Noch schneller?

Sommerkahl will Glasfaser - Telekom warnt vor Konkurrenz

Die Diskus­sion ist nicht neu. Wie schnell muss ein Inter­netan­schluss heute sein? Ist es sinn­voll, einen mit 100-150 MBit/s ausge­bauten Ort gleich mit FTTH zu über­bauen?
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Der Ausbau des schnellen Inter­nets bleibt ein Dauer­brenner. Wie schnell darf es sein, wie schnell muss es sein? Alle Welt redet von Gigabit und dafür braucht man Glas­faser. Für viele Internet-Freunde und Akti­visten ist die Situa­tion glas­klar: Glas­faser sofort in jedes Haus, am besten gleich morgen früh.

Doch dort, wo Glas­faser tatsäch­lich möglich ist, bleiben die Kunden sehr zurück­haltend. Das ist auch kein Wunder. Ein Glas­faser­anschluss mit realen 1 GBit/s im Down­load kostet je nach Anbieter zwischen 100 bis 120 Euro, jeden Monat. Einen schnellen Inter­netan­schluss mit 16 bis 50 MBit/s gibt es in den ersten Monaten für 20 Euro, später können die Kosten auf 30 bis 50 Euro steigen. Wer beispiels­weise von der Telekom Magenta-zu-Hause-XL mit 250 MBit/s bucht, muss mit etwa 55 Euro pro Monat rechnen.

Der Fall Sommer­kahl

Homepage der Gemeinde Sommerkahl. Reichen 100-250 MBit/s oder sollen es gleich 1 GB/s per Glasfaser sein?
Homepage der Gemeinde Sommerkahl.
In der baye­rischen Gemeinde Sommer­kahl bei Aschaf­fenburg (Verwal­tungs­gemein­schaft Schöll­krippen) ist heute bereits Super Vecto­ring möglich, was Daten­raten von "bis zu" 250 MBit/s (Down­load) und 40 MBit/s im Upload erlaubt. teltarif.de hat auf www.telekom.de/schneller/ einige Adressen geprüft.

Doch Anwohner wollen dem Vernehmen nach Glas­faser bis ins Haus (FTTH). Die Deut­sche Telekom mag dem Ort aber (noch) kein Konzept für einen FTTH-Ausbau vorlegen, weil es dort schon Super Vecto­ring gibt. Das berichtet die Tage­zeitung Main-Echo unter Beru­fung auf Aussagen bei einer kürz­lich statt­gefun­denen Gemein­derats­sitzung. Das pikante an dieser Geschichte: Für diesen Ort hatte der Anbieter "Deut­sche Glas­faser" schon im April 2019 ein Konzept für einen Ausbau mit Glas­faser bis ins Haus vorge­legt. Ideales Futter für die Wett­bewerber der Telekom.

Telekom baut bedarfs­orien­tiert

Die Telekom baue bedarfs­orien­tiert aus, soll Thomas Weigand, Projekt­leiter der Deut­schen Telekom Technik in Sommer­kahl erklärt haben. Super Vecto­ring erlaubt in dem Ort bereits 250 Megabit pro Sekunde, daher sehe man solchen Bedarf im Moment nicht. In anderen Orten, so räumt es Weigand ein, bestehe "hoher Konkur­renz­druck, der die Telekom zum weiteren Ausbau zwingt." Auch in Sommer­kahl könnte es eines Tages FTTH durch die Telekom geben, ein Termin sei aber noch nicht absehbar.

80 Häuser seit 5 Jahren vorbe­reitet

Der Bürger­meister von Sommer­kahl, Albin Schäfer (CSU), habe laut Main-Echo berichtet, dass es bereits 80 Häuser im Ort gebe, die seit fünf Jahren mit Leer­rohren für Glas­faser­kabel bis ins Haus (FTTB) ausge­stattet seien. Verständ­lich, dass sie gerne das Glas­faser haben möchten. Das könnten sie theo­retisch jetzt schon, müssten dann aber die Ausbau­kosten komplett über­nehmen. Das dürfte in der Regel für einen Privat­haus­halt eher unat­traktiv sein, denn pro Kilo­meter aufge­grabener Leitungs­länge können Kosten von bis zu 70.000 Euro entstehen.

