T-raumhaft?

Telekom-Kundenzahlen: Blick in den Zahlendschungel

Die Telekom hat in einem Quartal insgesamt 240 000 Mobilfunkvertragskunden verloren, aber 132 000 eigene Kunden gewonnen. Wie geht das?
Von der Quartalszahlen-Pressekonferenz berichtet
AAA
Teilen (8)

Nicht alle Zahlen, welche die Telekom gestern vorstellte, klangen "traumhaft", unsere Berichterstattung zu den Quartalszahlen löste eine lebhafte Diskussion aus. Es lohnt sich, "genauer" hinzuschauen.

Ein Prozent mehr Mobilfunkkunden

Telekom Chef Höttges kann auch komplexe Zusammenhänge gut erklären. Im Hintergrund eine geöffnete 5G-Antenne.Telekom Chef Höttges kann auch komplexe Zusammenhänge gut erklären. Im Hintergrund eine geöffnete 5G-Antenne. So stiegen in Deutschland die Zahl der Mobilfunkkunden der Deutschen Telekom gemessen am 31. März 2019 gegenüber dem 31. Dezember 2018 um 455 000 von 44 202 000 auf 44 657 000 Kunden (plus 1,0 Prozent). Trennt man Vertrags- und Prepaid-Kunden auf, so musste die Telekom bei den Laufzeitvertragskunden einen Verlust um 0,9 Prozent oder konkret 240 000 Kunden hinnehmen.

Hier sollte man tiefer in die Zahlen einsteigen. Schaut man sich die Netto-Neuvertragskunden unter "eigener Marke" an, ergab sich im ersten Quartal ein Plus von 132 000 neuen Kunden, die bei der "Original"-Telekom unterschrieben haben. Im Quartal zuvor waren es "nur" 130 000 Netto-Neukunden gewesen. Nicht enthalten unter den 132 000 Neukunden sind die Kunden der Service-Provider wie mobilcom-debitel, Lebara, etc., aber auch der von Telekom Multibrand betreuten Marken wie Edeka-Smart, Norma, Lifecell (ehem. Turkcell), FCBayern Mobil, High mobile (Sparhandy) und anderer. Somit scheint es wohl bei den Drittanbietern größere Fluktuationen oder Bereinigungen gegeben haben, was dann unterm Strich das Minus von 240 000 Kunden ergab.

Neuerdings - so wissen es mit den Zahlen der Telekom bis ins Detail vertraute Personen - können auch bei Laufzeitverträgen mit der Zeit "inaktive Karten ausgebucht" werden.

Nicht Mobilfunkkunden, sondern Serviceumsätze

Die "Zahl der geschalteten Karten oder Anschlüsse = Kundenzahl" ist im Mobilfunk und auch im Festnetz schon länger kein sicherer Wert mehr. Wo SIM-Karten immer wieder "verschenkt" werden, greift man gerne mal zu, lässt die Karte vielleicht erst einmal liegen, oder aktiviert sie, führt ein, zwei Gespräche, dann gerät sie in Vergessenheit und wird irgendwann bei Nichtaufladung automatisch deaktiviert.

Ein besserer Wert sind die Service-Umsätze. Unterstellt es ist keine Flatrate, sondern es wird "einzeln" abgerechnet, wird damit viel telefoniert, gesurft, SMS oder MMS verschickt? Oder ist es eine Flatrate, dann bucht der Kunde noch ein Musikpaket, ein einmaliges Datenpaket oder irgendeine andere Option dazu? All das lässt die Herzen der Kostenrechner höher schlagen, der Kunden vielleicht weniger.

Die Service-Umsätze der Telekom betrugen im ersten Quartal 2018 1,48 Milliarden Euro und ein Jahr später waren es schon 1,52 Milliarden, also eine Steigerung. Schaut man sich die Quartale dazwischen an, dann lagen die Werte im 3. Quartal 2018 bei 1,561 und im vierten Quartal 2018 bei 1,535 Milliarden, gegenüber Q1 also ein leichter Rückgang. Telefonieren die Leute weniger oder haben sie ihre Tarife "optimiert" oder sind das statistische Schwankungen?

