Verwirrung

Telekom-Umstellung auf IP: Callcenter verunsichert Analog-Kunden

Bekanntlich wird das analoge Telefonnetz auf IP umgestellt. Bei reinen Telefonschlüssen ändert sich nichts, doch gewisse Callcenter verunsichern die Kunden. Wir zeigen, wie Sie mit einem analogen Telefon auch im Internetzeitalter weiter telefonieren können.
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Test: Wählscheiben-Telefonie an einem Speedport-RouterTest: Wählscheiben-Telefonie an einem Speedport-Router mit FeTAp 791-1 (Baujahr 1988) Dass die Deutsche Telekom und ihre privaten Mitbewerber gerade dabei sind, die analoge Telefonie in die Internet-Protokoll-Welt zu überführen, ist technisch interessierten Mitbürgern und aufmerksamen teltarif.de-Lesern schon lange bekannt. Doch was ist mit der analogen Kundschaft, die ihren Telefonanschluss seit 20, 30 oder 40 Jahren unverändert betreibt? Sie bekamen davon bislang nichts mit und könnten leichte Beute für dubiose Geschäftemacher sein.

Diese "analogen Kunden" verwenden vielleicht noch den postgrauen Standard-Apparat Modell "FeTAp 611" oder gar noch ein museales Wählscheibentelefon vom Typ "W48" in creme-beige oder bakelit-schwarz? Diese in Millionen-Stückzahlen ausgelieferten Apparate funktionieren bis heute und sind quasi unkaputtbar, warum also hergeben? Keine Angst, sie können mit gewissen Einschränkungen auch in Zukunft weiter betrieben werden.

Analoge Anschlüsse: Umstellung nur im Netz

Im Zuge der Umstellung auf IP-Technologie sollen die analogen Anschlüsse über Nacht über ein "Modem" mit dem IP-Netz verbunden werden. Dieses "Modem" wird entweder im grauen Vermittlungskasten (Kvz) am Straßenrand oder in der nächsten Telefonvermittlung (HVt) installiert werden und setzt die analogen Sprach und Wählsignale in die IP-Welt um. Die Umschaltung dauert nur wenige Minuten und wird irgendwann in der Nacht durchgeführt.

Merkwürdige Callcenter-Anrufe

Aus Kirchheimbolanden (Rheinland-Pfalz) wurden uns mysteriöse Dinge berichtet. Da riefen Callcenter "Wir sind die Deutsche Telekom" bei "analogen" Kunden an, und erklärten ihnen, dass zum Jahreswechsel auf IP umgestellt werde (was durchaus stimmen kann), und die Kunden dafür unbedingt ein Modem bräuchten, sonst könnten sie bald nicht mehr telefonieren.

Doch der Anrufer wollte scheinbar nichts verkaufen. Denn dieses Modem sollten die Kunden im örtlichen Fachhandel ("oder beim Media Markt") kaufen, sonst wäre ihr Telefon bald tot. Kein Wort am Telefon von Internet oder neuen Tarifen oder von einer Vertragsänderung, geschweige denn ein konkretes Umschaltdatum.

Auf Nachfrage der betroffenen Kunden gegenüber dem Callcenter-Agenten habe es keinerlei schriftliche Bestätigung gegeben: "Da hätten wir ja viel zu tun", berichten Betroffene. Die meist ältere Kundschaft war verunsichert und suchte im örtlichen Fachhandel Rat. Da gibt es noch ehrliche Händler, die nicht gleich die Gelegenheit ausnutzen, beispielsweise einer alleinstehenden älteren Person, die ihr Telefon "nur für den Notfall" nutzen möchte, komplexe Internet-Tarife mit TV-Programmen und Handy-Paket zu verkaufen. Die Händler gab sich wirklich Mühe, die erschrockenen Kunden vernünftig zu informieren und zu beraten und wieder zu beruhigen.

Ein solcher Händler informierte teltarif.de und wir fragten sicherheitshalber zu einem konkreten Fall bei der Deutschen Telekom nach. Dort sind für die betroffene Kundin keinerlei Aktivitäten des Vertriebs bekannt. Wie wir richtig vermutetet hatten, müsste das ja in der Kundendatenbank vermerkt werden, wenn ein Kunde vom analogen Telefonanschluss auf IP mit Internet und so weiter umgestellt werden sollte oder bei der Gelegenheit einen neuen Tarif möchte. Die Deutsche Telekom bestätigte hingegen: "Reine Telefonanschlüsse werden ohne Zutun des Kunden auf IP umgestellt. Und - wie Sie wissen: Dazu ist auch keine Hardware in Form eines anderen Telefons nötig." Im Gegenteil: Wer sich nun ein solches Modem auf Verdacht gekauft hat und das an seinen analogen Anschluss stöpselt, wird kein passendes Signal empfangen, auch nach der Umstellung nicht.

