Zum Einklappen

Editorial: Wo liegt das (Preis-)Limit?

Smartphones werden immer teurer. Mit der neuen Technologie der faltbaren Displays könnte die 2000-Euro-Hürde überschritten werden. Gehen die Verbraucher dahin mit?
AAA
Teilen (4)

Sind Kunden bereit, hohe Preise für neue Smartphone-Technologien auszugeben?Sind Kunden bereit, hohe Preise für neue Smartphone-Technologien auszugeben? Für die kommende Serie von Samsung-Smartphones wird kolportiert, dass die Preisliste bis 2 000 Euro reichen wird. Für das viele Geld wird man voraussichtlich ein sehr exklusives Gerät erwerben können: Zusammenklappbares Display - das hat von den großen namhaften Herstellern noch keiner - Vierfach-Kamera mit Weitwinkel, Normalbrennweite und Zoom, sowie voraussichtlich 1 TB Speicher. Das ist das 8- bis 16-fache der 64 bis 128 GB, die derzeit in der Ober­klasse die Basisausstattung mit Speicher darstellen.

Die Gretchenfrage: Wird Samsung mit diesen Preisen genügend Käufer finden, damit deren Smartphone-Sparte den Weg zurück zur Profitabilität vergangener Zeiten findet? Oder bleibt es dabei, dass Samsung zwar mit Smartphone-Komponenten (Displays, Prozessoren, Flash-Speicher etc.) gutes Geld verdient, aber nicht mit dem Zusammenbau dieser Komponenten zu Smartphones?

Nun, die Zeichen mehren sich, dass die Smartphone-Branche insgesamt an dem Punkt angekommen ist, an dem die Kunden nicht mehr bereit sind, die weiter steigenden Listenpreise zu bezahlen. So munkelt man einiges über Verkaufsschwierigkeiten von Apple in China. Andererseits sind das bisher nur Gerüchte, und sicher dürfte auch die politische Großwetterlage derzeit allen US-Firmen und nicht nur Apple den Absatz in China erschweren. Und von gravierenden Absatzeinbrüchen Apples in anderen Regionen hört man nicht so viel.

Viel Gerät fürs Geld jenseits der Königsklasse

Fakt ist aber auch: In der Smartphone-Mittelklasse bekommt man für 200 bis 300 Euro inzwischen gut ausgestattete und für die meisten Anwendungen ausreichend leistungsstarke Geräte. Warum also für kaum mehr sichtbare höhere Auflösung des Displays, etwas schnelleren Prozessor und Gimmicks wie ein faltbares Display den zehnfachen Preis bezahlen?

Nun, genau wegen des Gimmicks. Faltbare Displays sind etwas Neues, das garantiert dem Käufer Aufmerksamkeit und Interesse, auch und gerade in der Zielgruppe der Leute, die "eh schon alles haben". Und im Vergleich zu einem Porsche oder gar einer Luxusyacht ist ein faltbares Smartphone auch mit 2 000 Euro ein vergleichbar günstiges Statussymbol, mit dem man sowohl auf der Messe als auch in der Disco angeben kann.

Das Smartphone als Schmuckstück

Anderseits eignen sich Handys und Smartphones nur dann als Schmuckstücke, wenn sie hochwertig aussehen. Diese Lektion musste Motorola vor gut einem Jahrzehnt auf die harte Art lernen: Zwar war das faltbare, schicke und hauchdünne Handy RAZR ein Riesen-Erfolg. Doch in den Jahren darauf stürzte Motorolas Marktanteil regelrecht ab: Zu viele RAZR V3 hatten schon nach wenigen Monaten ausgeleierte Scharniere und defekte Tasten. Aus Lust am Schein wurde Frust über schnellen Verfall. Als es dann Motorola auch nicht gelang, einen adäquaten 3G-Nachfolger des noch mit 2G-Funktechnik ausgestatteten RAZR zu entwickeln, war die Enttäuschung perfekt. In den kommenden Jahren gelang es Samsung, nicht Motorola, die Kundschaft mit kleinen, zuverlässigen Klapphandys an sich zu binden.

Mit den faltbaren Smartphones werden die Karten im Smartphone-Markt sicher neu gemischt werden. Interessanterweise will es sogar Lenovo (die die Marke Motorola gekauft haben) mit dem alten Markennamen RAZR erneut probieren. Nur: Ein faltbares Smartphone auf dem Qualitätsniveau des RAZR will wirklich keiner. Mal schauen, ob Lenovo es dieses Mal besser macht als damals Motorola.

Wem es gelingt, ein gutes und zuverlässiges Falt-Smartphone zu entwickeln, dem ist das öffentliche Interesse sicher. Selbst, wenn viele Kunden aufgrund des persönlichen Geschmacks, aus Angst vor schnellem Verschleiß und/oder aufgrund des abschreckenden Preises nicht zum Galaxy F (wie Fold), Motorola RAZR V4 und Co. greifen werden: Fürs Prestige der jeweiligen Hersteller wird der anfängliche Pressehype sicher gut sein. Aber nur, wessen Geräte auch im rauen Alltag durchhalten, wird auch langfristig vom Hype profitieren können.

Teilen (4)

Weitere Editorials