90 Prozent Smartphones

Die Quote der Smartphone-Nutzer ist übrigens auf 90 Prozent gestiegen, die der LTE-fähigen Kunden (mit passendem Endgerät und passendem Tarif) auf 12,1 Millionen oder ein Plus von 8 Prozent. Andersherum: 10 Prozent gehören noch zu den "Telefon-Taliban", denen ein Smartphone als "Teufelswerk" nicht ins Haus kommt. Die nutzen vermutlich überwiegend noch GSM.

Enttäuschte Kunden?

Branchenkenner beobachten, dass einigen Vertrags-Kunden das "bessere Netz" der Telekom auf Dauer nicht den spürbar höheren Preis "wert" ist. Der Redaktion liegen Fälle vor, wo beispielsweise enttäuschte o2-Kunden nach langem Nachdenken zur Telekom gewechselt waren und dabei neue Grundgebühren oder Tarife in Kauf genommen hatten, die eigentlich außerhalb des dafür vorgesehenen Budgets lagen.

Im Verlaufe des Vertrags habe man festgestellt, dass auch das Netz der Telekom an einigen Stellen nicht so funktionierte wie gedacht (beispielsweise indoor) und der weitere Netzausbau an der Stelle, wo es verwendet werden solle, sich auf unbestimmte Zeit verzögere oder gar keine konkreten Informationen zum Netzausbau zu bekommen waren.

Oft wurde auf Nachfrage argumentiert, dass man nicht gewillt sei, sich auf zwei Jahre mit einem Jahr Verlängerung zu binden, man vermisse die Flexibilität. Aus diesen und ähnlichen Gründen seien diese Kunden teils "schweren Herzens" wieder zu einem spürbar günstigeren und netztechnisch schlechteren Anbieter gewechselt. Doch diese spezielle Kundenzahl schlägt sich in den Statistiken des Netzbetreibers nicht wieder, eher in Nutzerforen. Wie hoch sie in absoluten Zahlen ist, weiß keiner genau. Vernachlässigen sollte man sie nicht.

Rückgang bei Festnetzanschlüssen

Bei den Festnetzanschlüssen ist im gleichen Zeitraum ein Rückgang von 18 625 000 auf 18 414 000 oder um 211 000 Kunden (Minus 1,1 Prozent) festzustellen.

Der Rückgang dieser Zahlen liegt zum einen im Geschäftskundenbereich, wo durch die Umstellung auf das IP-Protokoll viele eigentlich nicht mehr benötigte Altanschlüsse "bei dieser Gelegenheit" gleich gekündigt oder vorhandene verteilte Infrastruktur auf einen neuen "Gesamtanschluss" zusammengezogen wurde.

Dann gibt es viele TK-Umsteiger, die am neuen Wohnort bewusst auf das Festnetz verzichten, weil sie alle Anforderungen auch mobil erfüllen wollen oder glauben, das zu können.

IP-Umstellung fast komplett

Die Zahl der IP-basierten Anschlüsse stieg bei der Telekom hingegen von 15 356 000 auf 16 065 000, absolut um 709 000 oder mit einem Plus von 4,6 Prozent. Das ist auch logisch, denn die Umrüstung des Netzes, eine der größten Herausforderungen der Telekom in den letzten Jahren, geht zügig voran.

Bei den Privatkunden sollten nahezu eigentlich alle Teilnehmer umgestellt sein (Ausnahmen kann es bei extrem abgelegenen Anschlüssen mit langen Freileitungen geben), bei Geschäftskunden könnten sich bestimmte Fälle noch in das nächste Jahr hineinziehen.

