehrwert­steuer allerdings exklusive. Brutto kostet der AAC-Player somit 1,93 Euro und von dem dürfte der Akku (Laufzeit "bis zu 5 Stunden") das mit Abstand teuerste Bauteil sein. Der MP3- und AAC-Dekoder kostet somit wahrscheinlich keine 10 Cent.

Klar braucht man zusätzlich zum Audio­dekoder noch einen Digital­empfänger. Doch auch hier kann ich nicht nachvollziehen, warum dieser mehr als einen Euro kosten soll. Ein Smartphone Gigaset GS 160 kostet 90 Euro und bietet dafür 2G/GSM-Empfänger und -Sender auf vier Bändern, 3G/UMTS-Empfänger und -Sender auf zwei Bändern, sowie 4G/LTE-Empfänger und -Sender mit 150/50 Mbit/s auf vier Bändern. WLAN, Bluetooth, Display, Prozessor, Akku, Android-Betriebssystem, 16 GB Speicher, 2 GB RAM und was halt sonst noch alles zu einem kompletten Smartphone gehört, wird ebenfalls von den 90 Euro abgedeckt. Da sollte es also möglich sein, für 1 Euro einen Chip zu fertigen, der zu nichts anderem da ist, als einen DAB-Kanal mit 2,304 Mbit/s zu dekodieren.

Wenn es doch teurer wird, dann entweder weil die Stück­zahl fehlt, oder weil es beim Wechsel von DAB zu DAB+ doch irgend­jemandem gelungen ist, erneut ein Patent zu platzieren. Denn DAB ging 1995 in Schweden in den kommerziellen Betrieb, entsprechende Patente sollten längst ausgelaufen sein. Sollte es also Patente zu DAB+, dann sollten sich die einschlägigen Gremien (Landes­medienanstalten etc.) zusammen­setzen und berat­schlagen, wie sie diese offensichtlich massiv preis­treibenden Patente aus der Welt bekommen, oder zumindest die Inhaber davon überzeugen können, die Lizenz­gebühren auf ein sinnvolles Maß zu reduzieren. Dabei könnte ihnen zugute kommen, dass die Erfindungs­höhe, beim Upgrade von DAB zu DAB+ den Audiocodec von MP3 zu AAC zu wechseln, nun nicht so wahnsinnig hoch sein dürfte. Entsprechend ist das ganze Patent in Gefahr, sollte es gerichtlich angegriffen werden.

Das Problem mit der Stück­zahl könnte man (nachdem die Patent­frage geklärt ist) sofort lösen, indem in möglichst vielen Ländern der EU gesetzlich vorgeschrieben wird, dass UKW-Radios auch einen Empfänger für DAB+ enthalten müssen. Wie gesagt, diese Radios werden in der Fertigung dann 1,10 Euro teurer als bisher, dafür bekommt man ein deutlich besser für die Zukunft gerüstetes Radio als derzeit. Denn egal ob UKW oder DAB+ zuerst abgeschaltet wird: Eines der beiden Empfangs­teile wird auch danach noch funktionieren.

Überall eingebaut

Ist der DAB+-Chip erstmal Standard geworden, wird die Akzeptanz des neuen Radios schnell steigen: Mehr Kanäle, schnellere Sender­suche und an den meisten Orten auch ein besserer Empfang. Ja, jeder wird eine Ecke kennen, an der UKW noch irgendwie geht, aber DAB+ nicht. Dafür gibt es aber hunderte Ecken, an denen DAB+ geht, dafür UKW nicht. Für die interessiert sich nur derzeit keiner, weil die Bürger - zu Recht! - Angst haben, dass man ihnen UKW wegnimmt. Anders als beim Fernsehen, wo ein Parallel­betrieb der verschiedenen Welten (Analog, dann DVB-T, inzwischen DVB-T2) wegen des hohen Ressourcen­bedarfs praktisch nicht möglich war, ist er beim Radio kein Problem und sowieso derzeit Standard. Nur müssen im nächsten Schritt die DAB+-Empfänger auch unter's Volk gebracht werden - und da versagt derzeit die Politik.

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