Interview

Telekom-Technik-Chef: "Kunden profitieren vom HSDPA-Ausbau"

Bruno Jacobfeuerborn im Interview mit teltarif.de zu Bandbreiten & Drosselgrenzen
Von Thorsten Neuhetzki
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Immer mehr Bandbreite wird in den deutschen Netzen bereitgestellt. Im Mobilfunk scheinen Geschwindigkeiten jenseits der 14,4 MBit/s Normalität zu werden, per Kabelnetz sind 100 MBit/s und mehr möglich und LTE-Netze sollen in Kürze ebenfalls zweistellige Bandbreiten bringen.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten: Viele Nutzer beklagen sich, dass sie nicht die versprochenen Bandbreiten bekommen oder zu schnell im Speed gedrosselt werden. Viele sind auch durch die Diskussionen rund um das Thema Netzneutralität verunsichert. Wir haben in diesem Zusammenhang mit dem Technik-Chef der Deutschen Telekom, Bruno Jacobfeuerborn, auf der weltgrößten ITK-Messe, der CeBIT in Hannover, gesprochen. Telekom-Technik-Chef Bruno JacobfeuerbornTelekom-Technik-Chef Bruno Jacobfeuerborn

Herr Jacobfeuerborn, mit welcher Bandbreite sind Sie gerade online?

Jacobfeuerborn: Hier auf der CeBIT steht uns die maximale Bandbreite, die unser Netz bietet, zur Verfügung.

Das heißt, Sie sind mit 21,6 MBit/s online?

Jacobfeuerborn: Ja, theoretisch wäre ich mit 21,6 MBit/s online, allerdings kann mein Endgerät mit dieser Geschwindigkeit noch nicht umgehen.

Was nutzen Sie zuhause für eine Bandbreite?

Jacobfeuerborn: 50 MBit/s.

Also das Maximum, das Ihnen Ihr Arbeitgeber schalten kann?

Jacobfeuerborn: Ja, aber ich glaube, netto sind es 47,8 MBit/s. Die habe ich mal gemessen.

Es gibt den Trend zu immer mehr Bandbreite. Vergangenes Jahr haben wir uns an dieser Stelle über den geplanten Ausbau mit 21,6 MBit/s in der Fläche unterhalten, das ist jetzt da …

Jacobfeuerborn: Ja, fast überall im Netz. Wir haben noch ein paar Sites, die wir austauschen müssen, die noch keine 21,6 MBit/s können. Aber der Rest ist aufgerüstet, ja.

… der nächste Step ist jetzt 42 MBit/s. Beim Kunden kommt jedoch weitaus weniger an. Wir haben diese Eindrücke gesammelt und die Kollegen der ComputerBILD haben vergangene Woche Ergebnisse veröffentlicht, wonach im Schnitt knapp 2,5 MBit/s - mit Speed-Option etwa 6 MBit/s - beim Kunden ankommen. Wie kommt es zu diesen enormen Diskrepanzen?

Jacobfeuerborn: Dem gehen wir nach. Ich habe die Testergebnisse auch gelesen und ich habe meine eigenen Kollegen messen lassen. Wir sind in unseren Tests im Peak weit über diese Werte gekommen. Wir werden jetzt hinterfragen, mit welchen Endgeräten in dem Test gemessen und welche SIM-Karten genutzt wurden, um auszuschließen, dass dort nicht etwaige Limitationen einen schnellen Datentransfer verhindert haben.

Wäre es da nicht sinnvoller, den Kunden offen zu sagen: "Wir liefern 6 bis 10 MBit/s, aber die bekommst du auch"?

Jacobfeuerborn: Mobilfunk ist ja ein shared medium (mehrere Nutzer teilen sich gemeinsame Bandbreite, Anm. d. Red.). Wir haben die Bandbreite erhöht, wir haben die Geschwindigkeit erhöht und es ist nicht nur ein Nutzer im Netz. Natürlich profitieren die Kunden dann deutlich davon - auch wenn wir auf 42 MBit/s hochgehen werden. Wir haben zusätzlich noch die Anbindung der Stationen breitbandig gemacht und damit haben die Kunden, die heute Smartphones und Laptops nutzen, definitiv eine ganze Menge von dieser Erhöhung.

Welchen Sinn machen denn immer höhere Bandbreiten, wenn man sie nur verhältnismäßig kurz nutzen kann? Nehmen wir den Idealfall an: Ich bekomme 21 MBit/s aus der “Leitung” und nutze sie auch aus - sei es mit YouTube HD als Privatkunde oder mit der Übermittlung großer Datenmengen als Pressefotograf. Ziemlich schnell surfe ich wieder langsam, weil eine Drosselungsgrenze erreicht wurde. 21,6 MBit/s kann ich nicht den ganzen Monat hindurch ausfahren...

Jacobfeuerborn: Das ist nur bedingt richtig. Sie haben ja die Möglichkeit, mit entsprechenden Tarifen die Drosselgrenze nach oben hin zu erhöhen.

Aber irgendwann ist jeder Tarif gedeckelt bei Ihnen. Der größte gerade auf der CeBIT vorgestellte Tarif hat 20 GB Inklusivvolumen.

