Themenspecial Reise und Roaming Nummer vier?

Editorial: Der Traum vom 4. Anbieter

Bringt ein vierter Netzanbieter besseres Netz und günstigere Preise? Es wird ein Traum bleiben.
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Die Geschichte des Mobilfunks in Deutschland ist wechselhaft. Am Anfang gab es einen einzigen Mobilfunkanbieter. Das war die Deutsche Bundespost. Sie betrieb das A-Netz und wer damit telefonieren wollte, musste einen schriftlichen Antrag auf Teilnahme am Funktelefondienst A stellen. Eine Fachwerkstatt baute das Gerät ein. Damit fuhr man nicht zum TÜV, sondern zum Fernmeldeamt der Bundespost. Dort wurde die Anlage überprüft und per Urkunde genehmigt. Heute undenkbar. Im A-Netz mit Frollein, im B-Netz mit Selbstwahl, im C-Netz mit Magnetstreifen und später auch mit Chipkarte.

Zwei Netze

Aktuell haben wir drei Netzbetreiber. Brächte ein vierter die Lösung aller Probleme?Aktuell haben wir drei Netzbetreiber. Brächte ein vierter die Lösung aller Probleme? Ab dem "D-Netz" war alles anders, da gab es Wettbewerb und neben der Deutschen Bundespost Telekom trat Mannesmann Mobilfunk an. "D2-Privat" war der programmatische Titel. Der zog bei vielen Kunden. Die "Post" galt als unflexibel, bürokratisch und teuer. Viele berufliche Telefonierer, die auch mobil erreichbar sein wollten, wählten D2 und sie überflügelte zunächst die "Post". Preislich lagen D1 und D2 ziemlich ähnlich. Es gab Wettbewerb, weil die Telekom es natürlich wurmte, dass die private Konkurrenz mehr Kunden hatte. Und es gab viele verschiedene Service-Provider, die Verträge der Netzbetreiber verkauften.

Nummer drei war grün

Dann kam E-Plus. Ein neues Netz, höhere Frequenzen und der Zwang, mehr Sender aufzustellen zu müssen. Eine neue Zielgruppe: Mobiltelefonieren für fast Jedermann. Es war schon erschwinglicher, richtig günstig war es noch nicht. Der Start von E-Plus verlief holprig. Rechnungen, die scheinbar oder tatsächlich nicht stimmten. Kostenlose SMS-Nachrichten, die dann auf einmal richtig Geld kosteten. Die Hotline? Überlastet.

Nummer vier wie VIAG

Dann kam VIAG-Interkom. VIAG brachte das "Häuschen" in die "Homezone" und die Festnetznummer, senkte die Preise wieder ein bisschen. Der Kundenservice zu Beginn? Noch holpriger. Das Wort vom "Very Interesting Adventure Game" machte die Runde. Manche Kunden machten das mit, andere nicht.

Und dann sechs.

Und dann kam UMTS. Auf einmal hatten wir 6 Mobilfunknetzbetreiber. Sechs? Ja. Telekom (D1), Mannesmann/Vodafone D2, E-Plus, VIAG, Mobilcom-Multimedia und Quam.

Mobilcom-Multimedia hatte ein fertiges Vermittlungs-Netz mit eigener Vorwahl (01566). Sie mieteten aber Sender und Frequenzen bei E-Plus, heute nennt man das MVNO. An den Start gingen sie nie, weil Hauptfinanzier France Telecom die Notbremse zog.

Blieben fünf.

Quam, betrieben von Telefónica Spanien und Finnland Telecom hatte auch kein eigenes Netz. Sie starteten als MVNO. Nur hatten sie vergessen, für Verbindungen zu den Konkurrenznetzen zu sorgen. Ergo war Quam teilweise nur handvermittelt zu erreichen. Quam toppte das Chaos bei VIAG und stellte bald fest, so wird das nix. Sie schalteten einfach ab.

Da waren es nur noch vier.

E-Plus und VIAG/o2 lieferten sich Wettbewerb. Pausenlos neue Marken, tiefere Preise bis den Kostenrechnern klar wurde, dass der Bodensatz unterschritten war. Die Lösung: Konsolidierung, sprich die Fusion von E-Plus und o2. Die EU spielte mit, indem sie einen vierten "virtuellen" Anbieter ins Spiel brachte, das Unternehmen Drillisch. Die haben zwar längst eine eigene Vorwahl nutzen sie aber noch nicht, denn sie können das o2-Netz mit­be­nutzen und auch so günstige Preise bieten. Somit wäre doch alles prima.

