Mobilfunk-Nutzung

Editorial: "Ich ruf in fünf Minuten an, dann bin ich im Park"

Die Mobilfunknetzbetreiber stehen vor Problemen: Die Preise fallen, die Kunden nutzen die Netze deutlich intensiver und "gedankenloser" und die Anbieter müss(t)en investieren. Wir zeigen Ihnen in unserem Editorial den Zusammenhang zwischen Billig-Allnet-Flat, "gedankenloser" Nutzung und unzufriedenen Kunden auf.
Von Thorsten Neuhetzki
AAA
Teilen

Vor einigen Tagen wollte ich mal wieder mit einer guten Freundin telefonieren. Wir hatten uns längere Zeit nicht gesprochen, es gab bei beiden einiges zu erzählen. Es würde also kein 5-Minuten-Gespräch werden. Als wir uns zum Telefonieren verabredeten, saß ich in einem Café auf der Terrasse - einer der ersten schönen Frühlingstage. Die Kommunikation lief über WhatsApp. Ich beschloss, das Telefonat nicht zum Leidwesen der anderen Café-Besucher dort zu führen, sondern mein Privattelefonat abseits anderer Leute zu führen. Ich fuhr also schnell nach Hause, denn ein längeres Telefonat mit dem Handy am Ohr finde ich anstrengend für die Arme und auch - ohne eine Strahlen-Debatte losbrechen zu wollen - gesundheitlich nicht so toll.

Zu Hause angekommen vibrierte wieder das Handy. "Ich wäre dann soweit zu Telefonieren", schrieb meine Bekannte, die sich wohl auch auf ein längeres Telefonat eingerichtet hatte. Mir fiel mein Headset in die Augen. Draußen die Sonne. Jetzt mit dem Festnetz telefonieren? Nein, wofür hat man eine Allnet-Flatrate? "Ich rufe dich in fünf Minuten an", schrieb ich zurück. "Dann sitze ich im Park." Mit Headset und Handy radelte ich schnell einige Meter und saß letztlich in einem kleinen Park am Spree-Ufer in Berlin mit Blick auf meine Wohnung. Dort wäre das Festnetz gewesen. Stattdessen saß ich nun vor der Wohnung, nutzte den nächsten Mobilfunkmast und gleichzeitig das schöne Wetter und sorgte für eine höhere Auslastung des Mobilfunknetzes - ohne dass das notwendig gewesen wäre oder mein Mobilfunkanbieter auch nur einen Cent verdienen würde. Stattdessen musste er sogar noch Geld zahlen, da mein Gespräch zu einem alternativen Festnetzanschlussanbieter geführt wurde und hier pro Minute knapp 0,36 Cent an den Anbieter meiner Bekannten zahlen musste.

Zunehmende Last in den Netzen, die keinen Umsatz bringt

Mobilfunkanbieter müssen eine Menge investieren, um die Netzqualität aufrecht zu halten. Doch die Umsätze brechen weg.Mobilfunkanbieter müssen eine Menge investieren, um die Netzqualität aufrecht zu halten. Doch die Umsätze brechen weg. An einem Sonntag ist vergleichsweise wenig Verkehr in den Mobilfunknetzen und 30 Cent Interconnection-Kosten für etwa 80 Minuten telefonieren sind sicher nicht die Welt. Doch mein Verhalten ist vermutlich exemplarisch für die heutige Nutzung des Handys: Mit der zunehmenden Durchdringung mit Smartphones und Allnet-Flatrates wird sich über das "wann und wo" zum Telefonieren kaum noch Gedanken gemacht. Oder mehr noch: Man legt sich lieber mit dem Handy in die Sonne, als zu Hause auf der Couch per Festnetz zu telefonieren. Die Mobilfunkanbieter stellt das vor das Problem, dass die Netze zunehmend belastet sind, die Kunden aber dank Allnet-Flatrate nur pauschal, nicht aber nach Nutzung zahlen.

Das Interesse der Mobilfunkanbieter, jeden Traffic-Hotspots sofort auszubauen, ist daher auch in zunehmendem Maße begrenzt. Zwar erweitern sie generell die Kapazitäten, wenn es eng wird, doch haben wir in den vergangenen Jahren bei o2 ("Wir sind Einzelfall") und zuletzt bei Vodafone (Verlust von 1,637 Millionen SIM-Karten in 2013) auch beobachten müssen, dass es erst zu einem Proteststurm und einem Abwandern der Kunden kommen musste, bis die Unternehmen erkannten, dass sie weiter investieren müssen, um die Kunden bei Laune zu halten. Zudem gilt es für die Netzbetreiber, neben dem Hochrüsten von Hotspots und dem Aufbau neuer Netze mit neuen Technologien auch bestehende Netze weiter zu warten und auszubauen. Auch das geschah in der Vergangenheit oft zu wenig.