Deut­sche Glas­faser ist enga­giert

Multifunktionsgehäuse der Telekom, das per Glasfaser versorgt wird. Von dort aus könnten interessierte Kunden auch per FTTH erreicht werden, nur was darf das kosten?Multifunktionsgehäuse der Telekom, das per Glasfaser versorgt wird. Nun ist der Mitbe­werber "Deut­sche Glas­faser nach wie vor in der Gemeinde Sommer­kahl enga­giert und befindet sich im Gespräch mit der Gemein­dever­waltung. Wenn die Koope­rati­onsver­einba­rung zwischen Unter­nehmen und Gemeinde steht, gehen wir in die Phase der Nach­frage­bünde­lung. Eine dies­bezüg­liche Entschei­dung von Seiten des Gemein­derates wird im September erwartet", antwor­tete Deut­sche-Glas­faser-Spre­cher Dennis Slobo­dian dem Nach­rich­tenportal Golem.de auf dessen Anfrage.

Warnung vor der Konkur­renz?

Telekom-Vertreter Weigand habe vor den Preisen des Konkur­renten gewarnt: "Sie wissen auch nicht, was die in zwei Jahren an Gebühren verlangen, denn sie sind nicht regu­liert", wird er zitiert. Im ersten Jahr kostet der Inter­netzu­gang der Deut­schen Glas­faser mit 1 Gigabit/s im Down­load und 500 MBit/s im Upload pro Monat 90 Euro. Bei einer Vertrags­lauf­zeit von zwei Jahren erhöht sich der Preis monat­lich ab dem 13. Monat auf 120 Euro. Geschäfts­kunden können bei der Deut­schen Glas­faser bereits bis zu 10 GBit/s buchen, bei der Telekom werden derzeit am Glas­faser­anschluss nur bis zu 1 GBit/s ange­boten, es sei denn, es handelt sich um eine spezi­elle Geschäfts­kunden­lösung, die dann aber deut­lich teurer und aufwen­diger ist.

Die Warnung des Telekom-Vertre­ters vor der Konkur­renz ist sicher­lich nicht ganz unei­gennützig, aber falsch ist sie auch nicht. Bisher sind wir ständig sinkende Preise gewohnt. Doch das ist kein Natur­gesetz.

Erfah­rungs­gemäß baut die Deut­sche Glas­faser nur Orte aus, wo mindes­tens 40 Prozent der in Frage kommenden Haus­halte zustimmen. Es hängt dann von der örtli­chen Stim­mungs­lage und der Politik ab, ob sie die Anwohner davon "über­zeugen" können, diesen Anschluss zu nehmen. Wie so etwas ablaufen kann, haben wir in der bayri­schen Gemeinde Zorne­ding gesehen. Aktuell könnte die Deut­sche Glas­faser zum Verkauf stehen, an ihr ist im Moment noch der Finanz­investor KKR betei­ligt.

Eine Einschät­zung

Wer in einem Ort wohnt, wo es "gar nichts" gibt (diese Orte gibt es immer noch) oder wo man mit Daten­raten unter­halb von 2 MBit/s zu Rande kommen soll, für den ist die Frage, ob es 50, 100, 250 oder 1000 MBit/s sein dürfen, ein rich­tiges "Luxus­problem". Indus­trie-Betrieben, die ihre Abläufe komplett ins Netz gestellt haben, kann es wohl gar nie schnell genug gehen, sie brau­chen Glas­faser und bekommen sie auch, beson­ders, wenn sie bereit sind, die höheren Kosten zu tragen.

Ob es aber sinn­voll ist, einen bereits mit 100 bis 250 MBit/s ausge­bauten Ort gleich sofort komplett noch einmal mit noch schnel­lerer Glas­faser eines weiteren Anbie­ters zu "über­bauen"? Sinn­voller wäre es sicher, wenn diese Inves­titionen in diese Regionen umge­leitet werden könnten, wo es noch gar nichts gibt. Doch dort ist es für die spitz rech­nenden Anbieter "unat­traktiv" und die staat­liche Förde­rung verstaubt unter Stapeln von Antrags­formu­laren und der inter­essierte Bürger bleibt frus­triert.

Gespannt darf man sein, ob die Einwohner von Sommer­kahl mit 40 Prozent oder mehr dem Angebot der Deut­schen Glas­faser Folge leisten oder ob ihnen in der Mehr­heit die derzei­tige Geschwin­digkeit reicht. Früher oder später wird auch die Telekom alle mit Vecto­ring ausge­bauten Orte mit FTTH Anschlüssen ausrüsten. Vorher­sagen sind schwierig und haben sich schnell als falsch erwiesen. Gut möglich, dass die Telekom kurz­fristig doch noch den FTTH-Ausbau anschiebt, um zu vermeiden, dass die örtli­chen Kunden im größeren Stil zur Konkur­renz wech­seln.

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