Getestet

Servario Networks: Erfahrungen mit dem Richtfunk-Internet auf dem Land

Trotz des massiven Ausbaus von VDSL Vectoring und einzelner Glasfaser-Projekte gibt es immer noch gerade in ländlichen Bereichen "weiße Flecken". Servario Networks will diese Bereiche per Funk versorgen. Wir haben das System getestet - mit guten Erfahrungen. Allerdings knirscht es woanders.
Aus Versmold berichtet
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Die Montage der SchüsselDie Montage der Schüssel Breitband-Internet dringt mittlerweile auch zunehmend in ländliche Gebiete vor. Doch selbst, wenn Anbieter Ausschreibungen gewinnen oder sich gegenüber einer Kommune verpflichten, den Ort mit VDSL oder gar echten Glasfaser-Leitungen zu erschließen, bedeutet das noch längst nicht, dass der ganze Ort erschlossen wird. So ist es beispielsweise auch im ostwestfälischen Versmold, der Heimatstadt des Redakteurs dieses Artikels. Die Kommune ist sehr zersiedelt. Neben der Kernstadt gibt es fünf abgelegene Ortsteile, die in sich zum Teil auch noch einmal unterteilt sind sowie zahlreiche alleinstehende Häuser und Bauernhöfe. Die Telekom hat sich verpflichtet, den Ort mit VDSL auszubauen - allerdings werden dabei nach einem Bericht des Westfalen-Blatt nur 25 der 40 Kabelverzweiger im Stadtgebiet versorgt. Die Stadt setzt für die restlichen Bewohner auf eine Funklösung von Servario Networks aus Nordhorn, die seit einigen Wochen aufgebaut wird. Jetzt sind die ersten Kunden online. Wir haben den Zugang getestet.

So ist das Netz aufgebaut

Servario Networks baut ein komplett eigenständiges (Richtfunk-)Funknetz auf und setzt dabei auf ein System namens WiBack. Die eigentliche Breitband-Kapazität wird per Richtfunkstrecke über etwa 15 Kilometer von einer Glasfaser-Backbone-Strecke entlang einer Gas-Pipeline zugeführt, die als Dark-Fibre-Leitung angemietet wurde. Der zentrale Mast für das Netz in Versmold steht im Dorf Oesterweg. Von hier aus soll das Signal per Richtfunk in die anderen Ortsteile und auch in ein großes Gewerbegebiet, in dem unter anderem die internationale Spedition Kraftverkehr Nagel ihren Sitz hat, verteilt werden. In der Lokalpresse ist derzeit von vier bis fünf Sendern auf dem 85 Quadratkilometer großen Gebiet der Stadt die Rede.

Die Kunden bekommen durch kleine Richtfunk-Schüsseln Zugriff auf das Netz. Diese werden vom Anbieter im Rahmen der Aktivierungskosten bereitgestellt und gegen Kosten von 69 Euro pro Stunde von Technikern des Anbieters installiert undauf den nächsten Funkmast ausgerichtet.

Verfügbarkeit bleibt unklar

Massiver Verteil-Sendemast in OesterwegMassiver Verteil-Sendemast in Oesterweg Eine Verfügbarkeitskarte oder eine Verfügbarkeitsabfrage bietet Servario leider nicht an. Auch Werbemaßnahmen vor Ort sind - außer der Berichterstattung in der Lokalpresse und einem Vertreter-Besuch - nicht zu beobachten. Offenbar setzt das Unternehmen aus Nordhorn auf Mund-zu-Mund-Propaganda. Anzeigen, Flyer oder Plakate gibt es nicht. Auch auf Anfragen unserer Redaktion im Vorfeld der Installation reagierte der Anbieter nicht - wir hätten die Installation der Anlage gerne redaktionell begleitet. Dem Kunden bleibt also nur, bei der Hotline des Anbieters nachzufragen oder auf gut Glück zu bestellen. Sollten die Techniker bei der Installation kein Signal bekommen, fallen laut Servario auch keine Kosten an. Grundsätzlich soll das Breitbandsignal im Umkreis von etwa 5 Kilometern um einen Sendemast verfügbar sein. Tatsächlich dürfte die Reichweite nach unserer Einschätzung aber geringer sein.

