Analyse

Telekom, Vodafone & Telefónica: Alle drei sind Marktführer - irgendwie

Wer ist Marktführer unter den Mobilfunkern? Die Antwort ist einfach: Alle drei - es kommt nur auf die Sichtweise an. Wir analysieren, warum die verschiedenen Zählweisen der Netzbetreiber einen Vergleich schwierig machen.
Von Thorsten Neuhetzki
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Es ist seit Jahren immer wieder das gleiche Geschacher unter den Mobilfunkanbietern: Jeder sieht sich irgendwie als Marktführer. Lange Zeit kämpften Telekom und Vodafone um die Spitzenposition. Dabei ging es stets darum, die meisten Kunden zu vermelden, die das eigene Netz nutzen. E-Plus und o2 hatten hier keine Chance, auch nur ansatzweise aufzuschließen. Doch wenn sich zwei Kleine zusammentun, entsteht ein Großer. Nach der Übernahme von E-Plus durch Telefónica waren die beiden kleinsten Netzbetreiber plötzlich der größte. Oder doch nicht? Denn je nach Betrachtungswinkel sehen sich alle drei Netzbetreiber ganz oben in der Gunst der Kunden. Wir stellen diese Betrachtungsweisen zusammen.

Kunden, Anschlüsse oder SIM-Karten?

Die Zahlen der Netzbetreiber unter der LupeDie Zahlen der Netzbetreiber unter der Lupe Am einfachsten scheint zunächst die Betrachtung nach Kunden. Hier haben die drei Netzbetreiber zum 30. Juni zusammen 126,45 Millionen Kunden gemeldet. Dabei hat Telefónica mit 43,42 Millionen Kunden die Nase vorn. Danach kommt Vodafone mit 41,89 Millionen und die Telekom mit 41,14 Millionen Kunden. Die Telekom als kleinster Netzbetreiber nach Kunden und Vodafone mit einem Kunden-Sprung von mehreren Millionen binnen eines Quartals? Hier zeigt es sich, dass bei Quartalszahlen genau hingeschaut werden muss. Denn nicht jeder Kunde ist auch ein Kunde. Ein kleiner Satz in der Meldung von Vodafone klärt auf: "Für eine bessere Vergleichbarkeit weist Vodafone erstmalig die Gesamtzahl von 41,9 Millionen SIM-Karten in Deutschland aus, davon 30,3 Millionen Mobilfunk-Kunden."

Die Definition der Zählung nach SIM-Karten bzw. Verträgen und nicht nach Kunden verfolgt teltarif.de schon seit Jahren - schließlich kann auch ein Kunde mehrere SIM-Karten bei einem Anbieter haben. Nur hat Vodafone diese Zahlen nie offengelegt. Jetzt hatten die Düsseldorfer aber offenbar genug davon, mit Abstand der kleinste Netzbetreiber zu sein. Doch einfach die SIM-Karten zu zählen wäre zu einfach. Wie die Kollegen der Telecom Handel berichten, zählte Vodafone bislang "Kunden" (also eine Firma mit 100 Verträgen als ein Kunde), Telefónica aber Anschlüsse. Die Telekom zählte demnach auch Anschlüsse, meinte aber SIM-Karten. Bei Multi-SIMs ist auch das ein Unterschied.

Wie hältst du es mit dem Provider- und MVNO-Geschäft?

Kompliziert wird es bei der Zählung von Verträgen bei Providern oder gar MVNOs. Bekannt war, dass Telefónica und die Telekom diese Karten stets mitzählten. Das heißt beispielsweise, dass auch die fast 3 Millionen Drillisch-Kunden in der Telefónica-Statistik mitgezählt werden. Vodafone unterscheidet nach Recherchen von Telecom Handel hingegen, ob der Provider eigene Tarife (wie 1&1) anbietet oder aber nur Vodafone-Tarife durchreicht (wie mobilcom-debitel es oftmals macht). Letztere werden demnach immer mitgezählt, die 1&1-Kunden jedoch tauchen nur bei den aktiven SIM-Karten, nicht aber in den Kundenzahlen auf. Wie bedeutend diese unterschiedlichen Zählweisen sind, macht auch unsere Analyse vom vergangenen Jahr deutlich, wo wir titelten "Mobilfunk-Discounter nehmen Netzbetreibern die Kunden weg".

