Streitgespräch

Kontroverse: Ist Smart Home smart genug?

Smart Home ist eine tolle Errungenschaft, meint Daniel Rottinger. Alexander Kuch hält das Konzept hinter dem vernetzten Zuhause momentan noch für wenig zukunftsfähig.
Von / Daniel Rottinger
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Planen Sie den Einstieg in Smart Home? Warum denn auch nicht! Es gibt schließlich eine Vielzahl an Vorteilen, die bei der Kamera-Überwachung anfangen, sich über die Ansteuerung des Rollladens erstrecken und bis zur Regulierung der Temperatur von unterwegs reichen. Und der Einstieg gelingt zum Sparpreis von wenigen Euro, wenn sich Nutzer für eine über den Router angebotene Smart-Home-Lösung entscheiden.

Debatte um Smart-HomeDebatte: Wird sich Smart-Home durchsetzen? Allerdings gibt es auch gute Gründe, die aktuell gegen einen Einstieg sprechen. Unter anderem ist dabei die fehlende Kompatibilität unterschiedlicher Systeme anzuführen und auch Datenschutzvorbehalte bereiten einigen Nutzern Bauchschmerzen. In dem Pro und Contra liefern sich die Redakteure Daniel Rottinger und Alexander Kuch einen Schlagabtausch:

Pro und Contra

Daniel Rottinger
Pro
Daniel Rottinger
Technikscheu war gestern, heute ist Smart Home!

Die IFA ist ein guter Gradmesser um festzustellen, ob eine Technologie bereit für den Massen­markt ist. Während Smart-Home-Anwendungen auch in den ver­gangenen Jahren bei vielen Ausstellern zu sehen waren, zeigte die Branche in diesem Jahr deutliche Fortschritte. Die gröbsten Kinder­krankheiten sind beseitigt, die übergreifende Kommunikation zwischen den Geräten unter­schiedlicher Her­steller stellt (fast) kein Problem mehr dar und auch die Ersteinrichtung gestaltet sich einfach. Eines wurde zudem bei Gesprächen bzw. Produkt­präsentationen mit den Herstellern deutlich: Der Nutzer muss nicht mehr zwangsläufig alle Smart-Home-Produkte von einem Anbieter beziehen, sondern kann durchaus unter­schiedliche Kombinationen für sein persönliches Smart Home wählen.

Durch den Eintritt zahl­reicher Router-Hersteller in den Smart-Home-Markt entfällt ein weiteres Hemmnis. Nutzer können statt einer speziellen Basisstation, die für den Informationsaustausch der einzelnen Smart-Home-Module sorgt, auch ihren herkömmlichen Router verwenden und müssen keine teure Erstanschaffungen tätigen. Durch die geringe Einstiegshürde können Interessenten so erste Smart-Home-Luft schnuppern und sind dann gegebenenfalls auch für den Kauf eines vollwertigen Smart-Home-Pakets auf Grundlage einer Basisstation zu begeistern. Bei der Basisstation-Variante ergibt sich je nach Modell der Vorteil, dass sich durch übergreifende Funkstandards (wie etwa Z-Wave) Module unter­schiedlicher Hersteller einfach einklinken können. Die kurz vor der IFA vorgestellte Home Base 2.0 der Telekom ist dabei der lebende Beweis für eine smarte Zentral­einheit. So lässt sich die Box nachträglich per USB-Stick um neue Funkstandards erweitern und auch die Verwendung eines UMTS-Sticks ist möglich. So können Nutzer etwa beim Ausfall des Festnetz-Internets dennoch auf die Smart-Home-Dienste zugreifen.

