Zusammengeklebt

Editorial: Reparieren unerwünscht

Handy-Ersatzteile sind günstig zu haben - trotzdem repariert kaum jemand defekte Smartphones wegen des hohen Aufwands.
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Handys sind mittlerweile schwer zu reparierenHandys sind mittlerweile schwer zu reparieren Es ist eines der wiederkehrenden Rituale der Smartphone-Branche: Nachdem ein neues Top-Smartphone vorgestellt wurde, nimmt iFixit es auseinander und schimpft darüber, wie schlecht es sich im Fall eines Schadens reparieren lässt. Das aktuelle Samsung Galaxy S9 bekam beispielsweise nur vier von zehn möglichen Punkten bezüglich der Reparierbarkeit.

Gefühlt werden die Werte immer schlechter, weil immer mehr Klebstoff verwendet wird. Und selbst, wenn doch noch Schrauben zum Einsatz kommen, braucht man immer neue Spezial-Schraubendreher, weil den Herstellern immer neue Formen für den Schraubenkopf einfallen. Zwar haben die Ersatzteilhändler darauf reagiert und bieten neue Akkus, Frontgläser oder Gehäusehinterteile gleich zusammen mit dem für die Reparatur nötigen Werkzeug an. Optimal ist es trotzdem nicht, eine Rückseite samt Werkzeug-Kit für 12 Euro, statt einer Rückseite alleine für 6 Euro bestellen zu müssen.

Persönlich besonders erschreckt mich, dass für das Einkleben neuer Frontgläser von den Händlern inzwischen in der Regel UV-härtender Klebstoff mitgeliefert wird. Vermutlich wird dieser auch von den Smartphone-Herstellern selber verwendet. Zwar bietet UV-Klebstoff einige Vorteile, etwa, dass man auch nach dem Auftragen des Klebers relativ lange korrigieren kann, bis das Glas perfekt sitzt, und man dann per Sonnenlicht oder UV-Lampe die Aushärtung starten kann. Ist der Kleber aber mal gehärtet, kann er nur sehr schwer wieder entfernt werden. Früher wurde noch mehr mit doppelseitigem Klebeband und ähnlichem gearbeitet. Entsprechend dürfte es in den letzten Jahren noch schwieriger geworden sein, beispielsweise Frontglas und Display voneinander zu trennen.

Auffällig ist bei Ebay zudem, wie viele Händler komplette Display-Einheiten (Frontglas und Display zusammen) für die Reparatur der diversen iPhone-Modelle mit TFT-Retina-Display anbieten - frei nach dem Prinzip, dass man Display und Glas eh nicht auseinander bekommt. Allerdings sind diese Kits mit einem Preis von 30 bis 40 Euro für das aktuelle iPhone 8 oder gar um die 20 Euro für ältere iPhone-Modelle vergleichsweise günstig erhältlich. Da werden viele Hobby-Bastler gar nicht erst versuchen, Display und Glas zu trennen, um vielleicht 15 oder 20 Euro an Ersatzteilkosten zu sparen.

Original-Super-AMOLED-Displays für iPhone X oder Samsung Galaxy S8 oder S9 kosten hingegen über 200 Euro. Hier merkt man, dass es keine Konkurrenz gibt, sondern nur einen Hersteller (nämlich Samsung), der dieses produzieren kann.

Zum Glück gibt es Ersatzteile

Die gute Nachricht ist dennoch, dass es viele Smartphone-Baugruppen für marktgerechte Preise als Ersatzteile in Originalqualität zu kaufen gibt. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Im Automarkt ist es beispielsweise inzwischen üblich, selbst vergleichsweise gering verunfallte Autos komplett "auszuschlachten", um die Ersatzteile zu verkaufen. Das ist ein einträgliches Geschäft, weil Original-Ersatzteile für Autos so teuer sind, selbst bei einfach von Dritten zu fertigen Karosserieteilen.

Anders als bei Druckern, wo die Hersteller beispielsweise die Versorgung des Marktes mit günstiger Ersatztinte verhindern, scheinen die Smartphone-Hersteller also nichts gegen die Versorgung der Nutzer mit günstigen Smartphone-Ersatzteilen zu unternehmen. Ein Grund hierfür dürfte sein, dass aufgrund der eingangs genannten Reparatur-Unfreundlichkeit eh wenige Smartphones repariert werden. Wenn es Stunden dauert, das Gerät auseinanderzufummeln und anschließend wieder zusammenzubauen, und man immer fürchten muss, dabei weitere Teile kaputtzumachen, dann wagen sich nur wenige an die Reparatur. Das ist sehr schade.

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