Hörfunk

Fressen Podcasts und Streaming das Radio auf?

Intelligente Lautsprecher könnten für eine Revolution beim Thema Audio sorgen. Was das Radio tun sollte, um in der neuen, digitalen Welt konkurrenzfähig zu bleiben.
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Never change a running system: Diese Floskel galt lange für das Radio. Seit den 1990er-Jahren haben Berater das alte Medium auf eine angebliche Erfolgsspur geführt: Nicht nur privat-kommerzielle, sondern auch ARD-Programme wurden systematisch inhaltlich ausgedünnt, um "durchhörbar" zu werden. Die besten (maximal 200) Hits, die "neue Super-Vielfalt" (die in Wirklichkeit gar keine ist), immer wieder die gleichen Gewinnspiele und Moderatoren, die keine klassischen Radio-DJs mehr waren, die etwas zu erzählen haben, sondern zu inhaltsleeren Phrasendreschern wurden: Radiosender Machen Amazon Echo und Co. bald das Radio überflüssig?Machen Amazon Echo und Co. bald das Radio überflüssig? verkamen zunehmend zu austauschbaren Produkten, plötzlich klangen Sender aus Norddeutschland genauso wie in Bayern. Das Konzept ging jedoch lange Zeit auf – in der analogen UKW-Welt: Die Sender fuhren satte Gewinne ein, es ging ihnen wirtschaftlich gut. Doch die Zeiten wandeln sich.

Auch vor dem Radio macht die digitale Transformation nicht halt, und die heißt nicht nur DAB+ mit der Möglichkeit, mehr Programme und neue Formate auszustrahlen, wogegen sich die etablierten privaten Radioveranstalter lange mit Händen und Füßen wehrten, und das zum Teil auch heute noch tun. Nein, der Gegenwind weht von einer ganz anderen Seite: Dass die Spiele der Fußball-Bundesliga ab der bevorstehenden Saison nicht mehr von einem Radiosender übertragen werden, sondern mit Amazon Prime Music von einem Streaming-Dienst, ist Neuland – und möglicherweise erst der Anfang eines revolutionären Wandels der Audio-Übertragung.

Radio-Personalitys wechseln zu Spotify und Co.

Eine andere Meldung sorgte bereits 2016 für einen Aufschrei in der Hörfunk- und Medienszene: Die Moderatoren Olli Schulz und Jan Böhmermann beendeten ihre beliebte Personality-Radiosendung "Sanft & Sorgfältig" bei der ARD. Der federführende Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) reagierte völlig überrascht auf die Kündigung des prominenten Duos, das seither einen Nachfolger als Podcast beim Musikstreamer Spotify ausstrahlt.

Radio-Futurlogen sehen noch viel mehr Möglichkeiten, wie Audio-Content mit Musikstreaming verknüpft werden kann: So ist es zumindest theoretisch möglich, eine eigene Musikplaylist oder ein frei gewähltes Musikformat mit lokalen Radio-News, dem Verkehrsservice und dem Wetterbericht zu verknüpfen, und zwar wann immer der Kunde es wünscht und wie oft.

"Alexa, was ist heute in Wiesbaden los?"

Vor allem neue, intelligente Lautsprecher mit Sprachfunktion wie der Amazon Echo oder der neue Google Home Smart Speaker könnten sich als Radios der Zukunft erweisen. Per Sprachbefehl die aktuelle Verkehrslage oder den Wetterbericht abrufen, das ist schon heute keine Utopie mehr: "Alexa, was ist heute in Wiesbaden los?" könnte in Zukunft einer der Befehle sein, um das Musikprogramm von Spotify zu unterbrechen und die Lokalnachrichten zu starten. Neue Player, Produktionsfirmen von Audio-Content, könnten wie Pilze aus dem Boden sprießen und dem Radio das Leben schwer machen.

Der Hörfunk muss hier entgegenwirken, um konkurrenzfähig zu bleiben. Dazu gehört auch die Musikstreaming-Dienste mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Das versucht beispielsweise das meist gehörte österreichische Privatradio Kronehit. Dieses hat vor kurzem die App "Kronehit Smart" gestartet. Konkret geht es um eine Applikation, die Stärken von Radio mit den Vorteilen von Streamingdiensten kombinieren soll. Die Android-Version ist bereits seit Anfang Juli im Store verfügbar, ab sofort gibt es auch die iOS-Version.

Klassisch moderiertes, lineares Programm soll hierbei mit einem individuellen Audiostream verschmelzen. Die App ermöglicht es beispielsweise den Nutzern, einzelne Songs zu überspringen, durch selbst hinzugefügte zu ersetzen oder ergänzen, oder zurückzuspulen.

Radio kann nur mit Personality und mehr Mut überleben

Doch das reicht nicht: Radio kann nur mit Personality in der digitalen Welt überleben. Wer sein Programm nur über die Musik definiert und dabei austauschbare Moderatoren mit vorgegebenen Phrasen einsetzt, könnte in Zukunft verlieren. Nicht umsonst sorgen alte Radio-Hasen wie Thomas Gottschalk (BR) und Werner Reinke (hr) auch heute noch für hohe Einschaltquoten. Doch bevor sie in den Ruhestand gehen, sollten Radiosender dazu übergehen, eigene Personalities aufzubauen. Das funktioniert aber nur, wenn man Moderatoren wieder mehr Spielraum lässt, um ihre eigene Persönlichkeit zu entfalten – beim Wort, aber auch bei der Musikauswahl.

Vor allem beim Thema Musik ist das Radio schon lange kein Trendsetter mehr. Wenn sich ein Radiosender damit brüstet, dass ein Song "neu und zuerst bei Antenne XY" läuft, haben Nutzer von Musikstreamern diesen oft schon wochenlang in ihrer Playlist. Das Radio ist hier sehr passiv: Gespielt werden darf nur das, was in aufwendigen Musiktests gut abschneidet. Nur bei Superstars wie Katy Perry oder Ed Sheeran reagiert das Radio sofort nach der Veröffentlichung eines Musikstücks und setzt es im Programm ein. Newcomer mit hohen Streaming-Einsätzen bei Musikdiensten landen dagegen oft erst mit mehrwöchiger Verspätung im Hörfunk.

Radionutzung nimmt ab

Einen kleinen Warnschuss, wenn auch auf nach wie vor sehr hohem Niveau, gab es in der halbjährlich erscheinenden Media Analyse: Die Radionutzung hat etwas abgenommen. 78,3 Prozent der Bevölkerung hört unter der Woche Hörfunk (MA 2017 Radio I: 78,8 Prozent). Die tägliche Hördauer ist leicht auf 192 Minuten gesunken (MA 2017 Radio I: 195 Minuten). Es reicht wahrscheinlich noch nicht aus, damit die Verantwortlichen in den Funkhäusern aufwachen, und die Zeichen der Zeit und den digitalen Wandel erkennen.

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