Network Slicing

Netzwerk zerlegt, Netzneutralität auch?!

Network Slicing soll den Netzbetreibern bei der Erfüllung der Anforderungen der 5G-Technologie helfen und zusätzliche Erlösquellen erschließen. Aber hilft es auch den Kunden?
Vom Global Mobile Broadband Forum 2016 in Tokio berichtet
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Eines der intensiv auf dem Global Mobile Broadband Forum in Tokio diskutierten Themen ist "Network Slicing". Dieser Begriff beschreibt die Fähigkeit, innerhalb eines bestehenden Mobilfunknetzes, egal, ob 2G, 3G, 4G oder 5G, Unternetze mit besonderen Eigenschaften zu konfigurieren. Viele Netzbetreiber sehen in dieser Aufteilung des Netzwerks die einzige Möglichkeit, den vielfältigen Anforderungen gerecht zu werden, die künftig an 5G-Netzwerke gestellt werden. Zudem sind sie eine willkommene Möglichkeit, die Kundengruppen zu segmentieren. So können die Netzbetreiber via Network Slicing einen Premiumdienst zum Premiumpreis an Premiumkunden verkaufen, oder Restkapazitäten entsprechend zum niedrigeren Preis.

Insbesondere wird der Behördenfunk (wie BOS oder Tetra) in vielen Ländern bereits dadurch realisiert, dass die staatlichen Organe mit Sicherheitsaufgaben (Polizei, Feuerwehr, Katastrophenschutz, Rettungsdienste etc.) einen Network Slice von einem der lokal verfügbaren Netzbetreiber mieten. Innerhalb des Slices können dann andere Rufnummernpläne gelten, Anrufe von außen nach innerhalb limitiert werden, bestimmte Kapazitäten für Sprachtelefonie und Datenübertragungen fest reserviert werden und dergleichen mehr. Die Sicherheitskräfte bekommen so das Gefühl, über ein hoch leistungsfähiges, dediziertes, nur für sie bestimmtes Netz zu verfügen, obwohl sie "nur" ein bestehendes Mobilfunknetz mitnutzen.

Auch, wenn keiner der Referenten auf dem Kongress das Wort in den Mund nahm, wurde doch wiederholt sehr klar ausgesagt, dass das größte Hindernis auf dem Weg zu universellem Network Slicing die Pflicht zur Netzneutralität sei. Denn schließlich bedeutet "network slicing" im Datenbereich ja vor allem, die Gleichbehandlung aller Datenpakete aufzugeben.

So funktioniert Network Slicing
So funktioniert Network Slicing

Gute und schlechte Ungleichbehandlung

Nun macht es einen Unterschied, für welchen Zweck man Datenpakete bevorzugt oder benachteiligt. Zum Beispiel spricht überhaupt nichts dagegen, bei einer Katastrophe wie einem Großbrand oder einem Erdbeben den Großteil der Netzkapazität für Feuerwehr und Rettungsdienste zu reservieren. Im Gegenzug müssen halt ein paar YouTube-Nutzer mal ohne ihre Lieblings-Streams auskommen. Die Rettung von Menschenleben und die Verhinderung weiterer Schäden geht einfach vor.

Ebenso gibt es das Versprechen, dass miteinander verbundene Autos ("connected cars") besonders sicher fahren, und zwar sowohl, wenn sie das voll autonom tun, als auch, wenn Fahrassistenzsysteme frühzeitig Gefahren erkennen - und zwar auch solche, die für den Fahrer noch gar nicht sichtbar sind, aber für die Fahrassistenzsysteme anderer Autos in der Nähe. Für die Kommunikation dieser Assistenzsysteme untereinander müssen dann ebenfalls Bandbreiten reserviert werden, die für den normalen mobilen Internetzugang dann nicht zur Verfügung stehen.

Auch die Notrufnummern wie 110 und 112 sind letztendlich eine Art Network Slice. Sie werden nämlich bevorzugt durchgestellt - auch dann, wenn dafür andere, bestehende Verbindungen unterbrochen werden müssen. Zudem werden an den Empfänger des Anrufs zusätzliche Daten übermittelt, die bei normalen Anrufen nicht mitgesendet werden. Auch hier steht der Zweck - schnellere Reaktion bei Notfällen - sicher in einem adäquatem Verhältnis zu den Mitteln.

Anders hingegen, wenn beispielsweise bestimmte Fernsehsender einen Netzwerk-Slice zu dem Zweck verwenden, ihre Programme priorisiert zu übertragen und die anderen Sender entsprechend aus dem Netz gedrängt werden. Dann kann ganz schnell eine Spirale entstehen, bei der am Schluss alle Sender genötigt sind, zu zahlen. Kommerzielle Sender mit auf die Werbetreibenden zugeschnittenem Programm und entsprechend hohem Werbeanteil könnten dann die weniger kommerziellen, möglicherweise für die Verbraucher aber wertvolleren Inhalte aus dem Netz drängen.

Differenzierung gehört überwacht

Trotz der genannten Gefahren fragte Peter Zhou, CMO der drahtlosen Produktlinie von Huawei: "Warum sollte uns der Regulator nicht erlauben, Dienste zu differenzieren?" Schließlich gäbe es auch bei der Post verschiedene Beförderungsklassen (in Großbritannien etwa First Class und Second Class, in Deutschland zum Beispiel normalen Brief und Drucksache, Warensendung etc.). Warum nicht dasselbe in den Funknetzen?

In der Tat sind am Ende die Regulierer gefragt, untereinander eine gemeinsame Haltung zu diesem Thema zu finden, welche Priorisierungen und Differenzierungen sie zulassen und welche nicht. Denn die Gefahr ist, dass sie für den Fall, dass sie gar keine Netzwerkteilung zulassen, gerade besonders lukrative Priorisierungen doch heimlich geschaltet werden. Wenn sie hingegen alles zulassen, ist ebenfalls zu erwarten, dass die für den Kunden besonders nachteiligen, für die Diensteanbieter aber besonders vorteilhaften Priorisierungen geschaltet werden. Geben sie hingegen klare Leitlinien vor, was geht, und was nicht, ist zu erwarten, dass die Ausrüster genau die zulässigen Möglichkeiten implementieren, die unzulässigen aber nicht.

Leitlinien könnten etwa lauten: "Priorisierungen für Helfer bei Unfällen und Katastrophen: ja", "Bevorzugtes Streaming für Käufer eines besonders teuren Datenpakets: ja, wenn das Streaming unabhängig vom Inhalt erfolgt" oder "bevorzugtes Streaming für bestimmte Fernsehsender: nein".

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