Selbstversuch

Ausprobiert: So gut (oder schlecht) ist das Telefónica-Netz wirklich

Wir waren eineinhalb Monate lang mit zwei Smartphones im Mobilfunknetz der Telefónica unterwegs und berichten über die Erfahrungen bei Telefonaten und dem mobilen Internet-Zugang.

Viele o2-Kunden sind frustriert. Seit dem Beginn der Zusammenlegung der Mobilfunknetze von o2 und E-Plus zu einem gemeinsamen Telefónica-Netz brechen Gespräche unvermittelt ab, ist der mobile Internet-Zugang oft langsam und die Kundenbetreuung kaum erreichbar. Auch in den vergangenen Monaten veröffentlichten Netztests landete Telefónica stets auf dem dritten Platz. Das ist angesichts der Tatsache, dass es in Deutschland nur noch drei Mobilfunknetze gibt, wahrlich keine Glanzleistung.

Es gibt aber auch Hoffnung, wie das Netz in Potsdam zeigt, das mittlerweile nicht nur vollständig zusammengelegt, sondern auch technisch auf Vordermann gebracht wurde. Hier gab es im Test von teltarif.de keine Gesprächsabbrüche. Über LTE und auch UMTS konnten wir mit guter Performance im Internet surfen. Würde Telefónica diese Netzqualität in weiten Teilen Deutschlands erreichen, so würde die Kundenzufriedenheit wohl deutlich steigen.

Sechs Wochen lang mit zwei Smartphones unterwegs

Telefónica-Netz ausprobiert Telefónica-Netz ausprobiert
Foto: Telefónica
Wir haben den Selbstversuch gemacht und waren nun sechs Wochen mit einem Mobilfunkanschluss von o2 unterwegs. Dieser wurde wechselweise im Apple iPhone 8 Plus und im Samsung Galaxy S8+ genutzt, wobei die Erfahrungen in Verbindung mit den beiden Smartphones ähnlich waren. Unterwegs waren wir im Rhein-Main-Gebiet, in Ostwestfalen und im Raum Berlin, sodass wir die Tests in verschiedenen Regionen durchgeführt haben.

Auffällig war in allen Fällen, dass Telefonate nicht immer im ersten Versuch zustande kamen. Eingehende Anrufe landeten teilweise auf der Mailbox, abgehende Sprachverbindungen kamen teilweise erst nach mehreren Versuchen zustande. Diesen Effekt beobachteten wir im ländlichen Spessart genauso wie mitten in Berlin. Das deutet auf Kapazitätsengpässe hin - möglicherweise nicht einmal bei der einzelnen Basisstation vor Ort, sondern auch bei nachgelagerten Netzelementen.

Doppelversorgung abgebaut

Dieses Problem könnte "hausgemacht" sein. Mit der bundesweiten Vereinheitlichung der Netzkennungen von Telefónica wurde vielerorts auch die Doppelversorgung durch frühere Basisstationen von E-Plus und o2 abgebaut. Demnach nutzen nun alle Kunden den verbliebenen Sender. Die eigentliche Netzintegration wurde in der jeweiligen Region aber noch nicht durchgeführt, so dass auch notwendige Kapazitätserweiterungen noch fehlen.

Den gleichen Effekt beobachteten wir im Spessart auch beim mobilen Internet-Zugang über EDGE im GSM-Netz. Als die Basisstationen von E-Plus und o2 noch am Netz waren und die Nutzer sich auf beide Anlagen verteilt hatten, reichte die Performance zumindest für den Austausch von E-Mail- und WhatsApp-Nachrichten aus. Mittlerweile ist man als Kunde tagsüber schlicht offline. Lediglich am späten Abend oder am frühen Morgen fließen noch Daten - wenn auch sehr langsam.

Internet-Zugang besser als sein Ruf

Unterwegs war der Internet-Zugang im Test besser als sein Ruf. So konnten wir auf Autofahrten quer durch das Rhein-Main-Gebiet von Gelnhausen über Hanau und Frankfurt am Main bis hin nach Wiesbaden und Mainz mit nur wenigen Aussetzen Webradio (MP3-Stream mit 128 kBit/s) über LTE und UMTS hören. Besser klappt das in den Netzen von Telekom und Vodafone auch nicht. Allerdings ist eine Außenantenne zwingend erforderlich. Ansonsten ist der Empfangspegel oft für den Internet-Zugang zu gering.

