Datentarife

Editorial: Gedrosselte Drosselung

Kunden von o2 bekommen künftig mehr Speed auch nach Verbrauch des Inklusivvolumens. Doch was bedeutet das für die anderen Kunden? Kommt der Netzausbau schnell genug hinterher?
AAA
Teilen (3)

Editorial: Gedrosselte DrosselungGedrosselte Drosselung Ich gebe es ja zu: Ich habe die Datendrossel selbst empfohlen, als bessere Alternative zu früher üblichen Datentarifen, die nach Verbrauch des Inklusivvolumens zu Schockrechnungen führen konnten. Denn damals war es nicht unüblich, das Tarife nicht gedrosselt, sondern dass nach Verbrauch des im Tarif enthaltenen Datenvolumens für jedes weitere Kilobyte teils horrende Zusatzkosten berechnet wurden.

Doch das war vor knapp zehn Jahren. Damals war das Drosseltempo von 56 kBit/s eine Geschwindigkeit, mit der man noch etwas anfangen konnte. Dank immer datenhungriger Apps, immer aufwändigerer Mobilseiten und auch immer schnellerer Netze gilt das heute nicht mehr. Dennoch haben die Netzbetreiber die Geschwindigkeit während der Drosselung sogar teils noch weiter reduziert, zum Beispiel auf 32 kBit/s.

Telefónica/o2 geht nun den richtigen Weg und drosselt die Drosselung. Das Tempo nach Verbrauch des Inklusivvolumens wird deutlich angehoben - auf immerhin 1 MBit/s. Zwar gilt die neue, gedrosselte Drossel nur für Neukunden in den Tarifen Free S/M/L/XL, doch können Bestandskunden im o2 All-In für fünf Euro monatlich das "Free Pack" buchen, das ihnen dann eine Verdoppelung des bisherigen Inklusivvolumens und die höhere Drosselgeschwindigkeit bringt. Jedoch lässt sich das Free Pack, einmal gebucht, nicht mehr abbestellen. Es gilt dann bis zum Ende der Vertragslaufzeit bzw. einer Vertragsverlängerung mit Tarifwechsel.

Ein kleiner Wermutstropfen bei o2 Free ist, dass Kunden, die die Drosselgrenze erreicht haben, netzseitig auf 2G/3G beschränkt werden, also nicht mehr im im ländlichen Bereich teils besser ausgebauten 4G-Netz surfen können. Die Zahl der Fälle, in denen die Kunden mit der alten Drosselregelung (maximal 32 kBit/s, aber auch über das 4G-Netz verfügbar) besser dastanden als mit der neuen, dürfte aber relativ klein sein. Ob man als Kunde gegebenenfalls von dem Problem betroffen sein könnte, kann man zudem relativ leicht testen: Einfach im Smartphone-Menü den Netzzugang selber auf 2G/3G beschränken, und prüfen, ob dann noch vernünftig Daten übertragen werden. Wenn nicht, dann ist gegebenenfalls ein anderer Tarif besser geeignet, oder man muss auch im o2 Free darauf achten, das Datenvolumen so groß zu wählen, dass man nicht in die Drossel läuft.

Deutlich kritischer sehe ich die Gefahr, dass o2 Free dazu führen könnte, dass zahlreiche, trotz Drossel kräftig weitersurfende Kunden, das 3G-Netz zusätzlich verstopfen. Egal, ob durch permanentes YouTube-Streaming, Filesharing oder eine Amok laufende App im Dauersync: Bei 1 MBit/s kommt man leicht auf mehrere Gigabyte am Tag, also in etwa das Volumen, das bisher monatlich, nicht täglich, genutzt wurde. Der neue Free-Tarif zwingt Telefónica also dazu, die Netze noch schneller auszubauen als bisher schon. Das ist kein einfaches Anliegen für einen Netzbetreiber, der schon mit der Netzintegration des übernommenen E-Plus-Netzes alle Hände voll zu tun hat.

Gegen die Netzüberlastung

Dennoch ist der Schritt von o2, das Drosseltempo zu erhöhen, längst überfällig gewesen. Damit dennoch nicht die Power-User das Netz verstopfen, hätte man jedoch auch eine abgestufte Drossel einführen können: Anfangs beträgt deren Tempo 1 MBit/s. Jedoch sinkt die Maximalgeschwindigkeit nach jedem weiteren Gigabyte an übertragenen Daten um jeweils 30 Prozent. So hat man also 1 GB bei 1 MBit/s, dann 1 GB bei 700 kBit/s, dann 1 GB bei 500 kBit/s, dann 1 GB bei 350 kBit/s usw. Wer es drauf anlegt, ist nach insgesamt 10 GB Zusatzvolumen dann beim Minimaltempo von 32 kBit/s angekommen.

Eine andere Lösung besteht darin, netzseitig dafür zu sorgen, dass ungedrosselte Nutzer bevorzugt Bandbreite zugewiesen bekommen, und daher nicht von den gedrosselten Usern ausgebremst werden können. Dann können die ungedrosselten User die gedrosselten User behindern, ebenso, wie die gedrosselten User sich gegenseitig behindern können, aber nicht die gedrosselten die ungedrosselten. Die Maßnahme, die gedrosselten User nicht mehr ins 4G-Netz zu lassen, geht bereits in diese Richtung. Sie hält das 4G-Netz für die ungedrosselten User frei. Jedoch sollte meines Erachtens auch innerhalb des 3G-Netzes durch geeignete Priorisierung erreicht werden, dass gedrosselte Kunden die ungedrosselten Kunden nicht oder zumindest nicht übermäßig ausbremsen. Andernfalls droht Kundenfrust überall dort, wo das 4G-Netz noch nicht oder noch nicht ausreichend ausgebaut ist.

Teilen (3)

Weitere Editorials