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TK-Experte Gerpott: Telekom argumentiert irreführend

Die Telekom solle in zukunftsfähige Netze investieren statt der Öffentlichkeit Sand in die Augen zu streuen, kommentiert TK-Experte Gerpott.
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Seit Monaten tobt ein Streit in der Branche der Festnetz-Anbieter: Die Telekom und die Wettbewerber haben unterschiedliche Positionen zum Ausbau der Glasfaser­netze in Deutschland bezogen. Dabei wird der Ton auch schon mal etwas rauer und die beteiligten Parteien werfen sich gegenseitig Jammern und falsche oder unvollständige Informationen vor. Jetzt hat der TK-Experte Prof. Dr. Torsten J. Gerpott in der Fachzeitschrift NET einen unabhängigen Blick auf diese Diskussion geworfen uns sich dabei vor allem die Argumente der Telekom angeschaut.

In den vergangenen fünf Jahren habe die Telekom mehr als 120 000 Kilometer Glasfaser neu verlegt, argumentiert die Telekom immer wieder. Die Telekom-Chefs fordern die Wettbewerber immer wieder auf, statt zu jammern lieber mehr zu investieren. Mit ihrem geplanten Ausbau der Nahbereiche der Vermittlungs­stellen mit VDSL Vectoring sorge sie für mehr Wettbewerber. Gerpott kommt hier zu einem Resümee: "Würdigt man die Fakten zur Einordnung derartiger Aussagen, so erkennt man, dass hier vom DT-Topmanagement (DT=Deutsche Telekom, Anm. d. Redaktion) deutlich an der Realität vorbei argumentiert wird."

Telekom-Glasfaser geht kaum bis zum Kundenanschluss

Die Diskussionen um schnelle Leitungen nehmen kein EndeDie Diskussionen um schnelle Leitungen nehmen kein Ende Die Telekom weise eine Investitionsquote von 17 Prozent auf, wie Gerpott nachgerechnet hat. Im Vergleich hätten jene Breko-Unternehmen, die nicht auf eine TV-Kabel-Infrastruktur setzen, eine Investitionsquote von 23,4 Prozent. Dabei sei auch die Telefónica Deutschland eingerechnet, deren Quote nur bei 13,1 Prozent liege. Die tatsächliche Quote der alternativen Anbieter sei noch höher. Bei den Kabelnetzbetreiber liege die Quote laut Gerpott bei 20,6 Prozent, Vodafone bringe es auf 22,2 Prozent.

"Sämtliche Vergleichswerte sprechen also dafür, dass der jüngste Tadel der Wettbewerber durch das DT-Topmanagement als rhetorischer Trick zu klassifizieren ist, mit dem man versucht, das Image des Bonner Konzerns in der breiten Öffentlichkeit zu verbessern", schreibt Gerpott weiter. Der Verweis auf die verlegten Glasfaserkilometer sei irreführend. Die Telekom baue in Anschlussnetzen nahezu durchweg nur Glasfaserkabel bis zum Kabelverzweiger, die Wettbewerber hingegen würden je nach Schätzung 75 bis 90 Prozent aller FTTB/H-Anschlüsse realisieren, also das Glasfaserkabel bis ins Haus bringen.

Es gehe der Telekom bei der Vectoring-Diskussion nicht um ein gesamtwirtschaftliches Interesse, sondern darum, die Konkurrenzfähigkeit gegenüber den Kabelnetzbetreiber zu verbessern. Gleichzeitig schwäche man die klassischen Festnetz-Mitbewerber.

Telekom hätte schon bis zu 50 Prozent FTTB-Anschlussquote haben können

Gerpott macht noch eine weitere Rechnung auf: Hätte die Telekom die von den Wettbewerbern gezahlten Mieten für die Teilnehmeranschlussleitung (TAL) seit 1999 dazu genutzt, ein entsprechendes Netz auszubauen, hätte die Telekom heute schon eine Abdeckung von 25 bis 50 Prozent, heißt von dem TK-Experten.

"Anstatt der Öffentlichkeit Sand in die Augen zu streuen, sollten sich die Topmanager der DT diese Einsicht zu eigen machen und mehr in wirklich zukunftsfähige Festnetze investieren", fordert Gerpott die Telekom auf. Die Telekom können dann auch weniger Energie darauf verwenden, den Wettbewerb "durch regulatorische Fallstricke zu behindern" und ihn stattdessen mit Preisen und Leistung in die Schranken weisen, wie es abschließend heißt.

Über die Definition eines Glasfaser-Anschlusses gibt es verschiedene Definitionen. Diese haben wir in einem Hintergrund zusammengestellt.

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