Ruhe in Frieden

Editorial: Nachruf auf Nokia

Gut, aber nicht gut genug: Nokia-Endgeräte verschwinden vom Markt. Aber noch künftig werden Abermillionen Kunden mit Nokia telefonieren, auch in Deutschland, auch ohne Nokia-Smartphone in der Tasche.
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Die negativ-Schlagzeilen gehen weiter: Vor knapp einem Jahr kündigte Microsoft den Abbau von 18 000 Stellen in der von Nokia übernommenen Handysparte an, jetzt folgen fast 8 000 weitere Jobs. Microsoft-Chef Satya Nadella sieht die Zukunft des Konzerns im Bereich der Software - nicht im Herstellen von Handys und Smartphones. Zwar soll es auch weiterhin Lumia-Geräte geben, und es wird kräftig daran gearbeitet, nach Windows 10, das ab Ende diesen Monats offiziell verfügbar sein wird, auch Windows 10 Mobile zügig folgen zu lassen. Aber das Vollsortiment von preiswerten Geräten über die Mittelklasse bis hin zu High-End-Smartphones wird wohl verschwinden.

Das Tempo des Niedergangs der Handy-Spart von Nokia ist beängstigend: Vor vier Jahren war Nokia noch Handy-Weltmarktführer: Anfang 2012 überholte Samsung die Finnen bei den Gesamtverkaufszahlen nach Stückzahl. Im wichtigeren und zukunftsträchtigeren Segment der Smartphones hatte Nokia die Führung hingegen schon früher verloren. Apples iPhone hatten die Finnen nichts entgegenzusetzen. Symbian-basierte Touchscreen-Geräte wie das Nokia N8 kamen zu spät auf den Markt und hatten zu viele Fehler. Der Versuch eines Symbian-Zwitters, der sich sowohl per Touchscreen als auch per (auf dem Touchscreen eingeblendeten) Hotkeys bedienen ließ, misslang.

Der falsche Retter

Nachruf auf NokiaNachruf auf Nokia In diesen turbulenten Zeiten stieg Microsoft bei Nokia ein - und setzte das eigene Betriebssystem Windows Phone durch. Symbian lief aus. Am Ende war das wahrscheinlich eine schlechte Entscheidung für Nokia und für Windows Phone. Erstere wurden so vom führenden Betriebssystem Android abgeschnitten, mit dem als Basis die Finnen sicher besser gegen die Asiaten hätten konkurrieren können. Microsoft konnte sich wiederum dank der Marke Nokia über ein Zwischenhoch bei den Windows-Phone-Marktanteilen im Jahr 2014 freuen. Andererseits verringerte sich das Interesse an Windows Phone bei den anderen Hardware-Partnern wie HTC oder Samsung in der Folge spürbar. Und auch die Lumias laufen immer schlechter.

Für erfolgreiche Soft- und Hardware aus einer Hand - wie es Apple vorlebt - ist das Gespann Microsoft-Nokia anscheinend zu schwach. Ob es an der transatlantischen Distanz liegt - Daimler-Chrysler ist beispielsweise auch in die Brüche gegangen - oder daran, dass Nokia zum Übernahmezeitpunkt schon zu arg gebeutelt war, sei dahingestellt.

Microsoft geht nun den für sie sicher einzig sinnvollen Weg: Sie trennen sich wieder von der engen Verknüpfung von Software und Hardware und befreien Windows 10 Mobile von Gerätegrenzen. Künftig müssen die Smartphone-Hersteller nicht einmal mehr spezielle Geräte für Windows Phone herstellen: Microsoft testet mit Xiaomi bereits die Installation von Windows 10 auf einem mit und für Android entwickelten Smartphone. Und wenn Nutzer künftig von Android auf Windows Mobile wechseln - zum Beispiel, weil die Versorgung mit Android-Updates ausgelaufen ist - brauchen sie wahrscheinlich noch nicht einmal auf ihre liebgewordenen Android-Apps zu verzichten. Diese sollen unter Windows 10 ebenfalls laufen. Voraussetzung ist aber, dass man die Apps in Drittanbieter-Appstores findet. Denn der Google Play Store wird Windows Phone sicher verwehrt bleiben. Damit wird man beim Wechsel auf Windows Mobile auf die beliebten Google Apps wie Google Chrome oder Google Maps verzichten müssen.

Aller softwaremäßigen Öffnung in Richtung Android zum Trotz wird die inzwischen voll in Microsoft integrierte Handysparte von Nokia auch künftig sicher keine Geräte mit Android und vorinstallierten Google-Apps ausliefern. So weit geht die Liebe zum Wettbewerber dann doch nicht. Das sind aber schlechte Nachrichten für die Ex-Nokia-Mitarbeiter. Sie haben weiterhin einen erheblichen Wettbewerbsnachteil gegenüber Samsung, Sony, LG, Xiaomi & Co., weil sie mit der wesentlich weniger beliebten Smartphone-Plattform an den Start gehen. Weitere schlechte Nachrichten über Nokias Handysparte sind daher vorprogrammiert.

Von daher: Lebt wohl, Nokia! Kaum ein anderes Smartphone hatte ich so lange im Einsatz wie Euer E71: Sparsam, robust, zuverlässig. Auch nach acht Stunden Autofahrt ohne Kfz-Ladekabel und mit laufender Navi-App waren noch Reserven im Akku. Auf der Tastatur ließen sich SMS sicherer tippen als auf den heutigen virtuellen Tastaturen. Doch der Browser war eine Zumutung: Langsam, Scrollen in Minischritten mit der Vier-Wege-Wippe, kein Zoom. Am mobilen Internet, das Ihr selber propagiert habt, seid Ihr gescheitert. Schade, schade, schade.

Nokia lebt noch!

Nun hat Nokia die GSM-Revolution auf beiden Seiten der Luftschnittstelle aktiv mitgestaltet: Sie hatten Endgeräte und Netzwerktechnik, insbesondere Basisstationen, im Programm. Beide Sparten, Endgeräte wie Netzwerktechnik, waren in den letzten Jahren unter Druck geraten. Doch von der Netzwerksparte kommen zuletzt gute Nachrichten, man hat sich zurückgekämpft. Während immer weniger Kunden mit einem Nokia-Handy telefonieren, steigt die Zahl der Nutzer von Nokia-Netzen weiter an. Lasst Euch nicht unterkriegen!

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