Ausprobiert

Programmierbare eSIM im Test: Vertragswechsel in drei Minuten

Mit Hilfe einer programmier­baren SIM-Karte lässt sich innerhalb weniger Minuten das Netz oder der Vertrag wechseln - dies zeigte Giesecke & Devrient auf dem MWC im Live-Betrieb. Wir erläutern das System und fragen, ob die Provider das wirklich wollen.

Vodafone-App zum Herunterladen des Tarifs für die Smartwatch Vodafone-App zum Herunterladen des Tarifs für die Smartwatch
Bild: teltarif.de / Alexander Kuch
Seit Beginn des Mobilfunkzeitalters ist die SIM-Karte fest an ein Mobilfunknetz gebunden und der Tarif kann nur auf der Providerseite umgestellt werden. Damit ist es - zumindest technisch - nun vorbei: Auf dem Mobile World Congress demonstrierte der Hersteller Giesecke & Devrient (G & D) ein fertig entwickeltes System für eine programmierbare eSIM - damit sollen Netz- und Vertragswechsel zukünftig in Minutenschnelle möglich sein. Wir haben uns das System vorführen lassen.

Vodafone-App zum Herunterladen des Tarifs für die Smartwatch Vodafone-App zum Herunterladen des Tarifs für die Smartwatch
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Auch die Telekom hat schon vor einigen Tagen verlauten lassen, dass sie eine derartige eSIM auf den Markt bringen will. Dahinter steckt vermutlich nicht nur der Wunsch der Kunden und der Industrie nach mehr Flexibilität, sondern auch die Ambition Apples, mit der Universal-SIM ein weltweites System einer programmierbaren SIM zu etablieren. Auch Anbieter von Roaming-SIM-Karten kommen mittlerweile mit herunterladbaren SIMs auf den Markt.

Im Test: SIM-Karte wird auf eine Smartwatch geladen

Das System herunterladbarer SIM-Karten bei der Präsentation Das System herunterladbarer SIM-Karten bei der Präsentation
Bild: teltarif.de / Alexander Kuch
G&D ist ein traditioneller Hersteller von SIM-Karten in München, der sich in den vergangenen Jahren auch im Bereich der Mobile Security und mit Lösungen für Regierungsstellen als einer der weltweiten Marktführer etabliert hat. Die auf dem MWC vorgestellte Lösung einer programmierbaren SIM-Karte ist sowohl für das Privatkundengeschäft als auch für Maschinenkommunikation (M2M) einsetzbar. Einer der ersten praxisrelevanten Einsatz-Szenarien werden per Mobilfunk gesteuerte Maschinen sein. Denn über Zeitpunkt und Art der Einführung für Privatkunden entscheiden letztendlich die Mobilfunk-Netzbetreiber.

Technische Umsetzung der programmierbaren SIM-Karte Technische Umsetzung der programmierbaren SIM-Karte
Bild: teltarif.de / Alexander Kuch
Auf dem Messestand zeigte uns G&D, wie eine Smartwatch ganz ohne Mobilfunkanbindung mit einem Vodafone-Vertrag bestückt werden kann, ohne die Smartwatch zu öffnen. In die Smartwatch integriert wurde ein programmierbares SIM-Modul, das dann mit unterschiedlichen Tarifen von Vodafone bespielt werden kann.

Das Konzept von G&D ist so gestrickt, dass der Inhaber der programmierbaren SIM selbst noch keine Tarifmodelle herunterladen oder gar den Netzbetreiber wechseln kann. Denn technisch wäre laut Aussagen eines Mitarbeiters am Stand bei einer programmierbaren SIM auch der Wechsel des Netzes innerhalb von wenigen Minuten möglich. Im vorgestellten Beispiel ist das Smartphone der Master, der mit dem Internet verbunden ist und von einer Vodafone-App aus die Tarifmodelle von einem Server von G&D herunterlädt. Auf die Smarwatch wird der Tarif dann per Bluetooth übertragen.

Momentanes System ist eher für Netzbetreiber vorteilhaft

Smartwatch noch ohne Tarif: Nur Notrufe möglich Smartwatch noch ohne Tarif: Nur Notrufe möglich
Bild: teltarif.de / Alexander Kuch
Diese Lösung ist natürlich dazu gedacht, um den Netzbetreibern und Providern eine gewisse Kontrolle darüber zu erlauben, was auf der programmierbaren eSIM passiert. Mit der vorgestellten Lösung müsste der Kunde beispielsweise mit seinem Gerät im Mobilfunkshop vorbeikommen und könnte sich dort dann einen neuen Tarif oder auch einen Netzwechsel aufspielen lassen. Der Sprecher von G&D betonte, dass man hier die Erfordernisse der Netzbetreiber "problemlos" umsetzen könne. Lässt sich der Kunde beispielsweise einen neuen 24-Monats-Tarif aufspielen, implementiert G&D auf der SIM-Karte, dass dieser Tarif in den nächsten 24 Monaten nicht mehr gelöscht oder überschrieben werden kann. Die Karte ist in diesem Fall also für eine Neuprogrammierung zwei Jahre lang gesperrt.