Eine Barriere stellt für Daten­schutzskeptiker häufig der Umgang der Anbieter mit den erhobenen Daten dar. Wo werden die Daten gespeichert und wer hat Zugriff darauf? Viele Unternehmen haben zumindest zum Teil ein Einsehen und hosten ihre Dienste in Deutschland. Wer allerdings überhaupt keine Daten mit den Herstellern austauschen möchte, findet kaum eine kommerzielle Lösung auf dem Markt. Mit dem Mini-PC Raspberry Pi gibt es immerhin für Bastler eine Alternative, die allerdings vom Nutzer etwas Eigeninitiative erfordert.

Insgesamt darf Smart Home allerdings gerne noch smarter werden. Meine große Hoffnung liegt in einer noch stärkeren Implementierung von Sprachsteuerung bei Smart Home. Erst wenn Nutzer künftig alle Funktionen per Sprache befehligen können, ist das Smart Home dann auch wirklich smart.

Alexander Kuch
Contra
Alexander Kuch
Natürlich ist das vernetzte Zuhause in technischer Hinsicht eine tolle Sache. Die Hersteller haben interessante Lösungen im Angebot, mit denen sich das Leben zuhause erleichtern lässt. Aber trotz her­steller­über­greifender Standards kochen immer noch viel zu viele Firmen ihr eigenes Süppchen. Denn die Standards decken oft nur die Grundfunktionen der Geräte ab, wer wirklich alle Funktionen nutzen will, muss dann eben die Steuerungszentrale oder die App des passenden Herstellers benutzen. Klar, denn die Hersteller wollen ja schließlich, dass der Kunde das ganze System bei ihm kauft und nicht bei einzelnen Komponenten "fremdgeht".

Interessanterweise bin ich gar nicht so ein großer Kritiker davon, die Daten an den Hersteller weiterzugeben, auf dem Smartphone machen wir das ja alle bereits längst. Aber ich fände es trotzdem besser, wenn die Hersteller wenigstens die Möglichkeit bieten würden, die Daten auf einem eigenen netzwerkfähigen Speicher zu sichern, beispielsweise auf einem NAS oder einer am Router angeschlossenen USB-Festplatte.

Ich denke aber, dass sich Smart Home in Deutschland aus einem kulturellen Grund nur schwer oder gar nicht durchsetzen wird. Und damit meine ich die Wohnsituation. Denn die eher jüngeren Leute wie Studenten oder Berufseinsteiger, die technisch daran interessiert sind, leben in den Städten oft in Mietwohnungen, Apartments oder Studentenbuden, in denen sie viele Smart-Home-Komponenten gar nicht anbringen dürfen. In einem Mehr­familien­haus darf man eben nicht an der Heizung herumfummeln, das Haustürschloss wechseln oder die Fenstergriffe durch smarte Modelle ersetzen. Und wenn, dann muss man es beim Auszug auf eigene Kosten wieder zurückbauen. Ein großer Teil der Smart-Home-An­wendungen (außer vielleicht der Lichtsteuerung) fällt daher in einer Mietwohnung oder einem Mehr­familien­haus flach. So gesehen ist Smart Home eigentlich nur etwas für Häuslebauer oder Hausbesitzer.

Außerdem kann man bei deutschen Wohnbaugesellschaften und Immobilien-Gesellschaften eine regelrechte Technik-Feindlichkeit beobachten. Als bei mir zuhause vor einem Jahr die Gastherme ausfiel, ließ die Gesellschaft die allerbilligste Therme auf dem Markt mit Drehreglern ohne LCD-Display einbauen, bei der Heizungssteuerung dasselbe. Da hat sich sogar der konzerneigene Monteur bei der Montage in Grund und Boden geschämt. Dabei sollten doch gerade große Immobilen-Eigentümer oder die Betreiber von Studenten-Wohnheimen Pioniere für Smart-Home-Technik sein. Denn in einem Studenten-Wohnheim wohnen die Nutzer von morgen. Vielleicht müssen die Smart-Home-Firmen da etwas forscher auftreten und mal auf eigene Kosten ein ganzes Wohnheim smart machen - denn wer einmal mit der Technik gelebt hat, kauft sie vielleicht auch später für sein eigenes Haus.


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