Neueinsteiger

Ausprobiert: Ubuntu-Smartphone hat ein außer­gewöhn­liches Bedien­konzept

Wir haben uns das Betriebssystem Ubuntu Phone auf dem Mobile World Congress in Barcelona angeschaut. Das alternative Betriebssystem überzeugt mit einem ungewöhnlichen Bedienkonzept. Noch zögern die Hardware-Hersteller allerdings.
Vom MWC in Barcelona berichtet

Der Sperrbildschirm des Ubuntu-Phone-Betriebssystem. Der Sperrbildschirm
Bild: teltarif.de / Alexander Kuch
Kleine und alternative Smartphone-Systeme führen oft ein Nischendasein - oft ist daran nicht nur das Marketing schuld, sondern manche Systeme und Konzepte sind einfach noch nicht ausgereift. Ubuntu Phone, das schon seit einiger Zeit entwickelt wird, hat allerdings dank seines neuartigen Bedienkonzepts etwas mehr Aufmerksamkeit verdient. Auf dem Mobile World Congress in Barcelona haben wir das System eingehend unter die Lupe genommen.

Der Sperrbildschirm des Ubuntu-Phone-Betriebssystem. Der Sperrbildschirm
Bild: teltarif.de / Alexander Kuch
Die Firma Canonical entwickelt schon seit vielen Jahren Ubuntu für Desktop-Computer und will das neue Ubuntu Phone noch im Jahr 2014 fertigstellen und auf den Markt bringen. Allerdings benötigt das Unternehmen dafür Hardware-Partner, die ein kompatibles Smartphone bauen. Ein Sprecher von Canonical bestätigte auf dem MWC gegenüber teltarif.de, dass das Unternehmen mit allen wichtigen Smartphone-Herstellern Gespräche zum Bau eines Ubuntu-Phones führt. Einige wenige kleinere asiatische Hersteller haben bereits zugestimmt, doch von den großen und bekannten Smartphone-Herstellern gibt es bislang noch keine Zusage.

Für die Vorführung des Systems auf der Messe haben die Entwickler das System daher kurzerhand auf einem Nexus 4 installiert, weil das System mit diesem Gerät wohl ordentlich funktioniert. Das auf unseren Bildern zu sehende Gerät ist also nicht das fertige Ubuntu-Phone.

Bedienkonzept zum Teil ganz anders als bei iOS und Android

Die App-Übersicht am linken Bildschirmrand. Die App-Übersicht
Bild: teltarif.de / Alexander Kuch
Bei unserem Kurztest bekamen wir zuerst den Sperrbildschirm zu sehen, der ganz anders aussieht als bei anderen Betriebssystemen. Der Bildschirm wirkt wie eine Wählscheibe, beim näheren Hinsehen zeigt sich aber, dass dort alle wichtigen Benachrichtigungen in Kreisform angeordnet sind. Darüber gibt es wie gewohnt Datum, Uhrzeit und eine Statusbar. In der Statusbar sind die üblichen Benachrichtigungen, die Uhrzeit sowie die Statusanzeigen von Akku, Netzverbindungen, Bluetooth usw. untergebracht.

Interessant ist, dass Ubuntu Phone kein klassisches App-Menü mitbringt - so wie andere mobile Systeme. Wischt man vom linken Bildschirmrand nach innen, erscheinen alle auf dem Telefon installierten Apps auf einer Leiste. Apps sind natürlich auch außerhalb dieser Leiste zugänglich. Ubuntu unterscheidet hier zwischen Apps und "Scopes": Apps sind klassische Smartphone-Anwendungen, während Scopes auch Nachrichten-Quellen oder Links sein können. Die selbst konfigurierbaren Scopes übernehmen also dieselbe Aufgabe wie die Kacheln in den Windows-Systemen oder auch bei diversen Android-Oberflächen. Allerdings gibt es bei Ubuntu noch keine Live-Scopes, die sich automatisch aktualisieren.

App-Wechsel einmal anders. App-Wechsel
Bild: teltarif.de / Alexander Kuch
Ubuntu beherrscht natürlich die gleichzeitige Ausführung mehrerer Apps, und für den Wechsel zwischen den Apps haben sich die Ubuntu-Entwickler etwas Geniales einfallen lassen: Ein Wisch von rechts bringt den Nutzer zur zuletzt verwendeten Anwendung. Wischt der Nutzer von links nach rechts, erscheinen alle Apps in einer Art Karteikarten-Ansicht nebeneinander. Diese Ansicht hat uns stark an die Aero-Effekte von Windows Vista erinnert.

Interessantes Konzept für Statusbar und App-Auswahl

Auch die Statusbar bringt ein Feature mit, das man bislang auf Smartphones vergeblich sucht. Erscheinen unter iOS oder Android mehrere Benachrichtigungen, beispielsweise über zwei neue SMS, eine E-Mail und ein App-Update, wischt der Nutzer die Statusbar nach unten und tippt eine der Benachrichtigungen an. Nun verschwindet die Statusbar und die App öffnet sich, danach muss der Nutzer die Statusbar allerdings für die nächste Benachrichtigung wieder nach unten ziehen. Bei Ubuntu Phone hingegen bleibt die Statusbar stehen und der Nutzer kann aus dem Benachrichtigungszentrum heraus zum Beispiel Twitter-Feeds absetzen, eine SMS beantworten oder sogar ein Telefonat annehmen - die Statusbar bleibt.

Einige wenige Apps, beispielsweise für Facebook, sind schon vorhanden. App-Auswahl noch gering
Bild: teltarif.de / Alexander Kuch
Selbstverständlich gibt es für Ubuntu Phone noch kein so großes App-Universum wie für andere mobilen Systeme. Einige wichtige Anwendungen wie Facebook, Twitter, Google Mail und Maps, Spotify, Amazon oder eBay sind aber bereits vorhanden. Grundlegende Funktionen wie Browser, Kalender, Uhr, Dateimanager, Musikplayer, Notizfunktion und eine Wetter-App sind ebenfalls an Bord.

Aufgrund der noch überschaubaren Entwicklergemeinde sind speziell für Ubuntu Phone programmierte Anwendungen noch rar gesät. Anlässlich des Mobile World Congress konnte das Ubuntu Phone immerhin mit einem touristischen Barcelona-Reiseführer aufwarten. Auch eine Sport-App, die den Nutzer mit Fußballergebnissen versorgt, gibt es anlässlich der bevorstehenden Fifa-WM bereits.

Man darf also gespannt sein, wann und in welcher Form Ubuntu Phone noch in diesem Jahr auf den Markt kommt - und vor allem, auf welcher Hardware. Zusammenfassend betrachtet erschien uns das System nach dem kurzen Test durchaus interessanter als das deutlich einfachere Tizen oder auch das schon auf einigen Geräten verbreitete Firefox OS.