Zum eigentlichen Test des Zugangs: Nach einer Bestellung eines Zugangs über die Homepage des Anbieters dauerte es jedoch nur etwa zwei Wochen, bis sich der Anbieter mit uns in Verbindung setzte. Als einzige Werbemaßnahme besuchte uns ein Promoter des Unternehmens, der uns nach der Bestellung von den Vorzügen des Netzes überzeugen wollte. Er hatte keine Kenntnis über unsere Anschlussbestellung. Erst kurz darauf fand die Installation dann tatsächlich statt. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass wir direkt zum Vermarktungsstart bestellten als das Netz offiziell noch nicht für den Kundenverkehr freigegeben war. An der Antenne ist eine kleine Empfangsstärke-AnzeigeAn der Antenne ist eine kleine Empfangsstärke-Anzeige

Servario vereinbart zum Anschlusstermin einen Installationstermin mit dem Kunden und kommt dann mit zwei Technikern und einem Hubsteiger, um die Richtfunkschüssel beim Kunden auch an höheren Orten - etwa dem Dach - installieren zu können. In unserem Fall reichte jedoch durch direkte Sichtverbindung eine Installation auf der Rückseite einer Satelliten-Empfangsanlage aus. Dadurch, dass der Mast vom Wohnhaus aus in Richtung Norden liegt, stören sich die beiden Schüsseln nicht - Satellitenschüsseln werden in Richtung Süden ausgerichtet.

Wenig Technik, hohe Geschwindigkeit

Vom Anbieter bekommt der Kunde lediglich die Schüssel montiert und ein kleines "Power-over-Ethernet"-Gerät, das die Richtfunkschüssel aus dem Wohnhaus heraus über das Datenkabel mit Strom versorgt. Ein Modem gab es in unserem Fall nicht, weil wir bereits einen WLAN-Router von einer DSL-Leitung zur Verfügung hatten, der weiterverwendet werden konnte. Dieser wird nur im Router-Modus mit dem PoE-Gerät verbunden und ist online. Die Identifizierung und der Zugang erfolgt über die MAC-Adresse der Richtfunk-Schüssel. Material, das die Techniker zur Installation zusätzlich benötigen (etwa einen Mast zur Montage der Schüssel) wird dem Kunden zusätzlich in Rechnung gestellt. Die Einmalkosten für einen solchen Richtfunkzugang können so mit Aktivierungs- und Arbeitskosten schnell einige hundert Euro betragen. Dieses Gerät versorgt die Antenne mit Strom (oben links) und gibt den Datenstrom an den Router (unten links)Dieses Gerät versorgt die Antenne mit Strom (oben links) und gibt den Datenstrom an den Router (unten links)

Gebucht haben wir einen Zugang mit 33 MBit/s im Down- und 5 MBit/s im Upstream. Bei mehreren Messungen zu unterschiedlichen Tageszeiten und mit verschiedenen Speedtests wurden diese Werte auch nahezu immer erreicht. Wenn die Messungen etwas niedriger ausfielen war nicht auszuschließen, dass es am Testserver lag. Die Last auf der Anlage dürfte wenige Wochen nach Start der Vermarktung allerdings auch noch vergleichsweise gering sein, wenngleich in der Nachbarschaft durch die Richtfunkschüsseln am Dach mehrere Kunden auszumachen waren, die sicherlich einiges an Breitbandbedarf nachzuholen haben. Bis dato gab es vor Ort maximal (überlastetes) LTE aller Anbieter oder mit viel Glück DSL light mit weniger als 1 MBit/s.

Auch der Ping war im Test mit 18 bis 30 Millisekunden in unseren Messungen durchaus akzeptabel, wenn man bedenkt, dass das Signal über insgesamt drei Richtfunkstrecken gelaufen ist, bevor es ein Glasfaserkabel erreicht hat. Eingesetzt wird zumindest im Funkverkehr mit dem Kunden das (vermutlich unlizenzierte) 5-GHz-Band. Das geht aus dem Frequenzband der verwendeten Richtfunkschüssel hervor. Dieser Mast versorgt theoretisch etwa 500 Einwohner mit InternetDieser Mast versorgt theoretisch etwa 500 Einwohner mit Internet