Drei Netze reichen nicht?

Offenbar nicht. Es gibt drei Netzbetreiber, von denen einer sehr teuer, einer relativ teuer und beim dritten alles von relativ teuer bis supergünstig zu bekommen ist. Der erste Anbieter nimmt hohe Preise, baut wie verrückt und trotzdem gibt es immer noch Lücken. Auch der zweite Anbieter hat verstanden, dass gebaut werden muss und beim dritten Anbieter ist man dabei, die geerbten Netze zu einem neuen viel besseren Netz zusammen zusetzen. Das kostet verdammt viel Geld und ist auch noch schwieriger als vermutet.

Auch Drillisch weiß, wo die Schwächen des gemieteten Netzes liegen. Die Kunden erwarten einfach volle Flächendeckung, wo sie wohnen, leben, arbeiten, fahren oder ihre Freizeit verbringen. Und da wäre in Deutschland noch viel zu tun. Doch Bauen ist aufwendig und teuer und dauert. Und soviel Zeit haben die Kunden nicht.

National Roaming?

Da wäre doch "National Roaming" eine Idee. Dabei wird unterstellt, dass an jeder Stelle mindestens ein Netz verfügbar ist, das ist es aber allzu oft nicht. Die heutigen Handys sind gewohnt, sich an ein erlaubtes oder gefundenes Netz zu klammern. Dass ein anderes Netz an einer ganz bestimmten Stelle besser als das aktuell genutzte Netz ist, scheint im GSM-Protokoll so nicht vorgesehen zu sein.

Selbst wenn National Roaming erlaubt wäre, es müsste noch viel mehr passieren. Telekom und VIAG-Interkom haben das schon einmal demonstriert, wie das gehen kann. VIAG Interkom startete mit einer SIM-Karte mit zwei Identitäten. Karten-PIN+1 und man war "Schweizer"-Kunde. So konnte man die Netze von Telekom, Vodafone und damals noch E-Plus abwechselnd nutzen. Doch VIAG schaltete diese Funktion aus Kostengründen irgendwann ab. Die Kunden waren bitter enttäuscht.

Lichtblick Dual-SIM-Handy?

Längst bieten Hersteller Dual-SIM-Handys an. Die haben die meisten Netzbetreiber lange ignoriert. Ein Kunde, dem die deutsche Netzlandschaft zu "löchrig" ist, kann damit seinen privaten Beitrag zur persönlichen Netzverbesserung leisten. Der Mehrpreis? Gering. Die Wirkung auf die Dauer? Beachtlich.

Wieder ein viertes Netz?

Jetzt wieder ein viertes Netz? Die Idee erinnert an "Liquid Broadband", die sich ein Netz aus Netzen vorstellten, die miteinander verbunden werden könnten. Tolle Idee, aber kann das klappen? Und wie zuverlässig wäre das? Und wo würde es funktionieren? Eher in Ballungsgebieten. Die Funklöcher stopft es nicht.

Ein staatliches Netz? Ein Einheitsnetz?

Der Staat könnte ein "eigenes" Netz aufbauen und seinerseits an die Netzbetreiber vermieten. Doch bekommt der Staat das geregelt? Die Renaissance von Bundespost 2.0 wird keiner wollen. Der Staat könnte die Netzbetreiber mit sanftem Druck dazu bringen, endlich die Bereiche auszubauen, die sich rein wirtschaftlich gesehen auf den ersten Blick nicht rechnen. Der Staat könnte durch einfachere Genehmigungsverfahren dafür sorgen, dass der Ausbau "schneller" vonstattengeht. Die besorgten Bürger vor Ort könnten sich überlegen, ob ein Protest gegen eine Sendeanlage am Ende zielführend ist. Die Nutzer könnten lernen, dass Sendestationen näher an den Kunden heranmüssen, um geringere Strahlungswerte zu erhalten. Die Schweiz macht uns das vor.

So schön der Traum vom vierten Netz auch wäre. Er bringt uns keinen Schritt weiter.

Vielleicht wird nur ein Netzbetreiber entlegene Flecken ausbauen. Vielleicht lässt sich der höhere Preis damit auch gegenüber seinen Kunden rechtfertigen.

Wie man den Netzausbau beschleunigen könnte, habe ich in diesem Editorial untersucht.

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