Runde Sache

Editorial: Nachrichten überall

Samsungs gebogenes Display: Kommt das Galaxy S6 Double Edge, dessen Display aus drei Richtungen ablesbar ist? Wer braucht das? Und wie geht Samsung mit den sich daraus ergebenden Ver­traulich­keits­problemen um?
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Die Vorstellung des Galaxy S6 naht, und so verwundert wenig, dass die Gerüchteküche ob der Frage heißläuft, ob das S6 analog zum Galaxy Note Edge auch einen großen "Edge"-Bruder mit gebogenem Display bekommen wird. Nun wird gar spekuliert, dass das Display des Samsung Galaxy S6 Edge nicht nur zu einer Seite des Geräts hin gebogen sein wird, sondern zu beiden langen Seiten.

Samsung Galaxy Note Edge mit seinem an einer Seite gebogenem DisplaySamsung Galaxy Note Edge mit seinem an einer Seite gebogenem Display Die Erweiterung der Biegung wäre konsequent. Denn mit dem von Samsung vorgesehenen Anwendungsszenario - man kann von der Seite zum Beispiel eine SMS ablesen, wenn das Gerät ansonsten "ausgeschaltet" vor einem liegt - muss man immer aufpassen, wie rum man das Gerät ablegt, damit man dieses Feature nachher auch nutzen kann. Andererseits ist es nicht wirklich datenschutzfreundlich, wenn das Handy die eingehende SMS gleich auf beiden Seiten und damit quasi aus allen Richtungen einsehbar anzeigt. Damit es - passend zum gerade auf der Berlinale vorgestellten Film "50 Shades of Grey" - wirklich jeder mitbekommt, wenn der Partner darum bittet, nicht zu vergessen, Kabelbinder aus dem Baumarkt mitzubringen. Auch, wenn damit wirklich nur der Kabelverhau hinter dem Flachfernseher etwas manierlicher arrangiert werden soll.

Freilich geht der Trend der "Generation Facebook" zum unlimitiert öffentlichen, geheimnisfreien Leben. Google hat auf den Trend auch reagiert, und bei Android 5 Lollipop die großzügige Anzeige von Nachrichten-Ausschnitten auf dem Sperrbildschirm zur Voreinstellung gemacht. Die Kabelbinder-Zweideutigkeit kann also auch mit jedem anderen Lollipop-Smartphone passieren, wenn dieses beim Eingang der SMS vom Partner mit dem Display nach oben auf dem Tisch liegt, und die Privatsphäre-Einstellungen gegenüber dem Auslieferungszustand nicht verändert wurden.

Die Liste lässt sich verlängern: Warum müssen die Kacheln von Windows Phone im Datenschatz des Telefons wühlen und nach Belieben Ausschnitte aus Kamerafotos, an Nachrichten anhängenden Bildern oder den Profilfotos von Facebook-Kontakten zeigen? Und warum finden die Macher von iOS es schon seit einiger Zeit nützlich, relativ große Ausschnitte des Terminkalenders auf dem Sperrbildschirm darzustellen. Damit jeder sie lesen kann, selbstverständlich auch ohne PIN-Eingabe?

Intelligenter Filter-Algorithmus

Wahrscheinlich wird es uns in einigen Jahren mit dem nächsten größeren Versionssprung auf Android 6.0 "Peppermints" dann als großer Erfolg verkauft, dass das System ab sofort Nachrichten anhand ihres Inhalts automatisch in mehrere Geheimhaltungsklassen von "harmlos" über "vertraulich" bis hin zu "streng geheim" einstuft, und beispielsweise ab "vertraulich" keine Vorschau des Textes mehr auf dem Sperrbildschirm anzeigt. Bei "streng geheim" wird dann sogar automatisch die Signalisierung des Eingangs der Nachricht unterdrückt, wenn sich der Smartphone-Nutzer gerade in Gesellschaft befindet.

In einem Sternchentext erfahren wir dann, dass sämtliche eingehenden Nachrichten für das Geheimhaltungs-Rating an die Cloud geschickt werden. Ein paar Monate später geht als Skandal durch die Medien, dass das auch solche Nachrichten betrifft, die Ende-zu-Ende-verschlüsselt direkt an das Smartphone zugestellt wurden. Und zur Prüfung der Frage, ob der Smartphone-Nutzer gerade anwesend und alleine ist, sind Frontkamera und Mikrofon permanent aktiv, und ein Chip wertet aus, wie viele Gesichter zu sehen bzw. Stimmen zu hören sind.

Selbstverständlich haben sich bis dahin im High-End-Bereich, der anfänglichen Zurückhaltung der Käufer bei Samsung Galaxy Note Edge und S6 Edge zum Trotz, längst die komplett umlaufenden Displays durchgesetzt. Egal, wierum der Nutzer es aus der Tasche fummelt: Mit Hilfe der beiden Kameras wird automatisch diejenige Seite des Displays entsperrt, die zum Gesicht des Nutzers zeigt. Schöne neue Handy-Welt!

Wieder im Ernst: Mehr Display tut einem Smartphone immer gut, erlaubt es doch die Darstellung von mehr Inhalten. Aber Samsung sollte das an den beiden Seiten gebogene Display doch einfach nutzen, um Bilder, Webseiten und Videos noch etwas größer darzustellen. Dazu müssten die Inhalte auf dem gebogenen Teil des Displays passend skaliert werden, dass sie von der Mitte des Smartphones aus betrachtet unverzerrt erscheinen. Der Nachrichten-Ticker auf der Smartphone-Seite mag zwar was für spezielle Zielgruppen wie Börsenmakler oder Journalisten sein. Für die Allgemeinheit sehe ich hier aber eher weniger Bedarf.

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