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Siegeszug für Smart Home: Privatsphäre wird automatisiert

Vom "Smart Home" wird seit über einem Jahrzehnt geredet. Doch bislang ist die digital gesteuerte Wohnung noch kein Massenphänomen. Das ändert sich. Die Privatsphäre wird automatisiert - und das fördert die Marktmacht von Amazon & Co.
Von dpa /
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Das compu­ter­ge­steu­erte Smart Home ist seit langem ein Schlag­wort in der Baubranche - und beim Schlag­wort ist es bislang für die Mehr­heit der Bürger auch geblieben. Doch die Nach­frage nach der bisher haupt­säch­lich in Büros und Fabriken genutzten Gebäu­de­au­to­ma­ti­sie­rung steigt mitt­ler­weile auch bei Privat­leuten stetig, wie Fach­leute berichten.

"Der Trend ist ganz klar zu sehen", sagt Bernd Dechert, Geschäfts­führer für Technik und Berufs­bil­dung beim Elek­triker-Zentral­ver­band ZVEH. "Was einmal Science Fiction war, wird in zehn Jahren allge­mein verbreitet sein", prophe­zeit Jürgen Benitz-Wilden­burg vom Prüf­in­stitut ift Rosen­heim, das Baupro­dukte auf ihre Gebrauchs­taug­lich­keit testet.

Ener­gie­ver­brauch eine Privat­woh­nung um zehn bis dreißig Prozent redu­zieren

Smart Home: Steuerung per App und Sprache setzt sich durchSmart Home: Steuerung per App und Sprache setzt sich durch Gemeint ist mit "Smart Home" im Wesent­li­chen die digi­tale Fern­steue­rung der Haus­technik über Computer, sei es voll­au­to­ma­tisch mit Hilfe von Sensoren, über Smart­phone-Apps oder Sprachas­sis­tenten. Die wesent­li­chen Anwen­dungs­be­reiche: Bequem­lich­keit, Sicher­heit und Ener­gie­ef­fi­zienz. Auf der Münchner Messe "Bau 2019", einer inter­na­tio­nalen Leit­messe für die Baubranche mit rund 250 000 Besu­chern, ist die Digi­ta­li­sie­rung derzeit ein Haupt­thema.

"Wenn die Wasch­ma­schine smart ist, können wir ihr sagen, dass sie sich abends einschalten soll, wenn der Strom am güns­tigsten ist", sagt Thomas Harden­acke, Vertriebs­ma­nager beim Haus­technik­her­steller Busch & Jaeger. Der Ener­gie­ver­brauch eine Privat­woh­nung lässt sich nach Schät­zungen mit Hilfe der Digi­tal­technik um zehn bis dreißig Prozent redu­zieren.

Sicher­heits­technik wird eben­falls viel nach­ge­fragt: Erschüt­te­rungs­sen­soren für Fenster melden Einbruch­ver­suche. In Kombi­na­tion mit der Haus­technik können dann die Lampen in der Wohnung auto­ma­tisch ange­schaltet werden, um die Anwe­sen­heit der Bewohner vorzu­täu­schen. Oder das Bild des Einbre­chers wird über eine verknüpfte Video­ka­mera sofort auf das Handy des Haus­be­sit­zers gefunkt.

Vor allem für Senioren komfor­tabel

Eine Haupt­ziel­gruppe sind Senioren: "Es ist ein Riesen­plus, wenn sich Fenster und Türen auto­ma­tisch öffnen und schließen lassen", sagt Benitz-Wilden­burg vom ift Rosen­heim. Ein anderes Beispiel: Sollte eine allein lebende alte Dame zu Hause stürzen, kann ein Sensor Kinder oder Nach­barn alar­mieren.

Das "Smart Home"-Spek­trum reicht bis zu Nischen­pro­dukten, deren prak­ti­scher Nutzen begrenzt erscheint: Wer es im Bade­zimmer gern beson­ders hat, lässt sich digital gesteuert mit Geräu­schen und Gerü­chen des Regen­walds berie­seln.

Beför­dert wird die fort­schrei­tende Verbrei­tung von "Smart Home"-Anwen­dungen durch mehrere Faktoren: Die Tech­no­logie ist nicht nur billiger geworden, sondern auch einfa­cher. "Sie brau­chen zur Instal­la­tion keinen Program­mierer mehr", sagt Busch & Jaeger-Manager Harden­acke.

Gesteuert mit Sprachas­sis­tenten von Amazon, Google und Apple

Und viele Hersteller tradi­tio­neller Gebäu­de­technik bieten mitt­ler­weile Schnitt­stellen für die Verknüp­fung ihrer Geräte mit den Sprachas­sis­tenten von Amazon, Google und Apple an. So lassen sich Fens­ter­rollos, Heizung oder Licht mit gespro­chenen Befehlen kontrol­lieren, sagt Peter Taschner vom Haus­technik-Hersteller Gira, einem Tradi­ti­ons­un­ter­nehmen aus dem Bergi­schen Land.

Nach Angaben der deut­schen Amazon-Zentrale in München hat das US-Unter­nehmen bisher welt­weit 100 Millionen Geräte mit inte­grierter Alexa-Funk­tion verkauft. "Die Anzahl der verfüg­baren Geräte mit Alexa-Inte­gra­tion hat sich im vergan­genen Jahr mehr als verdrei­facht", sagt ein Spre­cher in München.

Das umfasst nicht nur "Smart-Home"-Geräte, sondern auch PCs, Weara­bles wie digi­tale Armband­uhren oder Fitness-Armbänder, Mobil­te­le­fone, und Autos von BMW, Ford oder Toyota. Die Zahlen für den deutsch­spra­chigen Markt veröf­fent­licht Amazon nicht separat.

Span­nungs­feld zwischen Komfort und Daten­au­to­nomie

Die Anbin­dung an das Internet kann Schat­ten­seiten haben. "Niemand möchte, dass sein Haus nicht mehr funk­tio­niert, wenn die Internet-Verbin­dung zusam­men­bricht", sagt Benitz-Wilden­burg vom ift Prüf­in­stitut. Die Nutzung von Sprachas­sis­tenten läuft darauf hinaus, dass Daten über priva­teste Vorlieben auf Cloud-Servern rund um den Globus gespei­chert werden. "Es gibt ein Span­nungs­feld zwischen Komfort und Daten­au­to­nomie", sagt Benitz-Wilden­burg.

Dass Daten­schutz- oder Sicher­heits­be­denken das Wachstum des "Smart-Home"-Markts stoppen könnten, glaubt aller­dings niemand. "Es gibt immer mehr Betriebe in den E-Hand­werken, die sich darauf spezia­li­sieren", sagt Technik-Geschäfts­führer Dechert vom ZVEH. In Zukunft wird es sogar einen eigenen Hand­werks­beruf dafür geben. Der ZVEH arbeitet an einer Novel­lie­rung der Ausbil­dungs­ord­nung. "Wir werden alle unsere Berufe anpa­cken, neu hinzu­kommen wird der Ausbil­dungs­beruf des Elek­tro­ni­kers für Gebäu­de­sys­tem­in­te­gra­tion", sagt Dechert.

Amazon und Google buhlen um die Gunst der Nutzer. Wir haben geschaut, wer bei der Smart-Home-Steue­rung per Sprache was bietet und welche Platt­form sich für wen besser eignet.

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