Die nächste Variable ist M2M, also SIM-Karten, die für die Maschinen-Kommunikation genutzt werden. Telefónica weist diese in ihren Geschäftsberichten aus (704 000 Karten), Telekom und Vodafone schweigen hingegen. Und nach Informationen der Telecom Handel gilt für in Autos verbaute SIMs (Navi, Notruf, etc) noch einmal eine andere Zählung. Und auch eSIMS und inaktive Prepaid-Karten sind eine unbekannte Größe, die bei allen Netzbetreibern unterschiedlich gezählt werden.

Umsatz als markante Größe

Doch was bringt es, die meisten SIM-Karten im Markt zu betreiben, wenn diese kaum Geld in die Kasse bringen? Werfen wir also einen Blick auf die "harten" Fakten: Umsatz und Gewinn der Netzbetreiber. Auch das ist nicht ganz einfach. Denn Umsatz machen die Netzbetreiber nicht nur mit Allnet-Flatrates, Datenpaketen und Roaming, sondern beispielsweise auch mit dem Absatz von Handys. Doch der Verkauf von Handys sagt nicht wirklich etwas über den Erfolg als Netzbetreiber aus. Denn viele Handymodelle lassen sich heute auch bei den Netzbetreibern kaufen, ohne dass der Käufer Kunde sein muss. Angesichts der oftmals hohen Preise bringt das auch reichlich Umsatz und Gewinn in die Kasse.

Konzentrieren wir uns also auf die Service-Umsätze. Diese sind bei allen drei Mobilfunkanbietern gegenüber dem Vorquartal gestiegen (gegenüber dem Vorjahresquartal allerdings gesunken). Als Marktführer darf sich hier die Deutsche Telekom bezeichnen, die einen Umsatz von 1,656 Milliarden Euro ausweist (plus 7 Millionen Euro gegenüber Q1/2016). Vodafone befindet sich in der Mitte und hat mit 1,511 Milliarden Euro 6 Millionen Euro mehr umgesetzt als drei Monate zuvor. Die rote Laterne trägt der Marktführer nach Kunden Telefónica mit 1,358 Milliarden Euro (plus 22 Millionen Euro).

Vodafone mit dem besten ARPU

Doch alles ist eine Frage des Vergleichswertes, denn eigentlich sieht sich Vodafone als der Gewinner, wie das Unternehmen in einer Pressemitteilung wissen ließ. Dort heißt es: " Vodafone baut auch seine Position im Wettbewerb weiter aus. Im Gesamtumsatz zeigt sich das Unternehmen als starker Anbieter von Mobilfunk, Festnetz und Fernsehen klar in Führung: Mit 1,6 Prozent zum Vorjahr weist Vodafone das stärkste Wachstum aller Netzanbieter im deutschen Markt auf. Im Vergleich zum Vorjahr kann Vodafone seine Mobilfunk Service-Umsätze im abgelaufenen Quartal mit -0,3 Prozent annähernd stabil halten. Die Telekom verliert 0,8 Prozent, Telefónica büßt 1,7 Prozent ein. Beim Gesamt Service-Umsatz legt Vodafone Deutschland 1,6 Prozent zu. Die Telekom liegt bei 0,0 Prozent."

Als Referenzwert gilt auch stets der ARPU, was für Average Revenue per User steht - also dem durchschnittlichen Umsatz pro Kunde. Hier hat Vodafone deutlich die Nase vorn und meldet 15,30 Euro monatlich. Die Telekom hat einen ARPU von 14 Euro gemeldet und Telefónica 10,40 Euro - hat hier allerdings M2M herausgerechnet.

Fazit: Jeder kann mal Marktführer sein

Winston Churchill soll einst gesagt haben "Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast". Zwar kann den Netzbetreibern nicht unterstellt werden, dass sie ihre Marktzahlen fälschen. Das hätte auch aufgrund der Börsennotierungen enorme Konsequenzen. Was aber möglich ist, ist dass man in der Außendarstellung die richtigen Zahlen nach vorne stellt. Und so darf jeder mal Marktführer sein: Nach Kunden, nach SIM-Karten, nach Serviceumsatz oder eben auch nach ARPU.

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