Kontroverse

Radio-Zukunft: DAB+ oder doch lieber Internetradio?

Das Radio wird digital. Dieser Trend ist unauf­haltsam. Doch welche Technik ist die beste? Die öffent­lich-recht­lichen Sender bauen seit Jahren auf das Digi­talradio DAB+. Die Privat­sender hingegen scheuen die Inves­titionen in DAB+ und setzen lieber auf das Internet.
Von dpa /
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Acht Jahre nach der Einfüh­rung des Digi­talra­dios DAB+ ist das Sender­netz gut voran­gekommen. Experten sehen inzwi­schen den voll­stän­digen Ausbau als fast erreicht an. Insbe­sondere entlang den Auto­bahnen gibt es quasi keine weißen Flecken mehr. Doch trotz dieser Fort­schritte bei der Netz­abde­ckung mit dem frei empfang­baren Digi­talradio flackert immer wieder eine Grund­satz­debatte auf, ob DAB+ tatsäch­lich der rich­tige Stan­dard für die digi­tale Zukunft des Radios ist.

Die Kritiker von DAB+ stellen gar nicht den Digi­tali­sierungs­trend infrage, sehen aber statt­dessen im Internet den geeig­neten digi­talen Über­tragungsweg. So sprach sich vor einem Monat der Landtag in Nieder­sachsen einstimmig dafür aus, die öffent­liche finan­zielle Förde­rung für DAB+ zu beenden - "zugunsten des Aufbaus zukunfts­offener Tech­nolo­gien". Dabei setzen die Nieder­sachsen vor allem auf den kommenden Mobil­funk­stan­dard 5G, mit dem man über das Internet Live-Streams hören oder Podcasts und andere Media­thek-Inhalte herun­terladen könne (5g-Broad­cast).

DAB+: Sender­netz wächst stetig

Hat DAB Plus in Deutschland schon bald wieder ausgedient?Hat DAB+ in Deutschland schon bald wieder ausgedient? Das Internet als allge­genwär­tiges Netz für die Über­tragung der Radio­programme kam Ende der 80er Jahre noch nicht in Frage, als die Grund­lagen der Rund­funk-Digi­tali­sierung in inter­natio­nalen Gremien bespro­chen wurden. Um eine größere Sender­viel­falt und bessere Klang­qualität als auf analogen UKW-Kanälen zu gewähr­leisten, wurde mit DAB (Digital Audio Broad­casting) ein klas­sischer Sende­stan­dard für den terres­trischen Empfang entwi­ckelt - eben wie das bewährte UKW, nur digital statt analog. DAB wurde dann 2011 in das verbes­serte Verfahren DAB+ über­führt und gilt seitdem als tech­nisch ausge­reift.

Nach einem Start in Schne­cken­tempo nahm DAB+ zuletzt an Fahrt auf. Im vergan­genen Jahr wurden nach Zahlen des Markt­forschers gfu in Deutsch­land allein 1,4 Millionen DAB+-Empfänger verkauft. Fast jeder zweite Neuwagen wurde mit einem DAB+-Radio ausge­liefert. Und auch bei der Infra­struktur geht es voran. So wächst das Sender­netz in diesem Jahr um 13 zusätz­liche Stand­orte auf insge­samt 137.

Kosten für DAB+-Betrieb nied­riger als bei UKW

Öffent­lich-recht­liche Sender wie das Deutsch­land­radio treiben DAB+ voran, weil sie damit eine größere tech­nische Reich­weite bundes­weit errei­chen als auf den analogen UKW-Kanälen. Außerdem sind die Kosten für den tech­nischen DAB+-Betrieb nied­riger als bei UKW. Gleich­zeitig baut der öffent­lich-recht­liche Rund­funk aber auch auf eine Internet-Über­tragung. Mit dieser "hybriden Stra­tegie" aus DAB+ und Internet will man irgend­wann auch UKW ablösen, denn die Spar­effekte stellen sich erst dann richtig ein, wenn die UKW-Sender wie in Norwegen abge­klemmt werden.

