Konferenz

re:publica: Empörte Netz-Community will nach NSA-Überwachung radikal Widerstand leisten

Ein Jahr nach den ersten Enthüllungen durch den Whistleblower Edward Snowden suchen die Netz­aktivisten eine Antwort auf den NSA-Skandal. Orientierung will die dreitägige Konferenz re:publica geben. Der Sänger David Hasselhoff setzte sich als digitaler Freiheitskämpfer in Szene.
Von dpa / Paulina Heinze
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Militante Töne auf der Netzkonferenz re:publica: Kampf gegen kriminelle Geheimdienste, Sabotage, radikale Aktionen sind Stichworte auf dem ersten Tag des Treffens in Berlin. Die Internet-Aktivisten fühlen sich angegriffen. Ihr Lebensraum im Netz ist bedroht. Für seine Verteidigung ziehen manche der 6 000 Konferenz­teilnehmer heute auch Aktionen am Rande der Legalität in Betracht.

"Wir gehen mit Kommunikations-Guerilla in existierende Macht­körper hinein, um ihre Realität zu demaskieren", sagt Jean Peters von der Berliner Aktions­gruppe "Peng Collective" im Anschluss an einen Workshop unter dem Motto "Zeit für Sabotage!". Die Gruppe sprengte im Dezember vergangenen Jahres eine Veranstaltung des Mineralöl­konzerns Shell, für deren Teilnahme sie sich unter falschem Namen erfolgreich im Internet beworben hatte. "Wir brauchen eine Art Greenpeace der digitalen Menschen­rechte mit Leuten, die sich an Server anketten", sagt Peters. Vielen Menschen sei gar nicht bewusst, was alles möglich sei.

re:publicaDie re:publica in Berlin In den USA haben das "The Yes Men" vorgemacht. Sie bekommen die Bühne für den ersten Haupt­auftritt der Konferenz und werben für Aktionen, die nicht nur auf Facebook und Twitter Wellen schlagen, sondern in die politische Realität eingreifen. Zu den Waffen der Aktivisten gehören "Hoaxes", Fälschungen wie eine vermeintliche Presse­konferenz der US-Handels­kammer mit dem Ziel, deren ablehnende Haltung zum Klimaschutz zu attackieren. Jetzt entwickeln sie eine Plattform für die internationale Vernetzung zu gemeinsamen Aktionen, ein "Action Switchboard".

Hauptgegner am ersten Tag der re:publica sind die "kriminell agierenden Geheim­dienste, die uns einfach mal das Netz entrissen haben", wie es re:publica-Mitbegründer Markus Beckedahl formuliert. "Wir sind empört. Es ist unser Netz, lasst es uns gemeinsam zurück erkämpfen!"

Edward Snowden ist der große Held der re:publica

Der große Held der re:publica ist Edward Snowden mit seinen Enthüllungen zur Überwachungspraxis des US-Geheim­dienstes NSA. "Alle Staaten spähen Bürger aus", sagt die britische Wikileaks-Aktivistin Sarah Harrison, die Snowden im vergangenen Jahr von Hongkong nach Moskau begleitet hat. "Was bei den USA anders ist, ist das riesige Ausmaß, mit der Fähigkeit, all die Informationen zu sehr niedrigen Kosten zu speichern."

Die Übermacht der staatlichen Gegenspieler wird realistisch betrachtet: Harrison lebt seit November 2013 in Berlin, weil sie in Großbritannien ihre Festnahme fürchtet. Eine überzeugende Antwort darauf gebe es noch nicht, sagt Konferenz­teilnehmer Stephan Urbach. "Manchmal muss man sich einfach eingestehen, dass man gerade machtlos ist", sagt er. "Wir stehen vor einem Problem, dass wir in Europa gar nicht lösen können."

Markus BeckedahlDer netzpolitische Aktivist und Journalist Markus Beckedahl Orientierung gibt das Internet selbst, dezentral und umfassend vernetzt. Der weißrussische Publizist Evgeny Morozov ruft die Netz­aktivisten auf, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Die digitale Welt sei nicht vom übrigen Alltag getrennt: "Es ist nicht möglich, und ich denke auch nicht erstrebenswert, eine Bewegung nur auf digitalen Themen zu begründen." Aktivisten müssten sich besser vernetzen, um gegen die Macht von Staaten und Unternehmen anzugehen.

In diesem Widerstand hofft die Konferenz auf digitale Technik. Verfügbare Werkzeuge wie die Anonymisierungs­technik Tor sind oft nicht einfach zu benutzen - daher schrecken viele auch vor dem Einsatz des Verschlüsselungs­programms PGP zum Schutz von E-Mails und anderen vertraulichen Daten zurück. "Wenn ein Toaster eine Millionen Funktionen hätte, würde ich mir wohl nie einen Toast machen", sagt die US-Aktivistin Jillian York. Der in Berlin lebende US-Entwickler Jacob Appelbaum wirbt daher für die kreative Neuge­staltung von Software: "Geheimdienste haben Angst vor einfach einsetzbaren, sicheren Kommunikations­werkzeugen."

David Hasselhoff will die digitale Freiheit retten

Vor 25 Jahren tanzte er auf der Mauer und sang von Freiheit - jetzt will David Hasselhoff die Freiheit im Internet verteidigen. "Massenhafte Überwachung ist ein bisschen beängstigend", sagte er auf der Internet­konferenz. "Wenn es um korrupte Regierungen oder Terroristen geht, natürlich, aber wenn es um Einzel­personen geht, ist das absolut falsch."

Hasselhoff hat seine eigenen schmerzvollen Erfahrung gemacht. Vor einigen Jahren tauchte ein Video von dem Sänger im Vollrausch online auf. "Ich habe viele Tage damit verbracht, zu versuchen, das Video aus dem Netz zu bekommen", sagte er. Das Video stamme vom Computer seiner Tochter, der gehackt worden sei. Doch diese Gefahr bestehe jetzt für jeden, sie gehe von Geheim­diensten aus. "Sie können Ihre E-Mails lesen, sie können Ihre SMS lesen, sie können Ihre Fotos und ihre Adress­bücher sehen, alles."

Die IT-Sicherheits­firma F-Secure hatte Hasselhoff eingeladen. Sie will gemeinsam mit Hasselhoff ein Manifest für digitale Sicherheit auf den Weg bringen. Warum ausgerechnet der 80er-Jahre Star dafür der richtige Ansprechpartner ist, ließ F-Secure-Manager Mikko Hypponen auf der Bühne offen.

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