Groß denken

Kooperation beschleunigt Glasfaserregion Stuttgart

Speziell Kommunen im länd­li­chen Raum profi­tieren von Ausbau der Glas­fa­ser­re­gion Stutt­gart. Engpässe gibt's bei der Büro­kratie und im Tiefbau.

Vor ziem­lich genau einem Jahr wurde in einer Groß­ver­an­stal­tung der Auftakt für den gemein­samen Netz­ausbau in der Giga­bit­re­gion Stutt­gart gefeiert. Dort arbeiten 174 von 179 Kommunen der Groß­re­gion Stutt­gart mit der Deut­schen Telekom zusammen. Das Ziel: Glas­faser zu 1,5 Millionen Haus­halten und Firmen zu bringen.

100.000 bis Jahres­ende

Nach einem Jahr hat die Telekom zu den bereits bestehenden Glas­fa­ser­an­schlüssen für weitere 25.000 Haus­halte und Gewer­be­trei­bende (kleine und große Unter­nehmen) ein Glas­fa­ser­kabel vor der Haustür oder sogar schon in die Gebäude hinein verlegt. Dafür wurden von der Telekom mehr als 1.200 Kilo­meter Glas­faser in der Region ausge­rollt und passende 292 Netz­ver­teiler aufge­stellt. Das Ausbau­ziel für dieses Jahr: Zum Jahres­ende sollen bereits 100.000 Haus­halte und Gewer­be­trei­bende einen Glas­fa­ser­an­schluss nutzen können.

Einzig­ar­tige Koope­ra­tion

Landessache: Von rechts Frank Bahde (Gigabit-Region-Stuttgart), Digitalminister Thomas Strobl und Dirk Wössner (Telekom) - Aufnahme von 2019. Landessache: Von rechts Frank Bahde (Gigabit-Region-Stuttgart), Digitalminister Thomas Strobl und Dirk Wössner (Telekom) - Aufnahme von 2019.
Aufgenommen 2019 - Foto: Henning Gajek / teltarif.de
„Der Koope­ra­ti­ons­ver­trag ist in dieser Dimen­sion in Deutsch­land einmalig. Für uns als Telekom ist es eine Blau­pause, wie wir zusammen mit der öffent­li­chen Hand flächen­de­ckend ein schnelles Netz ausbauen können“, erklärte Telekom Deutsch­land-Chef Dirk Wössner in einer Tele­fon­kon­fe­renz, an der teltarif.de teil­nahm, das Projekt. „Das erste Jahr hat eindrucks­voll gezeigt, dass wir gemein­schaft­lich schneller zur Giga­bit­re­gion werden können. Die Zusam­men­ar­beit hat beispiels­weise Geneh­mi­gungs­ver­fahren bei Ausbau­ar­beiten wie bei Stand­ort­fragen enorm beschleu­nigt, insbe­son­dere im länd­li­chen Bereich. Hier können wir Poten­ziale gut nutzen, wenn wir mitein­ander spre­chen und alle zusammen an einem Strang ziehen."

Bünde­lung der Ansprech­partner vor Ort

Hans-Jürgen Bahde ist der Breit­band­be­auf­tragte der Region Stutt­gart und Geschäfts­führer der Gigabit Region Stutt­gart GmbH: "Die Koope­ra­tion mit der Telekom ist für die Region Stutt­gart der Königsweg für eine schnelle, plan­bare und flächen­de­ckende Glas­fa­ser­ver­sor­gung. Unmit­telbar mit der Vertrags­un­ter­zeich­nung ist der Ausbau in Höchst­ge­schwin­dig­keit gestartet. Urbane und länd­liche Räume, Wohn- und Gewer­be­ge­biete in 70 Kommunen haben bereits im ersten Jahr von dem koope­ra­tiven Ansatz profi­tiert. Das ist in ganz Deutsch­land und wahr­schein­lich Europa einzig­artig“

Die Telekom rollt im Raum Stutt­gart nicht nur Glas­faser aus, sondern erprobt und entwi­ckelt auch neue Systeme zur Kunden­ver­wal­tung und Anschluss-Schal­tung über Apps. Das neue Gigabit-Geschäfts­system konnte in der Gemeinde Ditzingen-Heimer­dingen erfolg­reich getestet werden. Über das neue System kann der Kunde sehen, wo steht der Bear­bei­tungs­status, welche Geneh­mi­gungen brau­chen wir noch? Wann wird was gebag­gert, gebohrt, gebaut in Betrieb genommen? Dieses System soll später bundes­weit bei der Telekom zum Einsatz kommen.

