Stau?

Orbit füllt sich: Auch China plant Satellitennetz fürs Internet

Firmen wie SpaceX, OneWeb oder Amazon liefern sich ein Wett­rennen um Internet aus dem All. Zehn­tau­sende Satel­liten sind geplant. Da möchte China auch mit dabei sein. Im Welt­raum wird es eng.
Von dpa /

Eine chinesische Trägerrakete vom Typ "Langer-Marsch-7A-Y2" startet von Wenchang (Hainan, Südchina). Eine chinesische Trägerrakete vom Typ "Langer-Marsch-7A-Y2" startet von Wenchang (Hainan, Südchina).

Foto: Picture Alliance / dpa / XinHua
Firmen wie SpaceX, OneWeb und Amazon liefern sich ein Wett­rennen um Internet aus dem All. Zehn­tau­sende Satel­liten sind geplant. Aus stra­tegi­schen Gründen will auch China ein Mega­netz bauen. Experten befürchten Über­fül­lung im Erdorbit und Gefahren für die Raum­fahrt.

Globales Rennen

Eine chinesische Trägerrakete vom Typ "Langer-Marsch-7A-Y2" startet von Wenchang (Hainan, Südchina). Eine chinesische Trägerrakete vom Typ "Langer-Marsch-7A-Y2" startet von Wenchang (Hainan, Südchina).

Foto: Picture Alliance / dpa / XinHua
Im globalen Rennen um ein satel­liten­gestütztes Internet will sich nun auch China als großer Mitspieler etablieren.

Bisher sind vor allem das Unter­nehmen SpaceX des Tesla-Grün­ders Elon Musk mit seinem Projekt „Star­link“ sowie die Londoner Firma OneWeb und der Amazon-Konzern mit ähnli­chen Projekten präsent. Jetzt macht auch China Tempo mit dem Aufbau eines eigenen Mega­netzes von Satel­liten. Im April wurde unter staat­licher Führung die China Satel­lite Network Group gegründet, die alle Akti­vitäten bündelt. Nach den bisher bekannten Plänen sollen insge­samt mehr als 20.000 chine­sische Satel­liten in Umlauf­bahnen gebracht werden.

Im Welt­raum wird es eng

Mit den vielen Zehn­tau­send weiteren Satel­liten, die SpaceX, OneWeb und Amazon für ihre Inter­net­dienste ins All schi­cken wollen, wird es regel­recht eng im Erdum­feld. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, gilt als Motto. Von Land­nahme in Wild-West-Manier ist bei Kriti­kern die Rede.

„Das ist offen­sicht­lich genau jetzt die Lage“, warnt der Raum­fahrt­experte Jona­than McDowell vom Harvard-Smith­sonian Center for Astro­phy­sics in Cambridge im US-Bundes­staat Massa­chu­setts. Er sieht Gefahren für die Raum­fahrt durch den ohnehin schon mit Welt­raum­müll vollen und nun noch zusätz­lich gefüllten Erdorbit. „Ich denke, eine größere Kolli­sion ist an einem Punkt unaus­weich­lich“, sagt der Astro­phy­siker der Deut­schen Presse-Agentur.

Er schlägt vor, ein Aufsichts­organ zur Kontrolle des inter­natio­nalen Verkehrs im Welt­raum zu schaffen, um die Risiken zu mindern. Auch müsse die Zahl der Satel­liten in bestimmten Höhen begrenzt werden, um einer Über­bele­gung vorzu­beugen.

Problem: Licht­ver­schmut­zung

Ein Problem kann demnach auch die Licht­ver­schmut­zung durch die Refle­xion des Sonnen­lichts auf Solar­pan­elen der Satel­liten sein, die für helle Flecken am Ster­nen­himmel sorgen und Astro­nomen und Ster­nen­freunde irri­tieren. Beson­ders die Satel­liten von OneWeb in höherer Umlauf­bahn von rund 1200 Kilo­metern dürften den natür­lichen Nacht­himmel verän­dern: „Die nied­rigeren Umlauf­bahnen in 500 Kilo­metern Höhe, die von „Star­link“ benutzt werden, sind nicht so schlimm, könnten uns aber auch einige Probleme bereiten“, fürchtet der Astro­phy­siker.

