Fernsehen

Telekom: Settop-Box für TV zukünftig im Internet

Wer als Netzbetreiber mehrere Generationen von Settop-Boxen für Videos mühselig bei den Kunden warten und aktualisieren muss, kennt den Horror, alte Boxen für unflexible Kunden am Leben halten zu müssen. Die Telekom entwickelt nun eine Settop-Box in der Cloud.
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Ein wichtiger Tenor des Ultra-Broadband Forums in der vergangenen Woche war, dass Netzbetreiber ihre Kunden am besten dadurch binden, dass sie interessante Video-Services und IP-TV bieten. Auch die Deutsche Telekom tut dies seit vielen Jahren mit ihrer Entertain-Plattform. Hierfür erhält der Kunde einen Media Receiver von der Telekom.

Auf dem Ultra-Broadband Forum gab Dr. Randolph Nikutta von der Abteilung T-Labs (Research & Innovation) bei der Telekom interessante Einblicke in die Wartungspraxis der Media Receiver. Letztendlich sei es ein "Horror", stets mehrere Generationen von Settop-Boxen pflegen zu müssen. Denn immer wieder gibt es neue Video-Dienste im Internet, oder bereits bekannte Dienste ändern ihr Protokoll. In diesem Fall muss der Netzbetreiber oft eine ganz neue Firmware auf die Receiver des Kunden spielen. Dabei ist die technische Leistungsfähigkeit der Boxen oft stark begrenzt - und der Kunde ärgert sich, wenn der Receiver während eines Updates nicht genutzt werden kann.

Die Telekom forscht in ihrem Entwicklungscenter T-Labs daher an einer Settop-Box in der Cloud. Randolph Nikutta erläuterte auf der Veranstaltung, was das für Vorteile hat und stellte teltarif.de nun weitere Informationen zur Verfügung.

Geht es wirklich ganz ohne Hardware?

Telekom forscht an Cloud-basierter Video-PlattformTelekom forscht an Cloud-basierter Video-Plattform Wenn die Branche schon über eine Virtualisierung von Netzen nachdenkt - warum sollte man dann die Settop-Box nicht ebenfalls in die Cloud verlagern, fragte sich die Telekom. In der Branche gibt es aber noch Vorbehalte: Die Technik sei erst in drei bis vier Jahren marktreif und in Stoßzeiten könnte das System sicherlich nicht den ganzen Traffic der Nutzer bewältigen. Außerdem könne der Nutzer das Programm nicht mehr lokal aufzeichnen und geschützter Content lasse sich nicht übertragen, lauten die Einwände.

Doch die Vorteile einer Settop-Box in der Cloud liegen laut Nikutta auf der Hand: Der Netzbetreiber muss das System nur einmal warten, und zwar in der Cloud, und schon verfügen alle Nutzer über die aktuelle Version des Dienstes. Kein Nutzer kann mehr ein Update verweigern oder krampfhaft an seinem vielleicht längst veralteten Receiver festhalten. Ärgernisse wie eine komplette Plattform-Migration beim Kunden fallen daher weg.

Ganz ohne Hardware wird es laut Nikutta beim Nutzer zuhause allerdings nicht gehen, auch wenn der eigentliche Video-Dienst in der Cloud sitzt. Prinzipiell werden der Hauptteil der Rechenkapazität und der Webbrowser in die Cloud verlagert (die Inhalte sind ja jetzt schon dort oder kommen aus dem Internet). Für die Dekodierung der Videos benötigt der Nutzer zuhause aber weiterhin Hardware, ebenfalls zum Entschlüsseln von Pay-TV-Programmen. Auf der Hardware des Kunden muss ein Client für den Cloud-basierten Videoservice installiert sein, der auch grundlegende Fehlermeldungen ausgeben kann, wenn etwas nicht funktioniert.

Alle diese Funktionen könnten auch in einen Smart-TV integriert werden, der Kunde bräuchte dann keine separate Box mehr. Möchte der Nutzer das TV-Programm aufzeichnen, könnte man ihm eine Recording- oder Timeshift-Möglichkeit in der Cloud anbieten oder ihm auf Wunsch doch wieder einen Festplatten-Rekorder schicken.

Funktionsweise des Cloud-basierten Video-Services
Funktionsweise des Cloud-basierten Video-Services

Was sind die Vorteile für Kunden und Netzbetreiber?

Nikutta legte dar, dass die Netzbetreiber mit ihren Video-Services schon längst mit den Over-the-Top-Anbietern konkurrieren. Diese - wie zum Beispiel Netflix oder Amazon - entwickeln bei Änderungen einfach eine neue App für alle Plattformen, und das war's. In diese Richtung müsste auch eine Cloud-basierte Settop-Box gehen.

Für den Netzbetreiber hat es den Vorteil, dass er eine neue Firmware nicht auf zig Receiver-Generationen testen muss, bevor er sie ausliefert. Sie wird nach der Fertigstellung einfach in die Cloud gespielt. Das Problem vieler jetziger Settop-Boxen ist, dass sie mit 4K- oder Virtual-Reality-Content hoffnungslos überfordert sind. Herstellung und Versand neuer Boxen würde viel mehr kosten als eine Verlagerung der Box in die Cloud.

Auch verschiedene Medienformate der Videoanbieter haben zum Teil zur Folge, dass alte Boxen neuere Formate nicht abspielen können und neuere Boxen immer noch mit Support für ältere Formate ausgeliefert werden müssen. In der Cloud lässt sich dies vereinheitlichen. Die Plattform muss natürlich so beschaffen sein, dass sie gleichzeitig Internet-Video-Formate und ältere Video-Signale wie Kabel- oder Satelliten-Fernsehen verarbeiten und ruckelfrei zum Kunden transportieren kann.

Zum Schluss seiner Präsentation gab Nikutta eine technische Übersicht, was diverse Dienste an Bandbreite und Latenzzeit benötigen dürfen. Die Benutzeroberfläche soll dabei maximal 300 kBit/s bei einer Latenzzeit von 150 bis 400 Millisekunden benötigen. Bei Video- und Gaming-Inhalten mit maximal Full-HD sollen bis zu 8 MBit/s notwendig sein, bei 4K-Inhalten bis 16 MBit/s. Bei der Übertragung aller Inhalte soll die Latenzzeit bestenfalls bei ca. 300 Millisekunden liegen. Realisierbar wird ein derartiger Dienst ohnehin nur in Ländern mit Festnetz-Infrastruktur sein. Erste Netzbetreiber in verschiedenen Ländern würden bereits Video-Dienste in der Cloud anbieten. Es sei eine große Herausforderung, einen derartigen Cloud-basierten Video-Dienst in Länder mit überwiegend Mobilfunkempfang zu bringen, so Nikutta abschließend. Mit 5G könnte dies allerdings gelingen.

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