Vollbremsung?

Dämpfer aus dem Kanzleramt: 5G ist unfassbar teuer

Der studierte Anästhäsiologe und Notarzt, aktuell Kanzleramtsminister Dr. Helge Braun versetzt der 5G-Euphorie einen Dämpfer. Ein flächendeckender Ausbau würde so unfassbar teuer. Erstmal muss 4G ausgebaut werden.
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Seit Wochen ist der Hype um 5G, den nächsten Mobilfunkstandard, in der Diskussion. 5G soll Deutschland und die Welt in eine bessere mobile Zukunft katapultieren. Das haben die künftigen Anwender in Industrie und Wirtschaft längst verstanden. Nur: 5G braucht ein wirklich flächendeckendes Netz, nicht nur draußen in der Natur, sondern auch in Gebäuden und tiefen Kellern.

Also verlangen Wirtschaft und weite Teile der Politik genau diesen Ausbau. Bei der Frage, was der Ausbau kosten könnte und wer den Ausbau bezahlen soll, hört man jedoch nichts Genaues. So langsam dämmert einigen Politikern, dass ein solcher Ausbau richtig teuer werden könnte. Ganz alleine können das die drei Netzbetreiber nicht stemmen, sprich der Staat müsste hier mit viel Geld mithelfen. Dieses Geld ist aber offenbar nicht da oder wird für andere Projekte gebraucht.

Nicht realistisch

Genau zuhören und die Politik managen. Das ist die Aufgabe des Kanzerlamtsministers Dr. Helge BraunGenau zuhören und die Politik managen. Das ist die Aufgabe des Kanzerlamtsministers Dr. Helge Braun Nun sagt der studierte Arzt der Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie und ausgebildeter Notarzt Dr. Helge Braun: „Superschneller Mobilfunk 5G überall ist nicht realistisch“. Seine Doktorarbeit über Herzrasen (Tachykardien) während einer Operation kommt ihm in seinem aktuellen Beruf sicher zu Gute, denn er ist Chef-Manager (Kanzleramtsminister) der Bundeskanzlerin (und studierten Physikerin) Dr. Angela Merkel. Dr. Braun sagt das gewiss nicht einfach so. Die Branche ist in heller Aufruhr.

Das berichtet die Online-Ausgabe der renommierten Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Die FAZ weiß, dass vom Mobilfunkstandard 5G viel abhängen wird, nicht nur das vernetzte autonome Fahren.

Jetzt hält Kanzleramtschef Helge Braun einen flächendeckenden Ausbau des superschnellen neuen Mobilfunkstandards 5G für "nicht machbar". Ein solches Versprechen sei "weder bedarfsgerecht noch realistisch“, sagte er während einer Veranstaltung in Berlin. Die FAZ zitiert ihn mit den Worten: "Das ist so unfassbar teuer“. Zugleich betonte er mit Blick auf die Vorgänger-Technologie: „Wir müssen eine Flächendeckung bei 4G erreichen. Das sind wir uns alle einig.“

Was ist jetzt mit 5G ?

Womit - bei Lichte betrachtet - Braun nicht ganz Unrecht hat. Die Gefahr ist nur, dass damit der notwendige Schwung, die Motivation, wieder einmal etwas "Grosses" zu schaffen, verloren geht.

5G ist die Zauberformel für eine ganze Reihe von künftigen "Schlüsseltechnologien" wie etwa autonomes Fahren, virtuelle Realität, die Telemedizin oder die komplett vernetzte Industrie 4.0. Dafür wird ein Netz gebraucht, das unvorstellbar riesige Datenmengen in Echtzeit transportieren kann und die perfekte Vernetzung von Milliarden von Endgeräten (nicht nur Handys, sondern auch Sensoren, Steuerungsgeräten und so weiter) erlaubt.

Und jetzt reicht erst einmal 4G ?

Technisch gesehen wird 5G eine Weiterentwicklung von 4G (LTE) sein. Das Übertragungsverfahren ("Modulation") wird robuster, 5G wird die Frequenzen noch besser ausnutzen und stabiler gegen gegenseitige Störungen ("Interferenzen") sein. Weil die mit GSM, UMTS oder LTE genutzten Frequenzen schon "voll" sind, hat man für 5G "freie" Frequenzen bei 3,6 GHz und 26 GHz gefunden. Nur die Physik ist gnadenlos, für eine Flächendeckung sind diese Frequenzen absolut ungeeignet oder man müsste alle 500 bis 1000 Meter einen Sendemasten aufbauen.

Ferngesteuerte Autos und Industrie 4.0

Keine einfache Aufgabe für den Beirat der Bundesnetzagentur, der am Montag über den Entwurf für die im Frühjahr anstehende 5G-Frequenzauktion beraten will. Eine endgültige Entscheidung über die Bedingungen gibt es dann noch nicht, die soll erst im November fallen. „Die Vorgaben sind technologieunabhängig, aber wir schreiben bestimmte Bandbreiten vor. Da müssen wir noch ein bisschen diskutieren“, sagte Kanzleramtschef Braun und liegt damit auf einer Linie mit Jochen Homann, dem Chef der Bundesnetzagentur.

Dabei gehe es vor allem um die nötige Datenversorgung für die autonom fahrenden Autos. Sollen die permanent mit dem Netz verbunden sein oder sollen sie ohne Netz auch "direkt" mit anderen Autos, die in der Nähe unterwegs sind, Kontakt aufnehmen können?

Der Verband der Automobilindustrie hat sich längst für einen flächendeckenden 5G-Ausbau ausgesprochen. Zuletzt hatte Volkswagen-Chef Herbert Diess erklärt: „Automobile werden voll vernetzt und damit schon bald echte Internet-Devices. Dafür ist ein schnelles und flächendeckendes 5G-Netz Voraussetzung.“

Derweilen schreitet LTE-Ausbau fort

Bei aller Diskussion und Pulverdampf gibts auch Fortschritte. Die LTE-Netzabdeckung (4G) der drei großen Mobilfunkanbieter, also Deutsche Telekom, Vodafone und Telefónica, ist gestiegen. Vodafone nahm - nach eigenen Angaben - im Juli und August 2018 ungefähr 400 neue Sendestationen mit LTE in Betrieb und kommt damit inzwischen auf 17.000 LTE-Sender und einer Abdeckung der Fläche von 93 Prozent der Bevölkerung. Das seien 3700 mehr Standorte als im März 2016 gewesen oder sieben Prozentpunkte mehr Abdeckung in der Fläche.

Die Deutsche Telekom meldete für Juni und Juli rund 200 neue LTE-Masten oder Gebäudestandorte, damit kommt das Unternehmen inzwischen auf eine Abdeckung von 97,5 Prozent bei der schnellen Übertragung. Beim 4G-Netzausbau ist der Bonner Konzern fast schon im Ziel: Die Netzbetreiber haben sich bei der Auktion von Mobilfunk-Frequenzen im Jahr 2015 verpflichtet, bis spätestens Ende 2019 bei einer LTE-Abdeckung von mindestens 98 Prozent zu liegen.

Telefónica o2 rüstet derzeit etwa 120 Stationen pro Woche auf LTE um, was von freiwilligen Nutzern im Internet fortlaufend bestätigt wird. Doch Telefónica muss noch viel tun: Die LTE-Abdeckung liegt in Deutschland nach eigenen Angaben bei nur knapp 85 Prozent.

Maßgeblich ist bei all diesen Zahlen die Bevölkerung und nicht die Gesamtfläche; Funklöcher bleiben also weiter wahrscheinlich.

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