Oneweb hat schon 218 Himmels­körper

Eine russi­sche Sojus-Rakete brachte erst am vergan­genen Samstag 36 weitere Satel­liten für das mit Airbus koope­rie­rende OneWeb ins All und baute dessen Flotte damit auf 218 Himmels­körper aus. Das von SpaceX des Tesla-Chefs und Welt­raum­pio­niers Musk betrie­bene „Star­link“-Netz­werk hat schon mehr als 1600 Satel­liten im Erdorbit und damit die Nase vorn. Nach­zügler sind Amazon mit dem Projekt „Kuiper“ und jetzt die chine­sische Satel­lite Network Group, die wie auch SpaceX den großen Vorteil hat, sich die nötigen Rake­ten­starts selbst ermög­lichen zu können.

Chinas Staat inves­tiert

Hinter Chinas Plänen steht die finanz­starke Kommis­sion der Regie­rung zur Kontrolle und Verwal­tung von Staats­ver­mögen. Obwohl erst im April gegründet, ist die Network-Gruppe auf der Liste der Top-Staats­unter­nehmen schon auf Platz 26 zu finden, direkt hinter den drei Tele­kom­riesen Chinas. Zuvor gab es bereits die zwei konkur­rie­renden Programme „Hongyun“ und „Xingyun“, die nun zusam­men­gelegt wurden. „Das Land will seine Ressourcen bündeln und auf schnellen Fort­schritt dringen“, kommen­tiert das chine­sische Wirt­schafts­magazin „Caixin“.

Das Mega­netz wurde auf die Liste „neuer Infra­struktur-Entwick­lungen“ gehoben, die mit Hilfe der Regie­rung geför­dert werden. Im September bean­tragte China bei der Inter­natio­nalen Fern­mel­deunion (ITU) der Vereinten Nationen das Spek­trum für seinen Inter­net­dienst mit vorerst 12.992 geplanten Satel­liten. „China ist langsam mit dem Satel­liten-Internet“, zitiert „Caixin“ einen Forscher. „Andere sind schon losge­laufen. So können wir nicht warten. Schließ­lich sind die Ressourcen in Orbit und Spek­trum begrenzt.“

Warum Internet aus dem Welt­raum?

Was sind die Vorteile welt­raum­basierten Inter­nets? Zum einen können damit abge­legene Gegenden und Meeres­gebiete erreicht werden, die sonst nicht verbunden werden könnten, wie Experten erklären. Neben der globalen Abde­ckung werden hohe Breit­band­geschwin­dig­keit und schnelle Instal­lation als Vorteile genannt. Als Nach­teile gelten hohe Verzö­gerungs­zeiten, Daten­mengen-Begren­zungen, Störungen durch Wetter, hohe Bezugs­kosten sowie Inkom­pati­bilität für Tunnel­ver­bin­dungen (VPN), mit denen gerade Inter­net­nutzer in China die „Große Fire­wall“ genannte Zensur umgehen.

Kontrolle über Inhalte

Am Ende geht es um das Internet der Zukunft, die Kontrolle über das Netz und aus chine­sischer Sicht eben auch um die Kontrolle der Inhalte. „Gegen­wärtig ist das Geschäfts­modell des Satel­liten-Inter­nets noch nicht ausge­reift, aber was die stra­tegi­sche Bedeu­tung angeht, muss es gemacht werden“, sagt Mi Lei, Gründer von CAS Star, ein chine­sischer Invest­ment-Inku­bator für Tech-Unter­nehmen, im „Caixin“-Beitrag. „Wir werden den kommer­ziellen Wert betrachten, nachdem wir es gebaut haben.“

Rein terres­trisch, aber unter Wasser verläuft die Inter­net­ver­bin­dung "ella.link" zwischen Portugal und Brasi­lien.

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