Bei Richtfunk ist oftmals Regen ein Problem: Die Tropfen unterbrechen die Verbindung. In den vergangenen Jahren kam das sogar bei Mobilfunknetzen immer wieder vor. Während unserer Tests regnete es mehrmals. Nur einmal war die Verbindung bei einem starken Schauer wenige Minuten unterbrochen, sonst nur leicht langsamer als bei gutem Wetter. Im Hinterkopf sollten Kunden jedoch haben, dass es nicht unbedingt beim Kunden vor Ort regnen muss - es reicht auch ein starker Schauer auf der Richtfunkstrecke zum Backbone. Hier muss der Langzeittest des Anschlusses zeigen, wie problematisch Wettereinflüsse wirklich sein können.

Buchhaltung und Webseite lassen zu wünschen übrig

Nahaufnahme des Sendemastes: Die kleinen Segmente übertragen die Daten zum Kunden, die Richtfunkschüssel rechts die Daten zum nächsten Sendemast.Nahaufnahme des Sendemastes: Die kleinen Segmente übertragen die Daten zum Kunden, die Richtfunkschüssel rechts die Daten zum nächsten Sendemast. So gut und unproblematisch der Internetzugang über die Richtfunk-Strecke bislang in unserem Test funktioniert, so chaotisch sind die Eindrücke, die der Anbieter bei seinen Tarifen und der Buchhaltung hinterlässt. Derzeit sind auf der Webseite zwei Tarife mit 33/5 und 50/10 MBit/s zu finden. Sie sollen monatlich 39,99 bzw. 59,99 Euro kosten. Wählt der Kunde einen dieser Tarife aus, wird er auf die nächste Seite geleitet, um dort seine Daten einzugeben. Hier allerdings ist dann plötzlich nur noch von 33/3 und 50/5 MBit/s die Rede. Außerdem soll der 50er-Zugang auf der zweiten Seite plötzlich 99,99 Euro monatlich kosten. Ein vor wenigen Wochen noch angebotener 18-MBit/s-Zugang wurde inzwischen gestrichen. Vorteil für die Kunden jedoch in jedem Fall: Eine Datendrossel oder ein Fair-Use-Prinzip gibt es nicht. Einer der Masten steht derzeit auf einem Anhänger, der andere auf einem massiven BetonfeldEiner der Masten steht derzeit auf einem Anhänger, der andere auf einem massiven Betonfeld

Ein weiteres Problem stellt sich bei der Buchhaltung dar: Servario schickte uns mit Datum vom 12. September für die Einrichtung eine Rechnung über 294,69 Euro - dieser Betrag ist inklusive Aktivierungskosten, Techniker und Zusatzmaterial korrekt. Aufgrund einer erteilten Einzugsermächtigung überwiesen wir den Betrag nicht. Die monatlichen Kosten wurden von Servario abgebucht, nicht aber die Einrichtungskosten. Stattdessen mahnte der Anbieter am 22. September einen Betrag von 195,69 Euro an und berief sich auf eine Rechnung vom 7. September, die es so aber nie gab. Der Anbieter muss sich hier fragen lassen, wie derartige Unstimmigkeiten passieren können und warum Rechnungen von Kunden, die eine Einzugsermächtigung erteilt haben, nicht auch eingezogen werden. Telefonische Rückfragen waren nicht möglich - die angegebenen Nummern waren entweder besetzt oder es wurde ein Rückruf versprochen, der nie erfolgte.

Fazit: Schnelles Internet fürs Land möglich

Das Beispiel Servario zeigt, dass auch Funklösungen zumindest für einen Übergangszeitraum von einigen Jahren eine schnelle Lösung sein können, zersiedelte Gebiete mit Breitbandnetzen zu versorgen. Der Anbieter verspricht, sogar Gigabit-Verbindungen, beispielsweise für Firmen, anbieten zu können. Langfristig dürfte aber auch hier kein Weg an Glasfasernetzen vorbeiführen. Nachteil der Lösung ist das proprietäre Netz, das auch ohne Open Access auskommt. Der Kunde ist somit auf Servario angewiesen und muss hoffen, dass sich Dinge wie die Buchhaltungsprobleme in unserem Test nicht bei allen Kunden durchziehen.

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