Deutlich schlechter waren die Erfahrungen bei der Telefonie auf der gleichen Strecke. Teilweise kam es zu einseitigen Verbindungen, hin und wieder brachen die Gespräche während der Fahrt ab und sehr oft ließ die Sprachqualität zu wünschen übrig. Hier hinterließen Telekom und Vodafone auf der gleichen Strecke ein deutlich besseres Bild.

Kapazitätsengpässe an Brennpunkten

Im Rahmen des Tests zeigte sich auch, dass Telefónica nach wie vor mit erheblichen Kapazitätsengpässen beim mobilen Internet-Zugang kämpft. Auf der Frankfurter Einkaufsmeile Zeil und auf dem Weihnachtsmarkt der Main-Metropole ließ der Datendurchsatz sehr zu wünschen übrig. Zudem wechselte das Smartphone immer wieder von LTE ins UMTS-Netz.

In der Bielefelder Innenstadt war der Internet-Zugang über o2 ebenfalls sehr langsam, obwohl wir hier stets im LTE-Netz eingebucht waren. Datenraten von deutlich unter 1 MBit/s waren keine Seltenheit. Das ist nun wirklich nicht mehr zeitgemäß. Auf dem Bielefelder Weihnachtsmarkt ließ sich der Online-Zugang dann überhaupt nicht verwenden. Trotz LTE-Empfang mit Vollausschlag ließen sich nicht einmal Messenger-Textmitteilungen austauschen. Netzintegration läuft noch bis 2019 Netzintegration läuft noch bis 2019
Foto: teltarif.de

Verbesserungen am Berliner Hauptbahnhof

Diesen Effekt kennen Besucher des Berliner Hauptbahnhofs, wo Telefónica mittlerweile für Abhilfe gesorgt hat. Im Bahnhofsgebäude ist der LTE-Empfang deutlich besser als noch im Frühjahr und Datenübertragungsraten von 30 MBit/s und mehr können sich durchaus sehen lassen. Die oberen Gleise und die dazu gehörenden Bahnsteige wurden indes noch nicht mit dem verbesserten Netz ausgestattet und auch auf dem Bahnhofsvorplatz war die Internet-Versorgung eher schlecht.

In der Berliner U-Bahn waren die Erfahrungen durchwachsen. Nachmittags gab es massive Performance-Probleme. Unabhängig davon, ob LTE oder UMTS genutzt wurde, war der Online-Zugang oft nur sehr langsam oder überhaupt nicht brauchbar. Ganz anders sahen die Erfahrungen auf den gleichen Strecken abends zwischen 22 und 24 Uhr aus. Hier konnten wir selbst Videostreams über Zattoo und Sky Go in guter Qualität nutzen.

In einem Steakhouse am Kurfürstendamm zeigte sich schließlich der Vorteil des LTE-Ausbaus auf 800 MHz auch in Großstädten. Hier konnten wir mit o2 sehr gut über 4G surfen, die Telekom, die outdoor ebenfalls mit gutem LTE-Signal (allerdings auf 1800 MHz) vertreten war, schaffte es nur mit GSM und EDGE in die Räumlichkeiten, sodass nur ein sehr langsamer Internet-Zugang zur Verfügung stand.

Netzqualität nicht optimal - aber besser als gedacht

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Netzqualität nicht optimal ist. Gesprächsabbrüche und schlechte Sprachqualität selbst entlang von Autobahnen darf es im Jahr 2017 nicht mehr geben. Dazu kommen die Netzüberlastungserscheinungen sowohl bei der Telefonie als auch beim Daten-Zugang. Zumindest die Telefonie als Grundfunktion eines Mobilfunknetzes sollte überall problemlos möglich sein.

Von schlechten Datenraten sind vor allem Brennpunkte betroffen, an denen viele Nutzer parallel auf das Internet zugreifen wollen. Immerhin zeigen Beispiele wie der Berliner Hauptbahnhof, dass der Netzbetreiber die Probleme erkannt hat. Aus Kundensicht dauert es nur viel zu lang, bis für Abhilfe gesorgt wird. Immerhin bleibt die Hoffnung auf Besserung im Rahmen der noch immer laufenden Netzintegration, die Telefónica nach heutigem Stand im übernächsten Jahr abschließen will.

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