Trends verstärken

Social Bots als Wahlkampfhelfer auch in Deutschland denkbar?

In der heißen Phase des US-Wahlkampfes kommen auch Social Bots zum Zuge. Ist diese Taktik auch in Deutschland denkbar? Erfahren Sie, wie Social Bots funktionieren und was sie kosten.
Von dpa /
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Früher erkauften sich Unternehmen Likes und Follower - jetzt werden Fake-Profile im Wahlkampf eingesetzt: Wie US-Forscher kürzlich herausfanden, erhielten Donald Trump und Hillary Clinton auf Facebook und Twitter zuletzt große Unterstützung durch versteckte Programme, die versuchten, in sozialen Netzwerken auf die öffentliche Meinung massiv Einfluss zu nehmen.

Social Bots heißen die Werkzeuge, mit denen man täuschend echte Botschaften massenhaft in sozialen Medien verbreiten kann. Weniger als ein Jahr vor dem Bundestags­wahlkampf werden die Meinungsroboter auch in Deutschland zum Thema - im politischen Berlin wie bei den Medientagen, die in München begannen.

"Bots werden hauptsächlich benutzt, um Trends zu verstärken", sagt der Politik- und Computer­wissenschaftler Simon Hegelich von der Hochschule für Politik München (HfP). Ziel sei es, Tweets oder Facebookseiten von Kandidaten noch populärer zu machen. Man müsse aber vorsichtig sein, dies als Manipulation zu bezeichnen.

So funktionieren Social Bots

Twitter-AccountSocial Bots in der Politik Mit wenigen Handgriffen sind Meinungsroboter zum Leben erweckt: Zunächst benötigt man Social-Media-Accounts - die Körper der Bots. Zweitens einen Zugriff auf eine Programm­schnittstelle (API) zum sozialen Netzwerk - die Synapsen des Systems. Drittens ein Programm, ein Hirn, das die Bots steuert.

Im Verhältnis zu Aufwand und Kosten sind Social Bots als digitale Propaganda-Maschinen nach Meinung von Experten hocheffektiv. 1 000 gefälschte Profile sind im Internet schon zwischen 50 Dollar (einfache Twitter-Accounts) und 150 Dollar (ältere Facebook-Profile) zu haben. Dies erklärt Simon Hegelich in der kürzlich von der Konrad-Adenauer-Stiftung veröffentlichten Studie "Invasion der Meinungs-Roboter". Die Schnittstellen stellen die sozialen Netzwerke öffentlich und kostenlos zur Verfügung, um die Entwicklung von Apps für die Plattform voranzutreiben.

Auch fertige Systeme lassen sich im Netz kaufen: Eine ferngesteuerte 10 000 Bot starke Twitter-Armee kostet rund 500 Dollar. "Eine richtige Kampagne in diesem Bereich ist aber sehr kostspielig, und es braucht professionelle Datenanalysten, die wir im politischen Sektor bislang nicht haben. Insofern kann es auch gut sein, dass wir noch ein paar Jahre Zeit haben, bis in Deutschland der Wahlkampf zum Cyberkrieg wird", sagte Hegelich der Deutschen Presse-Agentur.

Bot-Armeen können falschen Trend vorgeben

Eine Täuschung der Öffentlichkeit sei es aber allemal, meint der Kommunikations­wissenschaftler André Haller von der Universität Bamberg. Besonders problematisch seien Bot-Armeen, wenn sie durch sehr viele automatisierte Nachrichten zu einem Thema einen falschen Trend vorgeben. "Der Nutzer kann dann den Eindruck erhalten, dass ein bestimmtes Thema von herausragender Bedeutung ist und politisch wichtiger ist als andere Themen oder Aspekte eines Themas."

Strategisch nützlich seien Bots bei moralisch oder emotional aufgeladenen Ereignissen. Zum Beispiel bei der ersten TV-Debatte im US-Wahlkampf. Laut einer Studie der Oxford University hatten Bots hier einen beträchtlichen Teil der Nachrichten zur Unterstützung der Kandidaten auf Twitter abgesetzt. Bei Trump war jeder dritte Unterstützer-Tweet gefaked, jeder vierte bei Clinton. Hinzu komme, dass ein Drittel der Follower beider Kandidaten keine echten Menschen, sondern Roboter seien, sagt Haller.

Dürfen diese Statement-Schleudern in sozialen Netzwerken zur Stimmungsmache überhaupt eingesetzt werden? Strafrechtlich gibt es gegen sie kein Mittel, in den Geschäfts­bedingungen verstoßen sie gegen das Kleingedruckte. Ihre Verwendung ist vielmehr eine ethische Frage. In Deutschland seien Parteien sehr vorsichtig, nicht den Eindruck der Manipulation zu erwecken, sagt Hegelich. Sowieso sei Social Media als Wahlkampf­instrument in der deutschen Politik noch Lichtjahre von den USA entfernt.

Haller sieht dies in der politischen Tradition begründet. Deutschland zeichnet sich zum einen im Vergleich zu anderen politischen Systemen durch einen eher moderaten Diskursstil aus. Zum anderen führe das Mehrheits­wahlrecht in den USA zu einer "stärkeren Polarisierung und Personalisierung" von Politik. Meinungen müssen dort pointierter und direkter formuliert werden. Bots können hierbei helfen, meint Haller.

Die Bot-Frage bei der AfD

Selten sind sich CDU, SPD, Grüne, FDP und Linkspartei deshalb so einig gewesen: Computer-Bots als digitale Wahlhelfer sind tabu. Zumindest gibt kaum jemand öffentlich sein Interesse für die neuen Möglichkeiten zu. Nur eine Partei fällt aus dem Rahmen, die AfD. Nach einem "Spiegel"-Bericht erwägt die Partei, die Roboter in ihr Wahlkampf-Arsenal aufzunehmen. "Gerade für junge Parteien wie unsere sind Social-Media-Tools wichtige Instrumente, um unsere Positionen unter den Wählern zu verbreiten", sagte Bundes­vorstands­mitglied Alice Weidel dem Heft.

Wenig später geht die Partei auf ihrer Webseite auf Abstand: "Entgegen anderslautenden Berichten plant die AfD keinen Einsatz sogenannter Social Bots im Wahlkampf", heißt es da. "Wir überlegen selbstverständlich, welche Tools im Social-Media-Bereich für unsere Öffentlichkeitsarbeit sinnvoll sind", wird Weidel zitiert. "Jedoch werden wir natürlich keine Social Bots einsetzen, die auf Seiten Dritter im Namen der AfD automatisiert posten oder ähnliches."

Ob eine offizielle politische Kraft hinter ferngesteuerten Meinungsmachern steckt, ist aber kaum überprüfbar: Im Netz treiben Bots ihr Unwesen wie Soldaten ohne Hoheitsabzeichen. Auch beim Krim-Konflikt sind Botnetze am Werk, wie Hegelich bei einer Untersuchung herausfand. In der Ukraine senden 15 000 Accounts täglich 60 000 Twitter­meldungen als Propaganda für die Ultranationalisten. Bots seien zwar laut, aggressiv und könnten das Diskussionsklima verändern - ihr tatsächlicher Effekt auf die Gesellschaft sei aber bislang unerforscht, sagt er.

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