Gediegen

Swisscom: Beständig, zuverlässig auf dem Weg zu 5G

Bereits 2019 bis 2020 plant die Schweizer Swisscom ihr Netz in den wesentlichen Bereichen auf 5G aufgerüstet zu haben. Deutsche Leser dürften sich die Augen reiben.
Aus München berichtet
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Reden wir von mobilem Netzausbau, denken wir meist an die drei deutschen Netzbetreiber Telefónica (o2), Telekom (D1) oder Vodafone (D2). Es lohnt sich aber immer wieder, einen Blick über die Grenze zu werfen, etwa in die Schweiz. Die Eidgenossenschaft ist kein Mitglied der EU, aber bei vielen europäischen Entwicklungen und Entscheidungen unmittelbar beteiligt. Als im Jahre 1991 der Rollout (Aufbau) des Globalen Standards für Mobilfunk (GSM) anfing, war Swisscom von Anfang an dabei.

Regelmäßiger Testsieger: Swisscom

Heinz Herren, CTO und CIO der Schweizer Swisscom kann heute schon 95 Prozent Flächendeckung mit 4G vorweisen. In Deutschland ein ferner Traum.Heinz Herren, CTO und CIO der Schweizer Swisscom kann heute schon 95 Prozent Flächendeckung mit 4G vorweisen. In Deutschland ein ferner Traum. Regelmäßig testet die Fachzeitschrift "Connect" Mobilfunknetz in Europa und regelmäßig rangiert das Netz des "incumbent" Netzbetreibers Swisscom auf den vordersten Plätzen, acht Mal hat Swisscom den Netztest der "Connect" gewonnen. Einmal lag der Konkurrent Sunrise (vormals diax) vorne, worüber sich der ebenfalls anwesende Technik-Vorstand von Sunrise Elmar Grasser, teltarif.de Lesern noch als ehemaliger Technikchef von E-Plus in Deutschland geläufig, freut. Dieses Jahr liegen wieder beide gleichauf.

Schweizer mögen Beständigkeit

Auf der Connect Conference stellte der Swisscom-CTO (Technikvorstand) Heinz Herren sein Netz und die speziellen Schweizer Probleme vor. Herren hat einen Abschluss als Ingenieur der Elektrotechnik (HTL), ist seit 2001 bei der Swisscom und als CTO und CIO im Vorstand der Schweizer Swisscom, ferner bei Fastweb (Italien) und Belgacom (Belgien) und hat in diesen Positionen einige Erfahrungen erworben.

Die Schweiz punktet mit Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit. Etwa 64 Prozent der Schweizer sind Kunde bei Swisscom (Fest- und Funk), 55 Prozent bei Swisscom Mobile und seinen Untermarken wie Wingo, Mucho oder M-Budget und anderen und beliefert Lycamobile in der Schweiz und künftig auch die Kunden von UPC (Kabel, gehört zu Liberty Global).

Die Schweiz ist etwas teurer

Gemessen an Deutschland liegen die Preise (aber auch die Kaufkraft) in der Schweiz deutlich höher, aber der Kunde ist bereit diesen Preis zu bezahlen. Dafür bekommt er schon heute 95 Prozent Netzabdeckung (der Fläche) mit 4G (LTE), insgesamt inkl. GSM und 3G sind es knapp 97 Prozent. Auf 80 Prozent der Fläche darf der Kunde mit Geschwindigkeiten von 300 MBit/s oder auf 60 Prozent mit 450 MBit/s rechnen. Die Schweiz ist zu 99 Prozent mit einem Bauckhaul (interne Versorgung der Stationen mit dem Kernnetz) von 10 GBit/s Geschwindigkeit ausgestattet. Deutsche Leser können davon im Moment nur träumen.

Im Mobilfunk setzt Swisscom seit Anbeginn auf den schwedischen Netzwerk-Lieferanten Ericsson, bis heute. In Deutschland startete Mannesmann ebenfalls mit Ericsson, verwendet inzwischen aber auch andere Lieferanten. Die Deutsche Telekom ist erst kürzlich von Nokia Networks zu Ericsson als zweitem Lieferanten umgeschwenkt.

