Abhängigkeit

Erforschung der Suchtgefahr nach dem Smartphone

Das Smartphone ist für viele ein ständiger Begleiter - manchmal auch Tag und Nacht. Doch ist man schon süchtig, wenn man regelmäßig per Handy chattet? Eine Mainzer Studentin hat das untersucht, Experten warnen vor einem vorschnellen Urteil.
Von dpa / Paulina Heinze

Jugendliche mit Handy Die Sucht nach dem Smartphone
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Schnell mal aufs Smartphone schauen, gerade kommt eine neue Chat-Nachricht - gleich antworten. Das Smartphone ist Teil des Alltags. Wer sich in Bus und Bahn umschaut, sieht viele vertieft in Chat und Mails. Kaum ein Ort bleibt Handy-frei, oft auch nicht das Schlafzimmer. Manch einer nimmt das gute Stück mit auf die Toilette. Doch ist jemand schon süchtig, wenn er im Mobiltelefon nach neuen Botschaften sucht und Mails liest? Die Mainzer Studentin Verena Minge sieht zumindest die Gefahr für eine Sucht. Sie hat für ihre Bachelorarbeit unter dem Titel "Leg' doch mal dein Handy weg" 225 Nutzer befragt, fast drei Viertel davon Studenten.

"Ich wollte beweisen, dass auch das Smartphone Sucht­charakter besitzt", sagt die 25-jährige Pfälzerin. "Der zweite Ansatz war, ob jemand, wenn er schon eine Sucht hat, noch andere Süchte entwickelt." Als sie die Arbeit im vergangenen Jahr schrieb, hatte sie noch kein Smartphone. Ihr war aber schon länger aufgefallen, dass ihre Freunde das Mobil­telefon zur Hand nehmen, wenn sie mit ihr sprechen. Einer ihrer Bekannten sah ständig auf sein Smartphone und war gleich mit mehreren Leuten in Kontakt, als er mit ihr sprach. "Das fand ich sehr schockierend", sagt Minge, die Deutsch, Biologie und Bildungs­wissenschaften studiert und Lehrerin werden will.

Rund 560 000 Internet­abhängige in Deutschland

Jugendliche mit Handy Die Sucht nach dem Smartphone
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Die Deutsche Hauptstelle für Sucht­fragen weist darauf hin, dass es weder eine anerkannte Diagnose "Smartphone-Sucht" noch "Internet-Sucht" gibt. Dennoch gebe es Menschen, die das Internet oder Smartphones in proble­matischer Weise nutzten, sagt Vize-Geschäfts­führerin Gabriele Bartsch. "Deswegen sprechen wir auch lieber von problematischem Gebrauch oder exzessiver Nutzung."

Der Fachverband Medien­abhängig­keit macht sich dafür stark, dass die Abhängigkeit von Medien als Sucht­erkrankung anerkannt wird. "Wenn jemand bei Tag und Nacht ständig zum Smartphone greift, um Nachrichten zu beantworten, verändert das die Kommunikation mit der realen Umgebung und hat erhebliche Einflüsse auf das eigene Verhalten", sagt der Vorsitzende Andreas Gohlke.

In der Internationalen Klassi­fikation der Krankheiten (International Classification of Diseases, ICD-10) taucht eine übermäßige Internet­nutzung nicht als Funktions­störung auf. Das Diagnose-Handbuch DSM-5 der American Psychiatric Association führte im vergangenen Jahr zum ersten Mal Kriterien zur Diagnose einer Computer­spiel­sucht auf. Die Experten halten aber mehr Forschung für notwendig, damit die Computer­spielsucht als Krankheit anerkannt werden kann.

Die Bundes­drogen­beauftragte Marlene Mortler (CSU) sieht Risiken für Jugendliche: "Es besteht die Gefahr, dass sie sich übermäßig lange und zu oft im Netz aufhalten", erklärte sie anlässlich des "Safer Internet Day" im Februar. Rund 560 000 Internet­abhängige gebe es in Deutschland - etwa ein Prozent der 14- bis 65-Jährigen, ermittelte eine Studie zu Internet­abhängigkeit der Universität Lübeck (Pinta-Diari) im Auftrag des Bundes­gesundheits­ministeriums von 2013. Fast drei Viertel (72 Prozent) der 12- bis 19-Jährigen haben nach Angaben der Bundes­drogen­beauftragten ein Smartphone. Sie chatten zum Beispiel via Facebook oder WhatsApp.

Erforschung der Suchtgefahr via App

Verena Minge wollte der Frage nach Smartphone-Sucht mit Hilfe eines Testbogens auf die Schliche kommen: Welchen Einfluss hat die Nutzung etwa auf das persönliche Befinden? Den Fragebogen stellte sie auf ihre Facebook-Seite, ihre Freunde teilten ihn wiederum mit deren Freunden. So kamen 225 Teilnehmer zusammen. "Die Quintessenz war, dass das Smartphone einen sehr hohen Sucht­charakter besitzt, einen erschreckend hohen", sagt Minge. Wenn das Handy den Alltag von jemandem beeinflusst, hat derjenige auch viele virtuelle Kontakte - und verstärkte Entzugs­erscheinungen, wenn er nicht online ist. Einen Zusammenhang zum Rauchen fand die Studentin aber nicht.

Die Universität Bonn erforscht mit Hilfe der App "Menthal" (via Android), inwieweit Suchtgefahr droht. Sie fand in einer Pilotstudie heraus, dass das Handy am Tag 80 Mal im Durchschnitt aktiviert wurde (wir berichteten).

Der Fachverband Medien­abhängigkeit warnt davor, zu schnell von Sucht zu sprechen. "Smartphones sind eine Nutzungs­variante für Virtualität und damit ähnlich gefährlich oder ungefährlich wie eine Flasche Bier im Supermarkt­regal - der Nutzer oder Käufer entscheidet, wie der Umgang damit aussieht", sagt Gohlke. Für Jugendliche, die mit diesen Medien groß werden, sei die Kommunikation über elektronische Medien viel selbstver­ständlicher als für Ältere. Und: Für eine Sucht müssen nach seiner Ansicht verschiedene Faktoren über einen längeren Zeitraum erfüllt sein. "Da spielen auch persönliche Faktoren wie Selbstwert und Selbst­sicherheit eine große Rolle."

Verena Minge möchte auf den Komfort des Smartphones inzwischen nicht mehr verzichten. Das soll aber Grenzen haben: "Wenn ich mit Freunden unterwegs bin, bleibt mein Smartphone in der Tasche."

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