Verbuddeln?

Editorial: Wo sollen die Kabel liegen?

Sollen wir Datenkabel wie Stromkabel erst an Masten hängen und später bei Gelegenheit unter die Straße verbannen? Oder gibt es nicht bessere Lösungen, um die Netze von morgen aufzubauen?
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Der Netzausbau und die Wahl der besten Technologie dafür ist eines der Dauerbrenner-Themen in der Telekommunikation. Dabei gilt: Egal, ob die letzte Meile - bzw. künftig wohl eher die letzten hundert Meter - über das klassische Telefonkabel, über Breitbandkabel, über Glasfaserkabel oder direkt durch die Luft per Funk überbrückt werden: Um den immer größeren Bandbreitenbedarf der Bevölkerung zu decken, brauchen wir immer mehr Verteilstationen, die immer näher an den Kunden sitzen. Und diese vielen Verteilstationen müssen alle ans Netz angebunden werden!

Editorial: Wo sollen die Kabel liegenEditorial: Wo sollen die Kabel liegen? Im Kernnetz gibt es dabei genau eine etablierte Technologie: Glasfaser. Richtfunk, der früher im Mobilfunk noch üblich war, um die einzelnen Basisstationen an eine Zentralstation ("Base Station Controller", BSC) anzubinden, gerät zunehmend ins Hintertreffen. Dessen Kapazitäten reichen einfach nicht mehr aus. Mit 4x4 MIMO, zwei Trägern mit 20 MHz Bandbreite (z.B. 1800 und 2600 MHz) und einem mit 10 MHz (z.B. 800 MHz) sowie der modernsten Modulation (64 QAM) kratzen LTE-Dienste bereits heute an der Grenze von 1 GBit/s. Diese Geschwindigkeit wird pro Sektor erreicht - bei typischen Basisstationen also dreifach, bei stärker ausgebauten Stationen aber auch sechs- oder gar zwölffach. Hinzu kommen 3G-Dienste mit 40 MBit/s und mehr pro Sektor. Schließlich steht 5G vor der Tür. Die 5G-Prototypen funken bereits jetzt mit über 20 GBit/s pro Zelle, und es gibt noch Raum nach oben. Da kommt Richtfunk als Anbindungstechnologie einfach nicht mehr mit.

Im Festnetzbereich gilt erst recht, dass Richtfunk zur Anbindung ungeeignet ist. DSL- oder Kabeltechnologie ist meist in Schaltschränken auf Straßenhöhe verbaut, die sich nicht nur in Innenstadtbereichen eher schlecht per Funk erreichen lassen. Zudem erwarten die Kunden, die sich neben dem obligatorischen Mobilfunkanschluss auch einen Festnetzanschluss leisten, dass letzterer zuverlässig bei jedem Wetter funktioniert, also auch und gerade auch bei Sturm, Starkregen oder Blitzschlag, wenn Antennen schon mal ausfallen. Somit bleibt im Backbone genau eine Technologie: Glasfaser.

Wohin mit der Faser?

Nun stellt sich immer die Frage, wie man die für die Verdichtung der Backbone-Netze benötigten Glasfaserkabel möglichst kostengünstig verlegen kann. Und da taucht dann immer wieder der Vorschlag auf, die Kabel kostensparend auf Masten zu hängen. So, wie es heute immer noch bei Stromleitungen üblich ist, insbesondere im Hochspannungsnetz, aber auch bei Mittelspannung und teils sogar zur Anbindung einzelner Verbraucher auch im Niederspannungsnetz.

So ist es in den Augen von Dr. Iris Henseler-Unger, ehemalige Vizepräsidentin der Bundesnetzagentur und Geschäftsführerin des WIK (Wissenschaftliches Institut für Infrastruktur und Kommunikationsdienste GmbH), auch wichtig, gerade in ländlichen Regionen über oberirdische Glasfaserstrecken auf Masten nachzudenken. Das würde die Baukosten enorm drücken - und wenn eines Tages die parallel laufende Straße saniert werde, könne dann ja auch das Kabel in die Erde wandern. Entsprechendes äußerte Henseler-Unger beim VATM Telekompass am vergangenen Montag Abend.

Unwetterschaden an Stromleitung - bald auch bei DatenleitungenUnwetterschaden an Stromleitung - bald auch bei Datenleitungen? Schaut man genauer hin, stellt sich die Situation aber mitnichten so einfach da, wie Henseler-Unger es findet. Eine billig oberirdisch verlegte Leitung wird in der Regel anfällig sein, also wiederholt nach Sturm oder Unwetter repariert werden müssen, weil sie zum Beispiel durch herabfallende Äste oder gar umstürzende Bäume beschädigt worden ist. Und ob die Straßenbauarbeiter wirklich auch so fit im Verlegen von Leerrohren für die Telekommunikation sind, dass sie das für geringe Kosten bei einer Sanierung der Straße gleich mit erledigen, darf ebenfalls bezweifelt werden. Zudem wollen die Kommunen meist daran mitverdienen, wenn sie Leerrohre verlegen, und verkaufen diese mitnichten zum Selbstkostenpreis an die Tk-Unternehmen, sondern verlangen entsprechend hohe Mietpreise für die Leerrohre über ihre Stadtwerke. Zählt man alle Kosten der doppelten Leitungsverlegung (erst ober-, dann unterirdisch) zusammen, werden diese nicht selten höher ausfallen, als, wenn das Tk-Unternehmen gleich in eigener Regie seine Kabel unter der Erde verlegt hätte.

Was die Tk-Unternehmen von der Politik also vor allem brauchen, sind planbare und effiziente Verfahren für die Einräumung der nötigen Leitungsrechte und überschaubare Kosten für diese Leitungsrechte. Öffentliche Leerrohre sind vor allem an Engstellen wie Straßenkreuzungen und Brücken sinnvoll, aber sicher nicht entlang jeder Dorfstraße. Mit der genannten Hilfe können die Tk-Unternehmen dann von vornherein ein gutes, zuverlässiges Netz aufbauen, an dem nicht später dauernd nachgebessert werden muss. Und davon haben alle was.

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