Erste 5G-Showcases in Kürze - Netzausbau noch dieses Jahr

In Kürze sollen erste 5G-Showcases, also funktionierende Beispiele im realen Betrieb, vorgestellt werden. Das Kernnetz und die dazu gehörenden Systeme werden noch 2018 für 5G vorbereitet. 5G-fähige Endgeräte werden bereits ab 2019 erwartet. Für den Start von 5G müssen neue Antennen (Stichwort Mimo) montiert und das Kernnetz ("Core") aufgerüstet werden.

Bei der Gelegenheit werden die vorhandenen oder neu dazukommende Frequenzen "umsortiert" (Fachwort: Refarming), um mehr aneinander liegende Frequenzbereiche zu bekommen.

Kummer mit NIS

Ein Vorteil der 5G-Technologie, das sogenannte "Beamforming", kann im Moment in der Schweiz nicht genutzt werden. Beim "Beamforming" wird ein Signal ("Beam") zu einem bestimmten Kunden gezielt ausgerichtet, etwa um ihm speziell höhere Bandbreite zu geben.

Dagegen spricht die sogenannte NIS-Verordnung (Nicht Ionisierende Strahlung). Deren Grenzwerte sind in der Schweiz extrem streng, dadurch müssten viel mehr Stationen in die Fläche gestellt werden, was als Nebeneffekt eine gleichmassigere Ausleuchtung beim Kunden bedeutet. Dennoch sei NIS nicht mehr zeitgemäß und müsse dringend angepasst werden. Ein Argument, wo ihm sein Kollege Grasser von Sunrise uneingeschränkt beipflichtet. Spricht man mit Kennern der Schweizer Situation wird signalisiert, dass die aktuelle Schweizer Bundesregierung die Möglichkeit hätte, kurzfristig Abhilfe zu schaffen.

Schweiz: Frequenzauktion noch 2018?

Die Auktion neuer Frequenzen für die Schweiz könnte in der zweiten Jahreshälfte 2018 erfolgen, die Swisscom hätte gerne möglichst bald Klarheit, die Mitbewerber Sunrise und Salt würden sich gerne noch Zeit lassen, hat die in Zürich erscheinende Neue Züricher Zeitung (NZZ) herausgefunden.

Ungewöhnlich: 1400 MHz

Swisscom möchte 5G Frequenzen bei 700, 1400 und 3500 MHz ersteigern. Gerade die Frequenz 1400 MHz ist ziemlich ungewöhnlich und soll ähnlich den 1500 MHz in Deutschland als reines "Download-Band" genutzt werden. Die Netzabdeckung mit 5G wird sehr schnell von statten gehen und weitgehend der dann aktuellen 4G-Abdeckung entsprechen. Swisscom rechnet damit, die Netzabdeckung bis 2019/2020 in den wichtigsten Teilen der Schweiz zu haben.

Schweizer von deutscher Netzabdeckung "enttäuscht"

Im Hintergrundgespräch zeigten sich die Schweizer Mobilfunkexperten von der "schwachen" Qualität der deutschen Netze hinsichtlich Abdeckung "enttäuscht", hier gäbe es noch einiges zu tun.

Schweizer Kooperationsmodell bei Glasfaser

Übrigens: Schon jetzt können 30 Prozent der Schweizer mit GigaBit-Verbindungen über Glasfaser im Festnetz erreicht werden. In einem einzigartigen Abkommen zwischen örtlichen Energieversorgern, TV-Kabel-Anbietern, Telekommunikationsanbietern und der Swisscom wurde verabredet, immer mehrere unbeleuchtete Glasfasern in alle erreichbaren Häuser zu legen, wovon eine für die Swisscom "reserviert" ist, die anderen für den Wettbewerb und eine in Reserve für künftige neue Anbieter bleibt.

Auch hier kann Deutschland von den Schweizern noch einiges lernen.

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