Kommentar

Hat der Poststreik mein Online-Kaufverhalten verändert?

Schon zu Beginn des Poststreiks haben viele Beobachter losgepoltert: "Das sind eben die Schattenseiten des E-Commerce". Auch ich vermisse seit Wochen wichtige Postsendungen. Nachdem der Streik zu Ende ist, frage ich mich: Habe ich deswegen weniger im Internet erledigt als sonst?
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Der Beginn des Poststreiks war gleichzeitig die Stunde der Besserwisser: Wer schon immer mal auf die negativen Auswirkungen des globalen Welthandels und des Online-Handels mit seinem zum Teil ruinösen Preiskampf und den mitunter prekären Arbeitsbedingungen der Paketzusteller-Branche hinweisen wollte, der konnte jetzt seine Stimme erheben.

Hat der Post-Streik mein Online-Kaufverhalten verändertHat der Post-Streik mein Online-Kaufverhalten verändert? Wer in den vergangenen vier Wochen allerdings in sozialen Netzwerken unterwegs war, dem bot sich ein ganz anders Bild: Hier meldeten sich unzählige Verbraucher, aber auch Firmen, für die ein funktionierender Postdienst zum Teil überlebenswichtig sein kann. Da gab es Bilder von im DHL-Lager gestorbenen Bienenköniginnen, die für die Zucht neuer Völker für Bestäubungszwecke vorgesehen waren. Verendete Lebensmittel und Blumen erfüllten die Lager mit Gestank - und einer in den USA arbeitenden Dame drohte der Jobverlust, weil der Reisepass für die neue Aufenthaltserlaubnis nicht kam.

Ich nutze auch gerne Online-Services und kaufe regelmäßig im Internet ein. Nachdem der Streik nun vorüber ist, frage ich mich: Haben die vergangenen Wochen mein Kaufverhalten verändert?

Offline-Kauf statt Warten aufs Paket

Der Online-Einkauf hat für mich persönlich den Vorteil, dass ich nicht vor oder nach der Arbeit noch in überfüllte Geschäfte rennen muss - das Paket kommt bei mir normalerweise bequem an den Arbeitsplatz oder in die Packstation, weil eine Lieferung an meine Heimatadresse mit anschließendem Schlangestehen zur Abholung bei der Post nicht wirklich eine Zeitersparnis ist. Vom Online-Handel ausgenommen sind bei mir grundsätzlich frische Lebensmittel und Bekleidung - diese kaufe ich nach wie vor im Laden.

Bei den Artikeln, die ich klassischerweise online kaufe (Bücher, Musiknoten, Elektronikartikel) hat sich mein Kaufverhalten während des Poststreiks tatsächlich verändert. In der Streik-Phase habe ich vermehrt darauf geachtet, einen Online-Händler zu wählen, der das Gerät oder auch zur Selbstabholung in meiner Nähe anbietet - auch wenn das dann etwas teurer war.

Als mir in einer Urlaubswoche der Lesestoff ausging, bin ich tatsächlich im Urlaubsort in eine Buchhandlung gegangen, habe die gewünschten Bücher dort bestellt und am nächsten Tag abgeholt. Das hat sich zwar wie eine Reise in die Vergangenheit angefühlt - aber im Gegensatz zur Paketlieferung während des Streiks hat es reibungslos funktioniert. Und andere Online-Einkäufe, die gerade nicht so wichtig sind, habe ich schlicht und ergreifend auf die Zeit nach dem Streik verschoben - somit hat der Poststreik immerhin mitgeholfen, meinen Geldbeutel temporär etwas zu schonen.

Glück gehabt: Online-Kontoeröffnung hat gerade noch geklappt

Beim Online-Einkauf war ich also kein echtes Streikopfer, in anderer Hinsicht aber schon. Und das ist etwas, das mich trotz allem Verständnis für die Situation der Streikenden ärgert: Die Post und DHL sind eben keine reinen Amazon- und Zalando-Transportierer, sondern sie übermitteln auch wichtige Dokumente, die mitunter zu einem bestimmten Zeitpunkt zwingend vorliegen müssen. Und hier gibt es einige Dienste und Behördenangelegenheiten, bei denen das Zusammenspiel aus Online und Offline aus meiner Sicht zwingend funktionieren muss.

