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o2 Easy Money: Kunde will 320.000 Euro von Telefónica

Es gab Zeiten, da wurden Mobil­tele­fonkunden fürs "Ange­rufen­werden" bezahlt. Diese Option kommt Telefónica jetzt teuer zu stehen.
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Es gab Zeiten, da bekamen Mobil­funk­kunden dafür Geld, wenn sie sich anrufen ließen. Bei Minu­tenpreisen von 1,89 D-Mark (1,01 Euro) pro Minute blieb da genü­gend Luft für den Anbieter.

Xtra Clever für 1 Cent einge­hend

Wer noch eine o2-Loop-SIM-Karte mit "Easy Money" hat, bekommt 2 Cent pro Minute. Ein Kunde will 210.000 Euro von o2.Wer noch eine o2-Loop-SIM-Karte mit "Easy Money" hat, bekommt 2 Cent pro Minute. Ein Kunde will 210.000 Euro von o2. Die Deut­sche Telekom hatte eine solche Option, die sie Xtra Clever nannte. Man konnte 1 Cent pro Minute verdienen, wenn Anrufe auf dem betref­fenden Anschluss eingingen. Die Ursprungs-Idee hatte aber die dama­lige VIAG Interkom (heute Telefónica o2). Sie nannte ihr Angebot Easy Money. Der Name ist Programm. Es gab damals 3 Pfen­nige pro Minute, nach der Umstel­lung auf Euro waren es 2 Cent pro einge­hende Gesprächs­minute.

Finan­zierung der Netze

Die Idee dahinter war, dass der Handy­nutzer sich aus "fremden" Netzen anrufen lassen sollten. Dann zahlte die Gesell­schaft des Anru­fers einen Inter­connect-Preis, von dem sich der eine oder die zwei Cent gut abzweigen ließen. Der Tele­fonver­kehr zum Handy wurde damit ange­kurbelt. Dieser Tarif "aus dem letzten Jahr­tausend" hat in den Systemen von o2 bis heute über­lebt. Die Telekom hatte ihn irgend­wann zwischen­durch geräuschlos einge­stellt.

Zuviel Easy Money?

Nun berichtet die München erschei­nende Süddeut­sche Zeitung über einen denk­würdigen Gerichts­prozess in München. Ein schlauer Mobil­funkunde hatte etwas über 500 verschie­dene SIM-Karten mit der Easy-Money-Funk­tion gesam­melt, worauf er viel Guthaben ange­häuft hatte. Sehr viel Guthaben. Das muss Telefónica irgend­wann aufge­fallen sein, seine Karten wurden gesperrt, das mühsam "zusammen tele­fonierte" Guthaben war weg.

Doch der betrof­fene Kunde klagte. In Sachen Kunde gegen Telefónica geht es um 320.000 Euro, die der Kunde von Telefónica haben will.

210.000 Euro "erte­lefo­niert"

Bis zum Jahre 2015 hatte sich der Kunde satte 210.000 Euro zusammen tele­foniert, dann schal­tete Telefónica die Karten ab und kündigte diese Prepaid-Verträge. Der Kläger möchte das Guthaben ausge­zahlt bekommen, dazu noch 14.000 Euro Auflade-Guthaben zurück haben und einen angeb­lichen Samm­lerwert der Karten in Höhe von rund 100.000 Euro macht er eben­falls noch geltend. Macht zusammen lockere 320.000 Euro. Die Sache landete beim Ober­landes­gericht in München.

Das Gericht wies darauf hin, dass das Risiko, den Prozess zu verlieren, für beide Seiten bei 50 Prozent liege. Es schlug einen Vergleich vor: Die 14.000 Euro Auflade-Guthaben müssen aber jeden Fall zurück­bezahlt werden. Der angeb­liche "Samm­lerwert" der Karten sei nicht von Belang und von dem aufge­ladenen Guthaben solle der Kläger die Hälfte bekommen, das wären immer noch insge­samt rund 119.000 Euro.