Breitband im Trend

Die Zahl der Breitbandanschlüsse stieg um 47 000 oder 0,3 Prozent auf 13 608 000 Anschlüsse. Davon sind jetzt 7,609 Millionen glasfaserbasiert (plus 5,2 Prozent oder absolut 373 000), was nach Zählung der Telekom auch DSL-Anschlüsse in FTTC-Technik beinhaltet, wo die Glasfaser nur bis zum Verteilerkasten geht. Das Wachstum entsteht aus der permanenten Netzumrüstung, der lange geplante Netzausbau auf (V)DSL-Technik geht dieses Jahr seinem Ende entgegen. Die nächsten Ausbauprojekte werden dann in "echter" Glasfaser-Technologie bis hin ans Haus oder hinein (FTTB/FTTH) ausgeführt.

Internet-Fernsehen wird langsam beliebter

MagentaTV über IP oder Sat haben bei der Telekom 3,419 Millionen gebucht, was ein Zuwachs von 66 000 oder 2 Prozent sind. Der langjährige Widerstand gegen weitere TV-Gebühren nebem dem als "GEZ" bekannten Pflichtbeitrag scheint zu schwinden.

Weniger TALs

Die Zahl der über die Telekom geschalteten Teilnehmer-Anschluss-Leitungen (TAL) sank von 5,236 auf 5,05 Millionen (Minus 3,6 Prozent). Dies könnte damit zusammen hängen, dass Kunden von privaten Anbietern entweder zurück zur Telekom gewechselt sind oder nun direkt über eigene Verbindungsnetze des alternativen Anbieters (Kabel-TV, Glasfaser bis ins Haus) versorgt werden.

Telekom in Europa

Hier zählte die Telekom nach dem ersten Quartal 47,8 Millionen Kunden. Drei Monate vorher waren es 50,542 Millionen gewesen. Wer nun denkt, dass hier reihenweise Kündigungen eingereicht wurden, der irrt. Zum 1. Januar 2019 erfolgte in Österreich eine Bestandsbereinigung bei M2M-(Maschine-zu-Maschine)-SIM-Karten. Dabei wurden 2,4 Mio. Kunden ausgebucht, die offenbar schon länger nicht mehr aktiv waren. Die Vergleichswerte wurden aber nicht angepasst.

Ein Fazit: Nicht nachlassen!

Das Netz der Telekom ist zweifelsohne gut. Das hilft aber den Kunden, die ausgerechnet in einem Funkloch wohnen oder arbeiten nur dann, wenn das Funkloch möglichst bald auch ausgebaut wird.

Der Service der Telekom ist in der Regel richtig gut, insbesondere bei Privatkunden. Wenn aber ein Kunde ausgerechnet den Hotliner erwischt, der mit dem falschen Fuß aufgestanden ist oder ein Prozess "entgleist", weil der Hotliner es falsch oder gar nicht eingetragen hatte oder schlicht der Kunde was ganz anderes wollte oder gar nicht weiß, was er eigentlich will (das gibt es) oder der Techniker nicht pünktlich kam, dann sieht das schon wieder anders aus.

Service kann zum "Abenteuer" werden, wenn es um komplexe Sachverhalte geht oder zig Sonderkonditionen zu berücksichtigen sind, wie etwa bei Geschäftskunden. Da tröstet es auch wenig, wenn der Service beim Mitbewerb oft noch viel gruseliger ist.

Viele Fälle werden nie bekannt oder lösen irgendwann gewaltige Shitstorms im Netz aus. Die eigentlichen Ursachen waren oft trivial, die Folgen nicht.

Ist die Telekom zu teuer?

Wer über hohe Preise für Mobilfunk klagt, sollte sich einmal vergegenwärtigen, was gut geschultes und gut bezahltes Personal und ein gut ausgebautes Netz kosten. Natürlich geht es auch günstiger, doch um welchen Preis?

Teilen (8)

Mehr zum Thema Kundenzahlen