Wachsende Erwartungshaltung bei sinkenden Preisen

Eine wichtige Erkenntnis für die Mobilfunker dürfte lauten: Die Erwartungshaltung der Kunden wird bei günstiger werdenden Pauschaltarifen nicht kleiner, sondern Fehler und Engpässe fallen deutlich eher auf als früher. Funktionierte bei Minutenpreisen von 50 Cent das Handynetz mal nicht, hat man sich eher gefreut, das Geld gespart zu haben und auf ein Festnetz gewartet oder es später noch einmal probiert. Heute will der Kunde aber immer alles und sofort. Das war in den vergangenen Monaten auch zu beobachten, als WhatApp mal für einige Zeit ausfiel. Dadurch, dass nachvollziehbar ist, ob die Nachricht rausging und beim anderen ankommt, ist die Verwunderung groß, geschieht das einmal nicht - gefolgt von Facebook-Postings und Twitter-Nachrichten über den schlechten Dienst.

Gleiches gilt für die Mobilfunker: Ist einmal eine Zelle im Netz überlastet, so beschweren sich die Nutzer heute deutlich eher als früher. Auch hier kann ich mir an die eigene Nase fassen, als ich vor einigen Wochen am Flughafen Tegel landete und keine Daten übertragen konnte. Diesen Netzfehler bemerkte ich durch WhatsApp und einen nicht funktionierenden Twitter-Stream ziemlich schnell - die Twitter-Nachricht war außerhalb der überlasteten Zelle schnell geschrieben und in der Welt unterwegs. Früher hätte man es nicht bemerkt, wenn man nicht gerade seinen Abholer vorm Flughafengebäude anrufen oder sich nach der Landung in der Redaktion melden musste.

"Gedankenlose" Nutzung der Netze wird weiter zunehmen

Die Netzbetreiber stehen also vor dem Problem, bei sinkenden Einnahmen (Umsatzrückgang 2013 von 4,3 Prozent, Preisindex 2013 bei 90,5 im Vergleich zu 2010) das Netz weiter ausbauen zu müssen, weil die Kunden Leistung für ihren Tarif erwarten - egal ob sie 10 Euro oder 50 Euro im Monat für ihre Flatrate zahlen. Unter diesem Aspekt ist es auch kaum verständlich, warum Mobilfunker ihre LTE-Netze mit großer Kapazität zu weiten Teilen nur für die Kunden vorhalten, die viel zahlen. Die Zahl der Multiplikatoren, die sich bei überlasteten Netzen negativ äußern, sind in den Discounter-Tarifen deutlich häufiger anzutreffen.

Ein Ende der Preis-runter- und Nutzung-rauf-Spiralen ist kaum erkennbar. Experten gehen davon aus, dass die Nutzung der Mobilfunknetze weiter zunehmen wird. Prof. Dr. Torsten J. Gerpott analysierte alleine beim Datentraffic enorme Steigerungsraten: 170 Millionen GB wurden vergangenes Jahr per Mobilfunk übertragen - gerade einmal 3,27 Prozent dessen, was per Festnetz übertragen wurde. Und auch der Machine2Machine-Traffic (M2M) birgt noch viel Potenzial: Gerade einmal 1,9 Prozent der SIM-Karten in Deutschland werden für automatisierten Verkehr genutzt (Steuerung, Kartenterminals, Stromzähler), in Schweden sind es fast 25 Prozent der Karten. Diese Anwendungen verzeihen es oft nicht, wenn das Netz mal kurz nicht funktioniert. Will ein Anbieter hier wachsen, muss er ebenfalls weiter investieren - und hoffen, dass er die Investitionen in Umsatz und Gewinn ummünzen kann.

Unter dem Investitions-Aspekt steht den Mobilfunkern übrigens das nächste Problem ins Haus: Die generelle Abschaffung der Roaming-Entgelte innerhalb der EU. Welches Interesse sollte schließlich ein spanischer Mobilfunker haben, die Playa de Palma auf Mallorca mit einer stetigen hochperformanten Netzversorgung auszurüsten, wenn er dafür kein Geld bekommt? Zu diesem Thema haben wir bereits vergangenes Jahr ein Editorial veröffentlicht.

Teilen

Mehr zum Thema Editorial