Raus aus der Nische

re:publica: Richtiges Timing und der Weg zu mehr Aufmerksamkeit

Internet als Betriebssystem - basierend auf Reformen und Freiheit
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Richard Gutjahr, der während der Unruhen in Ägypten von dem Tahrir-Platz bloggte, bedankte sich auf der re:publica in Berlin für Spenden - knapp 4 000 Euro die ihn über Internet-Dienste wie PayPal und Flattr erreichten. Ähnlich sieht es mit dem derzeit sehr präsenten WikiLeaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg aus. Für seine WikiLeaks-Alternative, genannt OpenLeaks, hat er mit Hilfe von Flattr bisher rund 600 Euro erhalten. Auch eine dritte Initiative profitiert derzeit von Spenden aus der Nutzergemeinde. Die Facebook-Alternative Diaspora sammelte bis jetzt 200 000 Dollar, gespendet von rund 6 000 Internet-Nutzern. Das Internet eröffnet kleinen Projekten mehr und mehr interessante Möglichkeiten zur Erschließung von Finanzierungsquellen.

Richard Gutjahr, der während der Unruhen in Ägypten von dem Tahrir-Platz bloggte, bedankte sich auf der re:publica in Berlin für Spenden.Richard Gutjahr reiste mit Spenden nach Ägypten und bloggte von dort Auf der heute in Berlin beendeten Szene-Messe re:publica, quasi das Klassentreffen der Blogger, wurde eines deutlich: Die Netzgemeinde will auf eigenständig sein und die Forderung nach einem offenem und freien Internets auch gegenüber der Politik deutlicher zur Sprache bringen. 3 000 Blogger und Betreiber von Internet-Plattformen diskutierten in Berlin über Sorgen und Hoffnungen. Der Technikchef von IBM Deutschland, Gunter Dueck, bezeichnet das Internet gar als "Betriebssystem der Gesellschaft" - es bilde die Basis für alles andere. Als Beispiele wären intelligente Stromnetze, Telemedizin oder auch die elektronische Steuererklärung zu nennen. Ihre Realisierung wäre ohne das Internet nicht möglich.

Für das Betriebssystem: Befreiung der Daten und eine Reform des Urheberrechts

Es stellt sich also die Frage wie das Betriebssystem aussehen könnte. Eine Antwort darauf bringt das Programm der re:publica mit sich. Es finden sich Forderungen nach der Befreiung öffentlicher Daten aus Behörden-Rechnern, für Netzneutralität und eine Reformierung des Urheberrechts - gegen Vorratsdatenspeicherung, Zensur und Netzsperren. Unter den re:publica-Besuchern finden sich sehr wenige, die sich von der Politik vertreten fühlen. Viel öfter hört man Standardbeschimpfungen wie "Internet-Ausdrucker".

Markus Beckedahl macht die Forderung nach einer Reform des Urheberrechts auf eine andere Art und Weise deutlich. Während seiner Vorstellung der neuen Interessenvertretung unter dem Namen Digitale Gesellschaft warf er ein Foto des Ex-Außenministers Karl-Theodor zu Guttenberg an die Wand. Darüber: "Warum ist das Urheberrecht eigentlich so kompliziert?" IBM-Technikchef Dueck forderte die Besucher zu mehr Engagement auf: "Sie müssen doch irgendwie sagen, wie Sie das Land haben wollen, verdammt noch mal!" Und: "Sie müssen was wollen, nicht für sich und das Internet, sondern für alle!"

Sascha Lobo: Entweder zu doof oder zu leise

Irokesenschnitt und Schnauzbart: Der Blogger und Autor Sascha Lobo, der in der Szene zu den großen Selbstvermarktern gehört, fordert mehr Präsenz. Er selbst ist auch in den klassischen Medien durchaus präsent - was aber nicht seine Schuld sei. In einer gespielten Pöbelei mit ernst gemeinten Hintergrund sagte er: "Ihr seid entweder zu doof oder zu leise, um in der Gesellschaft eine Rolle zu spielen - zumindest medial." Wer "die digitale Gesellschaft prägen" wollte, dürfe nicht immer mit den "gleichen 1 500 Deppen sprechen" und sich gegenseitig über Detailfragen zerfleischen. Immerhin: Die Zuhörer lachten und klatschten.

Eben diese breitere Interessenvertretung will auch der Verein Digitale Gesellschaft sein. "Wir versuchen, die Themen herunterzubrechen, dass wir auch unsere Eltern erreichen", sagte Beckedahl. "Wir wollen zu jedem Gesetzesprozess aus Sicht der Internetnutzer Stellungnahmen schreiben." Der Verein plant zudem die Unterstützung von Kampagnen, sowohl online als auch offline. "Wir können uns nicht mit Greenpeace vergleichen, die haben Schlauchboote", sagte der Blogger von netzpolitik.org. Dennoch sei es jetzt an der Zeit eine breitere Aufmerksamkeit für die Themen der Netzgemeinde zu gewinnen. "In zehn Jahren könnte es zu spät sein."

Die Revolution in Ägypten sei von den Menschen gemacht worden, nicht vom Internet, sagte die Bloggerin und Journalistin Noha Atef.Noha Atef: Bloggerin und Journalistin Zur re:publica waren auch Blogger aus den arabischen Ländern eingeladen. Sie wussten vom Erkennen des richtigen Augenblicks zu berichten. Die Revolution in Ägypten sei von den Menschen gemacht worden, nicht vom Internet, sagte die Bloggerin und Journalistin Noha Atef in einem eindrucksvollen Vortrag. Aber die Nutzung von Sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter habe den Weg zur Revolution geebnet. Der eingangs erwähnte Blogger Richard Gutjahr schreibt in einem Blog-Beitrag zur re:publica, dass das Überleben der Blogger in Deutschland davon abhängt, ob es der Szene gelingt eine entsprechende Rolle in der politischen Debatte zu spielen - "Geld- und Schlauchboot-Spenden immer gerne willkommen."

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