Jacobfeuerborn: Wenn wir uns die normalen Nutzung der Kunden anschauen, ist es aus meiner Sicht so gut wie unmöglich, unter normalen Voraussetzungen an diese Grenze heranzukommen. Wenn man den Zugang natürlich - in Anführungszeichen - missbräuchlich nutzt, finden sie immer eine Möglichkeit, an eine bestimmte Grenze ran zu kommen. Da kann ich Ihnen ein paar Beispiele aus dem Festnetz geben: Wir haben da einige Nutzer, die müssten rund um die Uhr mit maximalem Speed online sein. Und ich denke nicht, dass die das für ihr Privatvergnügen nutzen. Da steckt also ein anderes Business dahinter.

Bei LTE gehen Sie nun einen vergleichbaren Weg, allerdings setzen Sie die Drosselungsraten im Vergleich zur mobilen Nutzung sehr restriktiv an, so dass Call & Surf Comfort via Funk zumindest aktuell kein wirklicher DSL-Ersatz ist.

Jacobfeuerborn: Wichtig ist auch hier: LTE ist ein shared medium. Wir schaffen im ländlichen Raum eine Breitbandanbindung, die auf eine normale Nutzung ausgerichtet ist. Unser Ziel ist eine möglichst realitätsnahe Aussage zu treffen, die nicht nur für einige wenige, sondern für möglichst viele Kunden auch erreichbar ist. Die in unserem Angebot enthaltenen 3 MBit/s sind hierbei ein nach unseren Erfahrungen optimaler Kompromiss zwischen dem Versprechen einer "Breitbandversorgung für alle" und einem preislich attraktiven Angebot.

Bleiben wir beim Thema LTE: Im Februar haben Sie die Vorvermarktung gestartet, im April sollen die Kunden freigeschaltet werden. Bringen Sie uns auf den aktuellsten Stand: Wie viele Standorte gibt es, wie viele weiße Flecken werden im April eliminiert sein?

Jacobfeuerborn: Fangen wir mit der letzten Frage an: Weiße Flecken sind im Breitband-Atlas der Bundesregierung zusammengefasst und es gibt Lizenzbedingungen, die wir erfüllen wollen. Wir gehen davon aus, bis 2012 die weißen Flecken geschlossen zu haben. Wir haben im letzten Jahr bereits 1000 geschlossen, davon 500 mit LTE, in diesem Jahr werden wir 1500 weitere versorgen.

Arbeiten Sie mit den beiden Mitbewerbern bei LTE insofern zusammen, als dass man sich gegenseitig mitteilt, wo Sender aufgebaut wurden? Oder kann es sein, dass drei Netzbetreiber einen Ort versorgen, während ein anderer Ort zunächst noch quasi offline bleibt?

Jacobfeuerborn: Wir haben im vergangenen Jahr gesagt, dass wir offen sind für Diskussionen mit den Netzbetreibern, es hat auch Gespräche gegeben. Es ist aber nicht so weit gekommen, dass man jetzt eine Kooperation hat. Hier baut jeder entsprechend seiner Notwendigkeit und seinen Interessen das Netz aus.

Mit Speedoptionen und Drosselungen haben wir schon die Light-Variante der Aufhebung der Netzneutralität. Wie lange wird es noch dauern, bis ich für mein YouTube Video extra zahlen muss?

Jacobfeuerborn: Solche Planungen sind mir nicht bekannt.

Und wann bitten Sie Google & Co. zur Kasse?

Jacobfeuerborn: Es geht uns nicht darum, für bestehende Transportleistungen mehr Geld zu verlangen. Es geht uns darum, neue Geschäftsmodelle im Internet zu ermöglichen, die eine gesicherte Qualität brauchen. Für die meisten Nutzer spielt es keine Rolle, ob eine E-Mail ein paar Sekunden später ankommt. Beim Ansehen eines Videos sind Verzögerungen im besten Falle nur störend. Bei Echtzeitanwendungen wie Online-Trading, Videokonferenzen oder gar Telemedizin kann eine zu langsame Datenübertragung dagegen gravierende Folgen haben. Strikte Gleichbehandlung sämtlicher Datenpakete würde qualitätssensitive Anwendungen in ihrer Funktion einschränken bzw. sie ganz unmöglich machen. Innovative Dienste würden so verhindert. Das kann weder im Sinne des einzelnen Nutzers noch der Allgemeinheit sein. Wir brauchen deshalb eine intelligente Steuerung des Internetverkehrs. Dabei geht es nicht um Zensur oder die Frage, ob bestimmte Daten überhaupt transportiert werden. Es geht lediglich darum, welche Qualität beim Transport garantiert wird.

Wäre die Aufhebung der Netzneutralität nicht auch ein Wettbewerbsnachteil? Ich als Kunde würde mir doch dann einen Anbieter suchen, der mir alle Daten gleich schnell ausliefert.

Jacobfeuerborn: Wir haben nicht vor, irgendeinen Dienst oder Kunden in irgendeiner Form zu benachteiligen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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