Digitalradio

ARD: Senderübergreifende Zusammenarbeit bei DAB+-Netzen

Die ARD-Sender könnten zum Lückenschluss ihrer Digitalradio-Netze auch Sendeanlagen benachbarter Anstalten nutzen. Leider erweist sich diese Zusammenarbeit aber nicht überall als erwünscht.
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teltarif.de-Leser Bernhard Müller aus dem rheinland-pfälzischen Guntersblum hat sich ein DAB+-Radio gekauft und ist erstaunt: "Nach Inbetriebnahme habe ich einen Suchlauf durchgeführt und empfange hier Sender aus Hessen, Baden-Württemberg und sogar Bayern. Nur rheinland-pfälzische Programme kommen nicht an, mit Ausnahme von Antenne Mainz".

Offenbar wohnt Herr Müller an einer Osthanglage mit Blick nach Hessen und Baden-Württemberg, in den Taunus und Odenwald. Topographisch bedingt kommen hier die Sender aus Hessen, Baden-Württemberg und Bayern besser an als aus seinem Heimatland Rheinland-Pfalz. Was sich beim analogen UKW eher durch Mehrwegeempfang und leichtes Stereo-Rauschen äußert, kann beim digital-terrestrischen Radio DAB+ schon einmal zu einem kompletten Ausfall des Signals führen.

Dass Herr Müller Antenne Mainz als einziges rheinland-pfälzisches Programm über DAB+ hören kann, liegt daran, dass der Privatsender sein Programm im hessischen Multiplex ausstrahlt.

Dabei könnten die ARD-Anstalten selbst für Abhilfe sorgen: Da bei DAB+ Gleichwellennetze möglich sind, könnten Sendeanlagen außerhalb des eigentlichen Versorgungsgebiets für einen Lückenschluss sorgen. Von Guntersblum aus sieht man die Sendeanlage des Hessischen Rundfunks (hr) auf dem Großen Feldberg im Taunus. Würde hierüber auch das Ensemble des Südwestrundfunks (SWR) für Rheinland-Pfalz ausgestrahlt, hätte Herr Müller Top-Empfang auch der Ortssender. Umgekehrt könnte der hr Versorgungslücken an der Bergstraße schließen, würde er den SWR-Standort Donnersberg in der Pfalz mitnutzen.

Kleinkariertes Denken

Der SWR darf den BR-Standort Grünten im Allgäu für sein DAB+-Ensemble mitnutzenDer SWR darf den BR-Standort Grünten im Allgäu für sein DAB+-Ensemble mitnutzen Was in der Theorie wunderbar und einfach klingt, erweist sich jedoch in der Praxis häufig als nicht erwünscht. Denn die Nutzung von Fremdstandorten würde auch bedeuten, dass benachbarte ARD-Anstalten viel weitflächiger als bisher im "Feindesland" wildern könnten. Einigen ARD-Anstalten ist es sogar ganz recht, dass die Überstrahlung (technisch: "Overspill") bei DAB+ geringer ist.

So hat der Norddeutsche Rundfunk (NDR) dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) die Verbreitung über eine Rundstrahlantenne auf dem Brocken im Harz, die auch Teile Niedersachsens mitversorgt hätte, untersagt. Damit reduziert sich auch der von UKW bekannte Overspill massiv. Über UKW ist der MDR mit seinen Programmen in Hannover perfekt hörbar, auf DAB+ dagegen überhaupt nicht mehr. Ähnlich verhält es sich beispielsweise mit den Programmen des SWR in der Kölner Bucht, die auf UKW bestens, über DAB+ aber nicht mehr hörbar sind.

Bei Hörern hinterlässt dieses kleinkarierte Denken einiger ARD-Anstalten aber einen faden Beigeschmack: Da über Jahrzehnte durch Overspill historisch gewachsene terrestrische Sendegebiete mit DAB+ nicht mehr versorgt werden, lehnen viele das neue digital-terrestrische Radio ab.

ARD-Anstalten arbeiten bei DAB+-Sendernetzen auch zusammen

Dass es auch anders geht, zeigen MDR, hr, BR und SWR an anderen Orten. So darf der MDR noch in diesem Jahr auch Sendeanlagen außerhalb Thüringens an den Standorten Hoher Meißner (hr) in Hessen und Kreuzberg/Rhön (BR) in Bayern mitnutzen, um Versorgungslücken im Eichsfeld und der Thüringer Rhön zu schließen. In Bayern hat der Bayerische Rundfunk (BR) zudem dem SWR erlaubt seinen Sendestandort Grünten im Allgäu für die Verbreitung seiner Programme zu nutzen. Der SWR hat wiederum dem hr die Nutzung seiner Sendeanlage in Mainz-Kastel erlaubt, damit die Landeshauptstadt Wiesbaden lückenlos versorgt werden kann. Ebenso kann der hr die Sendeanlage des BR am Standort Kreuzberg/Rhön mitnutzen.

Im Bodenseeraum funktioniert diese Zusammenarbeit sogar staatenübergreifend: Die ORF-Techniktochter ORS erlaubt Südwestrundfunk und Bayerischem Rundfunk eine Nutzung ihres Senders Pfänder im österreichischen Vorarlberg für die DAB+-Ensembles.

Diese Zusammenarbeit ist vorbildlich und müsste überall in Deutschland entsprechend umgesetzt werden. Dadurch ließen sich auch Kosten sparen: ARD-Anstalten könnten auf diesem Weg vorhandene Antennenanlagen mitnutzen und bräuchten keine eigenen bauen.

Was beim Radio häufig problematisch ist, das ist beim Fernsehen eine Selbstverständlichkeit. Über das digital-terrestrische Antennenfernsehen DVB-T2 gibt es neben dem örtlichen Versorger auch die Dritten Programme der benachbarten ARD-Sender.

Warum bei zahlreichen neueren Autos verschiedener Hersteller der DAB+-Empfang schlechter ist als in älteren Fahrzeugen und weshalb diese Verschlechterung offenbar sogar gewollt ist, lesen Sie in unserem Artikel Programmierter Frustfaktor: DAB+-Empfang im Auto.

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