Modell­fall für Tiefbau - Zitter­partie Vorver­mark­tung

Stutt­gart ist auch ein Modell­fall für die Koope­ra­tion mit den "Tief­bauern". Bei Baufirmen, die Kabel verlegen können, herrscht ein großer Engpass, große Teile des Auftrags wurde an einzelne Gene­ral­un­ter­nehmer weiter vergeben. Oft ist es eine Zitter­partie, ob die ange­peilten Kunden vor Ort, den Mut haben, sich für einen Glas­fa­ser­an­schluss zu entscheiden. "Brauch ich das über­haupt? Was kostet mich das denn?"

In Gemm­rig­heim (Kreis Ludwigs­burg) wurden Vorver­mark­tungs­ziele "verdop­pelt erreicht", das heißt, es haben sich doppelt so viele Inter­es­senten ange­meldet, wie eigent­lich notwendig gewesen wären. Wössner schmun­zelt: "Mit dem rich­tigem Produkt geht das."

Gewer­be­ge­biete, Schulen und weiße Flecken im Blick

Die Versor­gung von Unter­neh­mens­stand­orten hat das Koope­ra­ti­ons­pro­jekt im Blick: "Wir haben uns 100 Gewer­be­ge­biete ange­schaut", berichtet Telekom Chef Wössner. Für 50 Gewer­be­ge­biete haben die Partner bereits eine Ausbau­ent­schei­dung getroffen. Die ersten 20 davon hat die Telekom bereits mit Glas­faser versorgt. Weitere 30 Gewer­be­ge­biete befinden sich in der Vorver­mark­tung.

Auch die Digi­ta­li­sie­rung von Schulen und den Ausbau der weißen Flecken stehen oben auf der Tages­ord­nung. Im ersten Schritt hat die Gigabit Region ein soge­nanntes "Markt­er­kun­dungs­ver­fahren" durch­ge­führt. Die Telekom wird sich an den anste­henden Ausschrei­bungen der Land­kreise und der Landes­haupt­stadt betei­ligen und steht als Partner zur Verfü­gung.

Möglichst alle Schulen und Unter­nehmen der Metro­pol­re­gion Stutt­gart sollen bis zum Jahr 2025 mit Glas­faser erschlossen sein. Bis zum Jahr 2030 sollen 90 Prozent aller Haus­halte davon profi­tieren.

Mobil­funk erwei­tern, schwie­rige Stand­ort­suche

Stutt­gart soll nicht nur nur ein modernes Glas­fa­ser­netz bekommen, auch im Mobil­funk­netz sollen bestehende Lücken möglichst schnell geschlossen und ein leis­tungs­starkes 5G-Netz vor Ort aufge­baut werden. Die Zusage gilt bundes­weit: Bis 2025 sollen 99 Prozent der Bevöl­ke­rung mit LTE und 5G versorgt sein, davon 50 Prozent mit 5G bereits bis Jahres­ende und das gilt auch für die Region Stutt­gart.

Im vergan­genen Jahr hat die Telekom das Mobil­funk­netz dort erwei­tert, auch wenn die Stand­ort­suche nach wie vor nicht immer einfach ist. In einem Jahr konnte die Telekom 30 neue Mobil­funk­stand­orte in der Region in Betrieb nehmen. Damit funken dort derzeit insge­samt 846 Mobil­funk­stand­orte. Noch in diesem Jahr soll der künf­tige Mobil­funk­stan­dard 5G in Teilen der Region zur Verfü­gung stehen. Für die nächsten Jahre plant die Telekom alleine hier den Aufbau von 211 neuen Mobil­funk­stand­orten.

