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Telekommunikation: Vom Luxusgut zur Allgemeinware

smart grid, eCall & mehr: Die Zukunft liegt im Service für andere Branchen
Aus Köln berichtet

Bis zum Jahr 2000 war Telekommunikation überwiegend Selbstzweck: Mit klar definierten Telekommunikations-Endgeräten (kurz: Telefon, Fax oder Handy) konnte man gezielt Selbstwählverbindungen zu anderen Telekommunikations-Endgeräten (kurz: Telefon, Fax oder Handy) aufbauen, und dann konnten Anrufer und Angerufener miteinander telefonieren oder ein Dokument übertragen. Klar gab es erste vielversprechende Umsätze mit neuen Diensten, allen voran dem breitbandigen Internetzugang, aber deren Umsatzanteil war insgesamt gering.

Euroforum 2011 in Köln Euroforum 2011 in Köln
Foto: EUROFORUM/S. Hergenröder
Die Vorträge und Diskussionen auf der Euroforum-Konferenz [Link entfernt] und Handelsblatt-Jahrestagung "Telekommarkt im Umbruch" zeigen deutlich, dass diese traute Zeit vorbei ist. Der Wandel ist zu offensichtlich: Ist ein Tablet ein Telekommunikationsendgerät, ein PC-Ersatz, eine Spieleplattform oder ein Lesegerät? Nun, er ist von allem ein bisschen.

Mehr Geräte, mehr Funktionen, weniger Gewinn

Zwar nimmt die Zahl der zur Telekommunikation fähigen Geräte rapide zu, gleichzeitig wird aber die Telekommunikation in einem Gerät zu einer Funktion unter vielen. Die Telekommunikations-Affinität und damit die Zahlungsbereitschaft der Kunden für die über das Gerät abgewickelten Tk-Dienste nimmt ab. Zudem wird es immer mehr Ausweichmöglichkeiten geben: Ist zum Beispiel die Online-Navigation, bei der die Karten während der Fahrt von einem Server heruntergeladen werden, zu teuer, weichen die Kunden halt auf eine Offline-Lösung mit vorinstallierten Karten aus.

Doppelt vernetztes Stromnetz

Beispiel "smart grid": Um der dank des steigenden Anteils erneuerbarer Energien immer schneller wechselnden Lastsituation auf den Stromnetzen gerecht zu werden, ist intelligente Steuertechnik im Stromnetz der Zukunft nicht nur im Kernnetz erforderlich, sondern bis hin zum Einzelverbraucher. Die Tiefkühltruhe oder Klimaanlage der Zukunft kühlt zu Zeiten hoher Stromverfügbarkeit und günstiger Preise etwas stärker, als sie eigentlich müsste, um später bei Knappheit und höheren Preisen vom Netz gehen zu können. Bei der Spülmaschine bekommt der Kunde einen weiteren Druckknopf, mit dem er festlegen kann, ob diese sofort startet, oder ob sie selber einen späteren, voraussichtlich günstigeren Zeitpunkt wählen soll.

Für die dicken Akkus von Elektroautos wird gar die Möglichkeit diskutiert, dass deren Laderegler nicht nur optimiert dann einschalten, wenn gerade viel Strom verfügbar ist, sondern dass diese bei Stromknappheit sogar Leistung ins Netz rückspeisen. Schon die von der Bundesregierung immer wieder genannten "1 Million Elektrofahrzeuge bis 2020" könnten die Stromproduktion mehrerer großer Kohleblöcke für einige Stunden puffern.

Nur wenige Bits fürs intelligente Stromnetz

Freilich: Für die genannten Steuerungen müssen nur vergleichsweise wenige Bit übertragen werden, und das möglichst kostengünstig. Gleich mehrere Redner der Euroforum-Konferenz stellten klar, dass das "smart grid" nicht die 120 Milliarden Euro (Angabe: René Schuster, CEO Telefónica Germany) bezahlen kann, die der Vollausbau mit Fibre-to-the-Home-Netzwerken (kurz: FTTH) in Deutschland kosten würde. Die Geschwindigkeiten, die Glasfaser-Netze bereit stellten, seien zum Auslesen von "smart meters" definitiv nicht erforderlich. Aus Telekommunikationssicht sei der "intelligente Stromzähler" nicht mehr als ein "simpler Sensor".

Laut Dr. Ing. Egon Leo Westphal, Mitglied der Geschäftsführung der E.ON Energie AG, steht bis heute noch nicht einmal andeutungsweise fest, wie die nötige Kommunikation und Steuerelektronik auf Kundenseite organisiert wird: Gibt es ein zentrales Steuergerät im Haus des Kunden? Und wenn ja, gehört dieses dem Energieversorger oder dem Kunden? Wird es mit in den Zähler integriert oder seperat installiert? Und welche weiteren Funktionen übernimmt es noch? Noch viel weniger steht fest, wie die Netze den aktuellen Belastungszustand signalisieren können, damit die Endgeräte darauf reagieren.

Das klingt wie der ultimative Startschuss für die Telekommunikations-Branche. Denn in der Disziplin, aus vielen technischen Möglichkeiten eine sinnvolle auszuwählen, und diese dann weltweit zu standardisieren, hat sie Übung: Telefax-Geräte, Analogmodems, analoge und digitale Schnurlostelefone, ADSL, VDSL, oder digitale Mobilfunknetze der zweiten (GSM), dritten (UMTS) oder vierten (LTE) Generation: Alles Standards, die sich jeweils fast oder ganz weltweit durchgesetzt haben. Zum Vergleich: Die Energieversorgungsunternehmen haben es bis heute noch nicht einmal zu einem einheitlichen Schutzkontakt-Stecker gebracht.

Welche Rolle die Telekommunikation künftig im Bereich der Stromnetze und bei Autos spielt, lesen Sie auf der nächsten Seite.

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