Analyse

Serien & Daddeln: Hinter Mediensucht steckt Sehnsucht

Ist es bedenk­lich, wenn man lieber Netflix schaut als mit dem Partner zu spre­chen? Und muss das Handy auch immer mit ins Bad? Eine Suche nach Antworten.
Von dpa /

Übermäßiger Medienkonsum hat in der Pandemie zugenommen Übermäßiger Medienkonsum hat in der Pandemie zugenommen
Bild: dpa
Spätes­tens seit Beginn der Pandemie verbringen viele Menschen zahl­lose Stunden in digi­talen Welten. Doch manche und mancher findet da nicht mehr so schnell wieder heraus. Ab wann kann man beim eigenen Medi­enkonsum über­haupt von einer Sucht spre­chen? Und wie gerät man erst gar nicht in den Strudel medialer Abhän­gig­keiten?

"Wenn es richtig ernst wird, werden andere Lebens­bereiche vernach­läs­sigt, so wie Freund­schaften, Familie, Hobbys und irgend­wann dann auch Körper­pflege", erklärt Diplom-Psycho­login Martina Haas, die für die Stif­tung Medien- und Online­sucht arbeitet. In diesen Fällen werde kaum noch gegessen, geschlafen oder geduscht, weil man sich etwa nur noch vor dem PC aufhält.

Die Dosis wird gestei­gert

Übermäßiger Medienkonsum hat in der Pandemie zugenommen Übermäßiger Medienkonsum hat in der Pandemie zugenommen
Bild: dpa
Man nimmt dann zwar noch wahr, dass die eigene Medi­ennut­zung nega­tive Folgen hat, aber man kann dieses Verhalten dennoch nicht mehr ändern, so Haas. "Hinzu kommt, dass die Dosis immer weiter gestei­gert wird und wenn man dann versucht offline zu gehen, bekommt man Entzugs­erschei­nungen." Betrof­fene sprä­chen ungern darüber und hätten Schuld­gefühle gegen­über ihrer Familie. Um vor diesem Stress zu fliehen, würden manche noch tiefer in virtu­elle Welten flüchten.

Medi­ensucht mit diesem Kontroll­ver­lust betrifft bei Mädchen und Frauen häufiger soziale Netz­werke, während es bei Jungen und Männern eher Online-Spiele seien, berichtet Haas. Gene­rell erklärt sie, dass hinter jeder Sucht auch immer eine Sehn­sucht stecke: "Wenn man merkt, man kommt nicht mehr davon los, dann sucht man in den Medien meis­tens irgend­etwas, was man in der realen Welt vermisst."

Kein Konzept auf Dauer

Die Medi­enpäd­agogin Kristin Langer von der Initia­tive "Schau Hin" gibt zu bedenken, dass in Corona-Zeiten natür­lich viele Menschen deut­lich mehr Zeit vor dem Bild­schirm verbringen als norma­ler­weise empfeh­lens­wert sei: "Das Abtau­chen in eine digi­tale Welt kann Glücks­momente und Erfolgs­erleb­nisse produ­zieren, aber das ausschließ­lich in digi­talen Welten zu erfahren, ist eben kein Konzept auf Dauer."

Die Fähig­keit der Selbst­regu­lie­rung baue sich erst schritt­weise mit der Persön­lich­keit auf, erklärt Langer. "Der Prozess braucht Zeit und ist bei manchem Erwach­senen noch nicht abge­schlossen."

Gene­rell sei es wichtig, dass man nicht schon als Kind in eine Abhän­gig­keit gerät, sagt Sucht­the­rapeut Niels Pruin. Denn diese würde oft ein Leben lang erhalten bleiben: "Umso eher ein Kind mit proble­mati­schen Medi­ennut­zungs­ver­halten anfängt und umso länger es das hat, umso schwerer wird es auch so eine Sucht wieder loszu­werden als Erwach­sener."

Unzu­frieden mit sich selbst

Häufig kämen zur Sucht­bera­tung junge Männer, die sich aus der Gesell­schaft zurück­gezogen hätten und denen es sehr schwer falle soziale Kontakte aufzu­bauen, sagt Pruin: "Sie haben das verlernt und sind mit sich selbst sehr unzu­frieden. Viele haben Angst, diesen Anfor­derungen im realen Leben nicht mehr gerecht zu werden."

Menschen, die nach Medien süchtig sind, hätten oft auch soge­nannte komor­bide Störungen, also Begleit­stö­rung, wie etwa Depres­sionen, Ängste, Zwänge oder soziale Phobien, so Pruin: "Es geht nicht nur um den reinen Medi­enkonsum, sondern oft will man mit dem proble­mati­schen Konsum andere Defi­zite kompen­sieren."

Um heraus­zufinden, ob man viel­leicht süchtig ist, sollte man versu­chen, den proble­mati­schen Medi­enkonsum herun­ter­zuschrauben, rät Thera­peut Pruin. "Wenn man das Gefühl hat, jeder­zeit aufhören zu können, dann sollte man das tatsäch­lich einmal versu­chen. Wenn man dann merkt, dass man es nicht schafft, dann sollte man sich profes­sio­nelle Hilfe holen."

Mit Tricks den Konsum beschränken

Allen, die zwar nicht süchtig seien, aber dennoch einen starken Konsum hätten, empfiehlt Pruin, zu ein paar Tricks zu greifen. Beispiel Smart­phone: "Wenn man weniger mit dem Handy herum­dad­deln möchte, hilft es, das Handy möglichst unat­traktiv zu machen. Etwa mit einem nervigen Klin­gelton, einem pein­lichen Hinter­grund­bild oder auch einem ganz kompli­zierten Zugangs­code." Zudem könne man am Esstisch und Nacht­tisch handy­freie Zonen schaffen und das Handy nicht mehr mit ins Bad nehmen.

"Die Toilette ist ein Ruhe­raum in dem man nicht gestört wird. Da will keiner was von einem und schon verbindet man das mit dem Griff zum Handy", erklärt Pruin. "Das ist eine klas­sische Kondi­tio­nie­rung im Gehirn, eine Sucht­kon­ditio­nie­rung. Und das muss man erst wieder entkon­ditio­nieren."

Präven­tion via Selbst­bewusst­sein

Um gar nicht erst medi­ensüchtig zu werden, könne man präventiv vieles tun, erklärt der Sucht­the­rapeut Niels Pruin. Selbst­bewusst­sein stärken heißt die Devise. Dabei spielten sport­liche oder krea­tive Frei­zeit­akti­vitäten, das grund­sätz­liche Inter­esse für Menschen, sowie ein Freun­des­kreis wich­tige Rollen. Ganz wichtig sei es auch, Lange­weile aushalten zu können, sagt Pruin. "Das ist ein ganz großes Problem, dass viele nicht wissen, wie sie mit einem unan­genehmen Gefühl wie Lange­weile umgehen sollen, weil sie es nie gelernt haben."

Wenn Kinder ein Smart­phone wollen, ist das selbst für sie oft schon ein Status­symbol. Aber muss es deshalb gleich das neueste Modell sein?

Mehr zum Thema Digitale Gesellschaft