"Das Inter­netradio hat Zukunft, ohne Zweifel, vor allem im statio­nären Betrieb, als Teil des großen globalen und digi­talen Medi­enan­gebots", sagt Stefan Raue, Inten­dant des Deutsch­land­radios. "Aber zu einem frei zugäng­lichen, kosten­güns­tigen, stabilen und quali­tativ hoch­wertigen Stan­dard wie DAB+ gibt es keine Alter­native."

Kritisch gesehen wird DAB+ vor allem von privaten Hörfunk­stationen, die ihr Publikum vor allem über UKW errei­chen und Reich­weiten­verluste bei einer UKW-Abschal­tung befürch­teten. Außerdem schre­cken sie die Kosten für den Umstieg ab. "Anders als die ARD-Anstalten, die für ihren Umstieg auf DAB+ 2017 bis 2025 rund 600 Millionen Euro aus dem Rund­funk­beitrag erhalten, müssen die Privaten ihre Inves­titionen hier komplett aus ihren Werbe­erlösen aus der UKW-Verbrei­tung finan­zieren", erklärte der Privat­sender­verband "Vaunet". "Das ist de facto nicht zu stemmen."

FDP: Plädoyer für den Radio­empfang über das Internet

Vor diesem Hinter­grund plädierten im Nieder­säch­sischen Landtag vor allem die Libe­ralen für einen Ausstieg aus DAB+, die nur eine Über­gangs­tech­nologie sei. In dem FDP-Antrag "Für eine digi­tale Radio­zukunft" heißt es: "Wer in Deutsch­land die Vorteile des digi­talen Radios nutzen will, kauft sich meist keinen neuen Rund­funk­empfänger, sondern wech­selt statt­dessen auf Radio via Internet über das bereits vorhan­dene Gerät wie Smart­phone, Smart Speaker, Tablet PC, Laptop oder PC." Radio via Internet werde von rund 38 Prozent der Bevöl­kerung gehört, bei den 14- bis 29-Jährigen seien es fast 60 Prozent.

Das Plädoyer für den Radio­empfang über das Internet bleibt aber selbst in Nieder­sachsen nicht unwi­derspro­chen. Die Linke, die bei der Land­tags­wahl knapp den Einzug ins Parla­ment verpasst hat, weist darauf hin, dass 5G auf abseh­bare Zeit nur in Ballungs­gebieten flächen­deckend verfügbar sein werde und auch nur dort wirt­schaft­lich betrieben werden könne. "Dies ist für ein Flächen­land wie Nieder­sachsen fatal." Und im Gegen­satz zum Radio hören über das Internet fielen bei DAB+ keine laufenden Kosten an, sondern es werde nur der einma­lige Anschaf­fungs­preis für einen geeig­neten DAB+-Empfänger fällig.

DAB+: "Point of no Return längst über­schritten"

Deutsch­land­radio-Inten­dant Raue kann sich eine Wende nicht vorstellen: "DAB+ ist längst ein euro­päisches Projekt, in den meisten Ländern Europas ist DAB+ ener­gisch auf dem Vormarsch, auch hier ist der 'Point of no Return' längst über­schritten." Auch für den Präsi­denten der Baye­rischen Landes­zentrale für neue Medien (BLM), Sieg­fried Schneider, gibt es keinen Weg zurück: Wie Raue spricht er vom "Point of no Return", den DAB+ erreicht habe. In Bayern ist DAB+ beson­ders populär, weil dort nicht nur der öffent­lich-recht­liche Baye­rische Rund­funk auf den Stan­dard setzt, sondern auch beson­ders viele Privat­sender auf DAB+ senden.

Weiteren Schub könnte DAB+ durch die EU bekommen. Im vergan­genen November stimmte das Euro­päische Parla­ment für die Über­nahme des neuen European Elec­tronics Commu­nica­tion Codes (ECC). Danach müssen Auto­radios in Neuwagen künftig neben UKW den digi­talen terres­trischen Radio­empfang ermög­lichen. Bis 2021 - nach Ablauf einer Über­gangs­frist - wird die Über­nahme dieser Rege­lung auch in Deutsch­land verpflich­tend.

Der Baye­rische Rund­funk vertei­digt DAB+ als Verbrei­tungsweg für das terres­trische Radio. Auch Overs­pill sei möglich. Regional könne es aber zu Einschrän­kungen kommen.

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