Nach wie vor: 5 Kommunen nicht dabei

Im Ballungs­raum Stutt­gart leben rund 2,8 Millionen Menschen. Rund 140.000 Unter­nehmen sind dort ange­sie­delt. Wenn der Glas­fa­ser­ausbau gelingen soll, muss größer als bisher gedacht werden. Momentan umfasst das Ausbau­ge­biet 174 Kommunen in der Stadt Stutt­gart sowie in den fünf benach­barten Land­kreisen Böblingen, Esslingen, Göppingen, Ludwigs­burg und Rems-Murr. Die Tür bleibe offen für weitere Mitglieder, betont man. Die 5 verblei­benden Kommunen haben eigene Netz­be­triebs- und Ausbau­ak­ti­vi­täten und haben Angst, dass das neu gebaute Netz am Ende alleine der Telekom gehören könnte. Es seien aber "keine galli­schen Dörfer", betont Bahde.

Netze müssen ausge­lastet sein

Trotz aller abwei­chenden Auffas­sungen: Man bleibt aber im Gespräch. Denn, so betont Wössner: "Der Aufbau ist das eine, die Netze müssen aber auch am Ende ausge­lastet werden!" Und da findet ein Umdenken statt. Bekannt ist, dass private Unter­nehmen Leitungen oder Netz­ab­schnitte der Telekom buchen können. Aber es geht auch umge­kehrt: Die Telekom kauft bei privaten Anbie­tern Leis­tungen und Leitungen ein und vermarktet sie unter dem Etikett "Magenta Regio" an ihre eigenen Kunden.

Dann gibt es Koope­ra­tionen wie die Glas­faser Nord­west, wo Telekom mit einem Partner gemeinsam ausbaut. Das ist aber immer unter Vorbe­halt des Kartell­amtes, das aufmerksam darauf achtet, dass keine markt­be­herr­schenden Unter­nehmen entstehen.

Für die Telekom relativ neu ist, dass ein privater Unter­nehmer ein Netz aufbaut, das dann später von der Telekom gemietet und betrieben wird. Hier gibt es bereits einige inter­es­sante Projekte.

Büro­kratie bleibt weiter ein Thema

Seit Jahren beklagen die Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­bieter die schwer­fäl­lige Büro­kratie im Lande. Auf die Frage von teltarif.de dazu bestä­tigt Wössner, dass "Geneh­mi­gungen nach wie vor ein Drama" sind, wenn es inzwi­schen auch "viel guten poli­ti­schen Willen" gebe.

An den Auto­bahnen beispiels­weise könne man keine Sender aufstellen, weil man zwar nach jahre­langen Verhand­lungen endlich einen Standort gefunden habe, aber eine "Zuwe­gung" (Zufahrt) zum Standort verwei­gert werde. "Wir müssen die Technik ja irgendwie dort hin bringen". An der Bahn­strecke Berlin Hamburg sei es gelungen, nach 5 Jahren Verhand­lungen einen Standort zu finden, aus Rück­sicht auf die Zugvögel darf aber nur in einem engen Zeit­fenster im Winter gebaut werden.

Bei der Verle­gung von Glas­fa­sern würde die Telekom gerne auch "über­ir­disch" bauen (klas­si­sche Mast-Verle­gung), doch das ist nach wie vor ein großes Problem. Und über die Pros und Contras von "Tren­ching" (das Fräsen von Glas­fa­ser­gräben in den Asphalt) haben wir schon mehr­fach berichtet.

Bundes­weite Koope­ra­tionen beschleu­nigen Glas­fa­ser­ausbau

In ganz Deutsch­land hat die Telekom bundes­weit inzwi­schen mehr als 35 Millionen Haus­halte an ihr Glas­fa­ser­netz ange­schlossen. Rund 1,7 Millionen Haus­halte können bereits einen Gigabit-fähigen Anschluss der Telekom buchen. Koope­ra­tion sind für die Telekom ein wich­tiger Baustein, um Deutsch­land noch schneller mit Glas­faser zu versorgen.

Bei Voda­fone kam es über Pfingsten zu lokalen Netz­stö­rungen.

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