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Editorial: Notruf per Skype, WhatsApp & Co.

Müssen OTT-Anbieter Notrufe anbieten und wenn ja, zu welchen Bedinungen? Eine Zusammenarbeit von Netzbetreibern und OTT-Anbietern könnte dabei sogar ganz neue Möglichkeiten eröffnen.
Von Thorsten Neuhetzki
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OTT-Anbieter wie WhatsApp, Facebook und Skype sind den klassischen Netzbetreibern wie Telekom & Co. ein Dorn im Auge. Das wurde diese Woche auf einer von der Bundesnetzagentur organisierten Konferenz zu der Rolle der Over-The-Top-Anbieter bei den klassischen Telekommunikationsnetzen deutlich. Die klassischen Netzbetreiber fühlen sich verdrängt und bei den Kunden nur noch als reiner Breitbandlieferant für Dienste Dritter wahrgenommen, was sich auch auf den Umsatz auswirke. Die klassischen Netzbetreiber fühlen sich auch regulatorisch benachteiligt. Ein Beispiel: Der Notruf. Müssen OTT-Anbieter künftig wie Netzbetreiber Notrufe anbieten?Müssen OTT-Anbieter künftig wie Netzbetreiber Notrufe anbieten?

Klassische Festnetzanbieter sind verpflichtet, dafür zu sorgen, dass die Kunden jederzeit einen Notruf absetzen können. Dabei müssen sie sicherstellen, dass eine entsprechende Leitung auch bei Netzüberlastung aufgebaut werden kann und dass der Kunde geortet werden kann, auch wenn er sich nicht mehr selbst äußern kann ("Röchelnotruf"). Zudem ist der Notruf an die richtige Leitstelle zu schicken. Das geht im Festnetz noch vergleichsweise einfach aufgrund der Rufnummer, wird aber bei portablen Diensten wie VoIP schon deutlich schwieriger. Selbst wenn die OTT-Anbieter WhatsApp, Skype & Co. mittlerweile Telefonate anbieten: Notrufe sind nicht möglich - sehr zum Ärger von Telekom-Chef Tim Höttges, der eine Gleichbehandlung fordert.

Sinnloser Doppelausbau

Für den Kunden ist der Notruf kein Differenzierungsmerkmal, wegen dem er sich heute für oder gegen einen bestimmten Netzbetreiber entscheidet. Er geht davon aus, dass dieser Notruf einfach funktioniert, wenn er ihn braucht. Auch ist die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, jeden OTT-Anbieter zu verpflichten, die kompletten Notruf-Strukturen nachzubauen. Das kostet unnötige Energie, Geld und ist wenig ökonomisch. Man könnte es fast mit dem nahezu sinnfreien Überbau von Glasfaser-Infrastrukturen durch VDSL vergleichen.

Das eigentliche Interesse der Netzbetreiber, finanziell Anteil am Erfolg der OTT-Anbieter zu haben, bleibt bei einem Nachbau durch die OTT-Anbieter auf der Strecke. Ein sinnvollerer Ansatz wäre daher, wenn die OTT-Anbieter stattdessen in einen Topf einzahlen, der am Ende den Netzbetreibern als finanzielle Unterstützung ausgezahlt wird. Gleichzeitig könnten und müssten die OTT-Anbieter sicherstellen, dass - wenn der Nutzer versucht, einen Notruf über die OTT-App abzusetzen - der Nutzer einen Notruf über das Netz seinen Zugangsanbieter absetzen kann und möglichst viele Daten an die Notrufzentrale übergeben werden.

Vorhandenen Notruf verbessern

Die OTT-Anbieter hätten dadurch dann die Möglichkeit, eigene Dienste zu entwickeln, die den Notruf effektiver machen, statt in der gleichen Zeit existierende Notruf-Infrastrukturen nachzubauen. Denkbar wären dann bei einer erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen Carrier und Diensteanbieter, sogar innovative Anwendungen, wie etwa ein Notruf über Threema, Skype oder WhatsApp.

So könnte sich die Leitstelle bei einem Unfall per Video direkt ein Bild vom Unfall machen und das Ausmaß einschätzen, Gehörlose könnteN auch vom Handy aus Hilfe rufen und möglicherweise können damit sogar Leben gerettet werden, in dem die Notrufzentrale Erste-Hilfe-Instruktionen an den Notrufenden schickt, bis der Notarzt vor Ort ist. Das alles würde dann im Netz der klassischen Netzbetreiber stattfinden - mit einer finanziellen Beteiligung der OTT-Anbieter. Das wäre eine Win-Win-Win-Situation für Netzbetreiber, OTT-Anbieter und Verbraucher.

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