Das Problem: Telefónica will nur 25.000 Euro bezahlen, berichtet die Süddeut­sche Zeitung, obwohl der Richter eindring­lich geraten habe, den Vergleichs­vorschlag anzu­nehmen. "Sonst bekommen Sie am Ende ein Urteil, in dem Sätze stehen, die Ihnen nicht gefallen."

Juris­tisch deli­kater Fall

Ganz im Ernst wirft das "Easy Money"-Modell span­nende Rechts­fragen auf. In den AGB des Tarifs steht, dass eine Baraus­zahlung des Gutha­bens nicht möglich sei. Nur was passiert mit der entstan­denen Guthaben, wenn Telefónica den Vertrag kündigt? Es wäre ja zu leicht für den Anbieter, wenn er die Kunden mit "zu viel Guthaben" einfach durch Kündi­gung loswerden könnte. "Easy Money muss man dann irgend­wann auch kriegen können", sagt Richter Lechner, laut der Zeitung.

Damals gabs noch keine Flat­rates

Als der Tarif an den Start ging, war das Risiko für VIAG/o2 gering, weil Anrufe zu Mobil­funk "sünd­haft teuer" waren. Aber dann kamen die Flat­rates. Es ist also leicht möglich, so eine Karte einfach anzu­rufen und beide Tele­fone dann für zwei, drei oder vier Stunden in die Ecke zu legen und "laufen" zu lassen. Drei Stunden sind 180 Minuten, das wären also 3,60 Euro. Geschenkt.

Bei einer Summe von 210.000 Euro wären das rech­nerisch 10,5 Millionen Minuten oder 7.291 Tage also rund 20 Jahre. Verteilt auf 500 Karten sind das 14,6 Tage. Es ist nahe­liegend, dass sich der Kunde da irgendwas "gebaut" haben muss, was immer und immer wieder neu ange­wählt hat, denn VIAG/o2 trennt die Verbin­dung nach zwei Stunden auto­matisch.

Das Fatale: o2 hat nach der Einfüh­rung der Flat­rates nie daran gedacht, diese Easy-Money-Option zu beenden. Seit Jahren ist es ein Hobby findiger Freaks, ihre Mobil­funk­kosten ein wenig zu "senken". Da wird das ante­lefo­nierte Guthaben im Ausland einge­setzt, beispiels­weise ausser­halb der EU, wo es nach wie vor richtig teuer ist. Im Inland werden damit Sonder­nummern ange­rufen oder Premium-SMS verschickt, die auch o2 eine Menge Geld kosten. in Foren erklären Betrof­fene (sinn­gemäß), sie wollten ihren "Frust" mit VIAG/o2, der sich im Laufe der Jahre ange­sammelt hat, auf diese Weise kompen­sieren.

Tarif­option hätte schon viel früher einge­stellt werden sollen

Der Author dieser News hat schon vor Jahren die dama­lige Produkt­mana­gerin von VIAG/o2 auf die Gefahren eines solches Angebot hinge­wiesen. "Buchen Sie jedem Kunden nochmal 50 Euro Guthaben auf seine Karte als 'Danke­schön' auf und kündigen sie dann die Option." Die Antwort: "Das ist doch so ein schöner Tarif..." Mehr passierte nicht.

Jetzt hat die Telefónica ein Problem. Auch wenn der Telefónica-Anwalt darauf verweist, dass bei normaler Nutzung des Tarifs ja "über­haupt kein Guthaben entstehen könne". Der Richter in München sieht das anders: Wenn der Anbieter ein Geschäfts­modell ermög­liche und ein Kunde das dann auch nutze, sei das noch nicht unbe­dingt miss­bräuch­lich oder sitten­widrig.

Sollte es zum Urteil kommen - und danach sieht es im Moment stark aus - wird es für Telefónica ziem­lich teuer. Denn sofort werden weitere Kunden, die ihre Easy-Money-Karten - mit vermut­lich weitaus weniger - Guthaben "aufge­laden" haben, auf der Matte stehen und ihre Guthaben zur Auszah­lung anfor­dern. Wenn sie es denn beweisen können, dass es das Guthaben wirk­lich gibt.

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