Der Sinn derartiger programmierbarer SIM-Karten ist allerdings eine höhere Flexibilität bei Vertragswechseln als bisher. In unserem Test am Messestand befand sich auf der Smartwatch überhaupt kein Tarif. Dies wurde uns auch bestätigt, als der Mitarbeiter versuchte, sein Handy anzurufen: Die Smartwatch meldete daraufhin: "Nur Notrufe möglich".

Auswahl des Tarifs zum Herunterladen Auswahl des Tarifs zum Herunterladen
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In der Vodafone-App auf dem Smartphone gab es einen reinen Datentarif und einen kombinierten Sprach- und Datentarif zur Auswahl, dessen genaue Tarifkonditionen für den Test erst einmal irrelevant waren. Wir entschieden uns für den kombinierten Sprach- und Datentarif. Daraufhin lud das Smartphone den Tarif vom G&D-Server auf das Smartphone herunter. Anschließend startete per Bluetooth die Überspielung des Tarifs auf die Smartwatch, danach musste diese - wie nach dem Einlegen einer neuen SIM - neu gestartet werden. Anschließend konnten wir direkt zwischen Smartphone und Smartwatch telefonieren - die Smartwatch hatte mit dem Tarif auch eine eigene Nummer bekommen. Der ganze Vorgang dauerte ungefähr drei Minuten.

Der heruntergeladene Tarif wird vom Smartphone auf die Smartwatch übertragen Der heruntergeladene Tarif wird vom Smartphone auf die Smartwatch übertragen
Bild: teltarif.de / Alexander Kuch
Abrechnungstechnisch lässt sich dies später natürlich so lösen, dass alle heruntergeladenen Tarife in einem gemeinsamen Account abgerechnet werden, was momentan nicht möglich ist, wenn der Nutzer auf der Smartwatch beispielsweise ein anderes Netz als auf dem Smartphone nutzen möchte. Denn das ist das Problem, das die Netzbetreiber momentan haben: Hat ein Kunde einen teuren Vertrag auf dem Smartphone, ist er gegebenenfalls versucht, in der Smartwatch einen deutlich billigeren Prepaid-Tarif eines anderen Providers oder Netzbetreibers einzusetzen. Eine gemeinsame Abrechnung und Mengenrabatte mit programmierbaren SIMs könnten hier hier sogar eine bessere Kundenbindung bewirken als bisher.

Weiterer Einsatzzweck: Telematik und Notrufsystem eCall

Nach der Installation des Tarifs: Telefonat zwischen Smartphone und Smartwatch Nach der Installation des Tarifs: Telefonat zwischen Smartphone und Smartwatch
Bild: teltarif.de / Alexander Kuch
G&D zeigte noch einen weiteren Einsatzzweck für programmierbare SIM-Karten auf dem MWC-Messestand: Nicht nur in der Europäischen Union, sondern auch auf anderen Kontinenten werden momentan automatische Notrufsysteme für Autos eingebaut, die eine fest installierte SIM-Karte im Auto voraussetzen und die untereinander wohl nicht kompatibel sein werden.

Würde ein Europäer, in dessen Auto das eCall-System der EU eingebaut ist, nach Russland fahren, würde der eCall dort nicht funktionieren. Die von G&D vorgestellte Lösung koppelt die programmierbare SIM-Karte an das GPS-Modul des Autos. Die eSIM hat natürlich dann eine direkte Datenanbindung. Registriert das Auto, dass der Fahrer die Grenze zu Russland passiert hat, nimmt die eSIM automatisch mit einem Server Kontakt auf, löscht das europäische System auf der SIM und installiert das russische. Im Test konnten wir auch mitverfolgen, wie lange es dauert, bis der Notruf dann wirklich auf einem Telefon ankommt. Nachdem der Mitarbeiter den virtuellen Unfall simuliert hatte, setzte die SIM den Notruf ab. Dieser kam dann über das eCall-System nach rund zwei Minuten auf einem Smartphone der Leitstelle an. Dies ist insbesondere dann sinnvoll, wenn der Fahrer durch den Unfall bewusstlos geworden ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass mit programmierbaren SIMs zukünftig in technischer Hinsicht so gut wie alles möglich sein dürfte - abzuwarten bleibt aber, für welche Lösungen sich die Industrie und die Netzbetreiber entscheiden und ob die Flexibilität für den - privaten und geschäftlichen Kunden - tatsächlich höher ist als jetzt.

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