Kurz vor der Streikphase habe ich im Internet ein neues Online-Girokonto eröffnet. In einem Online-Video eines Bank-Testers war zu sehen, dass meine neue Bank sage und schreibe sieben Briefe mit Bestätigungen, Karten und PIN-Umschlägen verschickt, bis die Kontoeröffnung abgeschlossen ist. Bei mir kam der letzte der sieben Briefe mit der VISA-Karte glücklicherweise wenige Tage vor der heißen Streikphase an. Aber hätte ich das Konto eine Woche später eröffnet - was dann?

Dummerweise liegen seit vier Wochen zwei Leih-DVDs aus dem Amazon-DVD-Verleih für mich in irgend einem Lager. Für diesen Service bezahle ich monatlich 10 Euro und die habe ich im Monat Juni definitiv vergebens investiert. Denn die beiden DVDs werden nur dann von Amazon umgetauscht, wenn ich die jetzigen zurückgesandt habe, was ja nicht möglich ist. Amazon hat den Kunden deswegen kulanterweise ein Instant-Video-Guthaben von vier Euro spendiert - immerhin der Ansatz einer Wiedergutmachung, obwohl Amazon für den DHL-Streik direkt nichts kann.

Nur schwer zu ändern: Post aus Behördengängen

Mitten in die Streikphase fiel meine (verspätete) Abgabe der Steuererklärung, die ich generell mit Elster Online erledige, auch den Versand des Formulars. Doch ich habe in jedem Jahr Belege, die ich per Post einreichen muss. Diesen Brief habe ich während der Streikphase loschgeschickt und weiß bis heute nicht, ob er das Finanzamt erreicht hat. Ob ich meine Steuerrückerstattung wohl pünktlich zum nächsten Urlaub im August bekomme?

Schließlich wollte die Deutsche Rentenversicherung mein Rentenkonto klären - mit einem 18-seitigen Antrag und massig angeforderten Nachweisen. Bei dieser Aktion war ich dann etwas schlauer und habe den Brief persönlich mit der U-Bahn zur Deutschen Rentenversicherung am Hohenzollerndamm in Berlin transportiert und dort eigenhändig eingeworfen. Doch was machen Verbraucher, die weit weg von der nächsten Servicestelle wohnen?

Die Deutsche Rentenversicherung benötigt beim Erstkontakt übrigens eine Kopie der Geburtsurkunde. Diese musste ich in meinem Heimatdorf anfordern und diese Kopie liegt aufgrund des Poststreiks noch immer in irgend einem Lager - seit vier Wochen. Glücklicherweise hat dort jemand zusätzlich einen Scan angefertigt und mir per E-Mail zugesandt - sonst wäre die Kontenklärung jetzt noch nicht vollständig.

Fazit: Kreativität ist Trumpf, aber es bleibt ein Beigeschmack

An meinem Beispiel lässt sich sagen, dass sich für viele Einkaufs-Szenarien tatsächlich mit etwas Kreativität Offline-Alternativen finden lassen - mir hat auch der Verzicht beziehungsweise die Verschiebung von Einkäufen nicht geschadet. Trotzdem habe ich mich während der Streikwochen mehrmals dabei ertappt, innerlich sauer auf den Streik und seine Auswirkungen zu sein. Denn besonders hart trifft der Streik Behördenangelegenheiten, die vielleicht zwar online erledigt werden, aber trotzdem einen zusätzlichen Papier-Brief erfordern.

Bestärkt hat mich der Streik in dem Grundsatz, keine leicht verderbliche Ware per Post zu bestellen. Ich bin mal gespannt, wenn meine noch ausstehende Post ankommt, ob sie sie dann den Verwesungsgeruch aus den überfüllten Lagerhallen tragen wird. Gewisse Geister, die wir riefen, werden wir eben nicht mehr los - und dazu gehört das Internet, das mittlerweile unverzichtbar ist.

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