Alte Telefone und neueste Technik: Impulswahl am Speedport

Anzeigenfeld am Telekom Speedport W724V Typ CTelefonie per Impulswahl: Anzeigenfeld am Telekom Speedport W724V (Typ C) Wer hingegen aktiv ins Internet wechseln möchte, braucht einen neuen Vertrag mit Internetpaket und passendem Router. Der kann beim Telefonanbieter wie der Deutschen Telekom gemietet, aber auch frei im Fachhandel gekauft werden. Ein analoger Kunde kann seine historischen Wählscheiben-Telefone unter Umständen auch an einem aktuellen Router weiter betreiben.

Wir haben das einmal an einem Speedport W724V Typ C der Telekom (Hersteller: Huawei) probiert: Dessen TAE-Buchse versteht auch heute noch Impulswahl (IWV), die uns ein gut erhaltenes Wählscheiben-Telefon Modell 791-1 lieferte, und der Apparat klingelt ausreichend laut.

Das Wählscheiben Telefon im IP-Zeitalter

Echte Wählscheiben-Telefone beherrschen nämlich keine bei den heutigen Tastentelefonen übliche Tonwahl (auch MFV oder DTMF genannt). Man hebt den Hörer ab, prüft das Dauerton-Freizeichen (Tüüüü) steckt den Finger in die zu wählende Ziffer, dreht die Scheibe nach rechts bis zum Anschlag und lässt sie frei und ungebremst zurücklaufen. Diese Prozedur wird solange wiederholt, bis alle Ziffern gewählt sind. Bei einem Verwähler muss man auflegen, abheben und wieder von vorne anfangen.

Bei einem Wählscheibentelefon gibt es keinen Nummernspeicher und keine Wahlwiederholung auf Tastendruck. Auch die Nummer des ankommenden Anrufers kann man damit nicht erkennen. Umgekehrt übermittelt der Anrufer mit Wählscheibentelefon seine Rufnummer am aktuellen Anschluss ganz normal, wenn er nicht explizit der Übermittlung der eigenen Rufnummer widersprochen hat oder der Vertrag noch aus der analogen Zeit bis heute gelten sollte. Die Steuerung von Komfortfunktionen wie z.B. einer Anrufumleitung oder Anklopfen, Makeln oder Dreierkonferenz ist mit einem Wählscheibentelefon ebenfalls nicht möglich.

Alte Tastentelefone auf Tonwahl umstellen

Alte Tastentelefone mit Impulswahl (erkennbar an dem "Ratatatat Ratatatatat" während des Wählens) können in den allermeisten Fällen dauerhaft auf Tonwahl umgestellt werden (es gibt nur einige wenige ältere Modelle, bei denen das wirklich nicht geht). Das Umstellen auf Tonwahl geschieht entweder durch Umlegen eines Minischalters innerhalb oder auf der Unterseite des Telefons, dem Verdrehen eines "Potis" von einem auf den anderen Anschlag (womit es wie ein Schalter wirkt), zum Beispiel beim legendären Modell "Tel 01 LX".

Bei Komfort-Telefonen wird durch Eingabe eines Codes wie "SET 1 1590 037" auf MFV/Flash umgeschaltet. Falls das nicht klappt, muss vor der Ziffernfolge 037 evtl. noch die Wahlwiederholungstaste (zwei übereinander liegende Punkte) gedrückt werden. Im Internet findet man private Seiten, welche die Umstellungsprozeduren für verschiedene Endgeräte notiert haben.

Tastenapparate sind seniorengerechter

Senioren, die noch einen Wählscheibenapparat ihr Eigen nennen, sollten über ein Modell mit möglichst großen Tasten nachdenken, die ohne großen Aufwand gedrückt werden können. Solche Apparate hält der einschlägige Fachhandel in verschiedenen Versionen für jeden Geldbeutel bereit.

Miete bezahlen sollte allerdings niemand mehr für ein altes Wählscheiben-Telefon aus Bundespost-Zeiten - noch immer tauchen Wählscheiben-Telefone zur Miete auf Telekom-Rechnungen auf.

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