Ballongestütztes Netzwerk

Projekt Loon: Ballons sollen Internet in abgelegene Orte bringen

Erste Versuche von Google waren bereits erfolgreich
Von Rita Deutschbein mit Material von dpa

Projekt Loon: Ballons sollen Internet in abgelegene Orte bringen Google testet Projekt Loon
Screenshot via YouTube
Noch immer gibt es in vielen Regionen auf der Welt Orte, die gar nicht oder zumindest sehr unzureichend mit Internet versorgt werden können. Jenseits von DSL und Kabel werden häufig die Anbindungen via Satellit oder dem Mobilfunkstandard LTE als letzte Alternativen zur Abdeckung der sogenannten Weißen Flecken gehandelt. Doch es gibt auch weniger bekannte, beinahe schon kuriose Möglichkeiten, das Internet in abgelegene Regionen zu bringen. Bei einer Variante, die nun erneut ins Augenmerk gerückt ist, spielen Ballons eine entscheidende Rolle:

Projekt Loon: Ballons sollen Internet in abgelegene Orte bringen Google testet Projekt Loon
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Mit einem waghalsigen Projekt will Google Weltregionen ohne Internet-Anschluss aus Ballons in 20 Kilometer Flughöhe mit einem Netzzugang versorgen. In der Nähe des Lake Tekapo auf der Südinsel Neuseelands wurden 30 Ballons für ein Pilotprojekt gestartet. "Wir hatten daran geglaubt, dass es funktionieren kann. Nun wissen wir es", sagte Projektleiter Mike Cassidy in Christchurch. Eine Gruppe von 50 Testern in der Region habe die speziellen Internet-Antennen in der Größe eines Fußballs erhalten, um sich mit dem ballongestützten Netzwerk zu verbinden.

Die Internet-Daten werden per Funk über Bodenstationen von und zu den Ballons übertragen. Die Ballons können untereinander kommunizieren und bilden ein Netzwerk in der Luft. Das "Project Loon" ist in der Einheit Google X entworfen worden. Sie hat den Auftrag, nach radikal neuen Technologie-Lösungen zu suchen, "um die wirklich großen Probleme der Welt zu lösen". Diese Abteilung ist direkt Google-Mitbegründer Sergey Brin unterstellt. Dort wurden auch die Datenbrille Google Glass und der Prototyp des selbstfahrenden Google-Autos entwickelt. Der Projekt-Name "Loon" der Name spielt auf die englischen Wörter "balloon" (Ballon) und "lunatic" (verrückt) an.

Projekt Loon noch in der Anfangsphase

"Wir halten einen Ring von tausend Ballons und mehr für möglich, die, von stratosphärischen Winden vorwärts getrieben, den Erdball umrunden und den Menschen auf der Erde eine Verbindung zum Internet ermöglichen", sagte Projektleiter Cassidy in einem Telefoninterview. "Wir befinden uns aber noch in einer sehr frühen Phase." Als erster Mensch der Welt habe sich der neuseeländische Ingenieur Charles Nimmo aus Leeston rund 15 Minuten lang mit dem ballongestützten Internet verbinden können, erklärte Google. Für eine kontinuierliche Versorgung sind jedoch noch zu wenige Ballons in der Stratosphäre.

Das Internet sei eine der Technologien, die das Leben der Menschen mit am stärksten verändert hätten. "Für zwei Drittel aller Menschen jedoch ist ein schneller, bezahlbarer Internet-Anschluss noch immer nicht verfügbar." Der Internet-Verbindung stünden zunächst etliche landschaftliche Probleme entgegen: Dschungel, Inselgruppen, Gebirge. Der Zugang sei auch zu teuer. "In den meisten Ländern der Südhalbkugel muss man für einen Internet-Anschluss im Moment mehr als ein Monatseinkommen bezahlen." Der ballongestützte Internetzugang könne diese Probleme lösen. "Nun benötigen wir vor allem Partner am Boden, um die Vision einer besseren Internet-Versorgung in dieses Regionen möglich zu machen", sagte Cassidy.

Video der ersten Ballon-Starts

Internet-Verbindung mit UMTS-Bandbreite

Die Erfahrungen des Pilotversuchs in Neuseeland sollen verwendet werden, um die Technologie zu verfeinern und die nächste Phase für das Projekt voranzutreiben. Über das "Project Loon" erhalten die Anwender derzeit eine Internet-Verbindung mit der Bandbreite einer UMTS-Mobilfunkverbindung. Die elektronischen Geräte, die an einem Ballon hängen, werden durch Solarzellen mit Strom versorgt. Google kann die Ballons zu Wartungszwecken wieder auf den Erdboden steuern. Herkömmlichen Flugzeugen kommen die Google-Ballons nicht in die Quere: Sie fliegen in der doppelten Höhe wie Langstreckenflieger der zivilen Luftfahrt.

Das Google-Projekt erinnert vom Konzept her an das weltumspannende Satellitenkommunikationssystem Iridium aus 66 aktiven Satelliten auf sechs Umlaufbahnen, die allerdings viel weiter von der Erdoberfläche entfernt unterwegs sind. Sie umkreisen die Erde in einer Höhe von etwa 780 Kilometern innerhalb von rund 100 Minuten. Wegen der kürzeren Distanz sei der technische und finanzielle Aufwand der Ballon-Lösung deutlich geringer als bei einem Satelliten-Netzwerk, sagte Cassidy. Außerdem benötige man dafür kein lizenzpflichtiges Frequenzspektrum. Damit könne das Projekt auch schneller umgesetzt werden.

Idee ist nicht neu

Der Gedanke, die Sendestationen von der Erde in die Luft zu verlagern, ist keineswegs neu. Erste Ideen dazu gab es bereits mit dem massivem Ausbau der Mobilfunknetze Ende der 90er Jahre. Ab 2006 werkelte ein Schweizer Forschungsteam an einem Projekt, bei dem Mobilfunk-Basisstationen von Zeppelinen getragen über 21 000 Meter über dem Erdboden platziert werden sollten. Diese sogenannten X-Stationen sollten die Handy-Strahlung auf der Erde erheblich verringern und zudem auch für Telefonie, Internet, digitales Radio und Fernsehen sowie für die Überwachung per Live-Kamera einsetzbar sein. An dem Projekt, das sich auf einer Webseite präsentiert, wird bis heute getüftelt.

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