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Editorial: Erst UMTS ausreizen oder gleich LTE?

Investieren, wo die Kunden heute sind, oder wo sie morgen sein werden?

LTE oder UMTS? LTE oder UMTS?
Bild: Telekom / teltarif.de
Einige der schwierigeren Inves­titions­entschei­dungen, die Netz­betrei­ber dieser Tage treffen müssen, betreffen die Frage, wie stark noch das 3G/UMTS-Netz ausgebaut werden soll. Auf der einen Seite ist 4G/LTE bereits gestartet, was gegen hohe 3G-Investi­tionen spricht. Auf der anderen Seite unterstützt nur ein Teil der aktuellen Endgeräte 4G. Und selbst, wenn ein Gerät ein LTE-Modem enthält, heißt das noch lange nicht, dass es die vom jeweiligen Netz­betreiber verwendeten Frequenzen unterstützt. So kann das iPhone 5 hierzulande nur im Telekom-Netz auch 4G nutzen, bei allen anderen Netzbetreibern funkt es höchstens mit 3G. Zudem werden auf absehbare Zeit die meisten 4G-Endgeräte den Rückfall auf 2G und 3G beherrschen. Viele UMTS-Funkzellen sind überlastet, die Datenraten brechen während der Zeiten der intensivsten Nutzung ein. Alles das spricht für den weiteren Ausbau von 3G.

Für E-Plus spricht noch ein weiteres Argument pro 3G und gegen 4G: Sie haben seit der letzten Auktion mit 20 MHz gepaart den breitesten Frequenzbereich aller deutschen Netzbetreiber im UMTS-2100-Band. Zugleich hat E-Plus - im Gegensatz zu allen anderen Betreibern - keine Frequenzen für LTE 800. Vor diesem Hintergrund verwundert nicht, dass E-Plus nun ankündigt, ihr 3G-Netz auf Dual-Cell-HSPA hochzurüsten. Somit sind "bis zu" 42 MBit/s auch im 3G-Netz möglich. Über 4G sind zwar in der Spitze 150 MBit/s erreichbar, doch wer benötigt so hohe Geschwindigkeiten, zumal man selbst mit einem großen 5-GB-Datenpaket im (wohl theoretischen) Optimalfall, dass das Netz dauerhaft diese Datenrate liefert, schon nach viereinhalb Minuten an der Drossel angekommen ist?

Viel wichtiger, als Spitzendatenraten im zwei- oder gar dreistelligen MBit/s-Bereich, ist, dass die Nutzer flächendeckend und zu (fast) allen Zeiten zumindest den einstelligen MBit/s-Bereich erreichen, und nicht mit Downloadraten im Bereich von einigen hundert kBit/s oder gar noch darunter versauern. Natürlich ermöglicht eine höhere Spitzendatenrate die Versorgung von mehr Nutzern gleichzeitig mit der Basisdatenrate. Doch so lange sich der Datenstau im 3G- und nicht im 4G-Netz abspielt, muss man zur Stau-Beseitigung das 3G-Netz weiter ausbauen. E-Plus handelt diesbezüglich also richtig!

4G zur 3G-Stauumfahrung?

LTE oder UMTS? LTE oder UMTS?
Bild: Telekom / teltarif.de
Grundsätzlich ist auch denkbar, die Last aus 3G-Zellen herauszunehmen, indem man möglichst alle Endgeräte, die schon 4G-fähig sind, sich bevorzugt in das 4G-Netz einbuchen lässt. Freilich haben mehrere Netzbetreiber hierzulande damit begonnen, den Zugang zu 4G/LTE als Premiumdienst zu vermarkten, und damit können diese nicht einfach den 4G-Zugang für alle Endgeräte freischalten, ohne den Kunden, die extra für 4G bezahlt haben, vor den Kopf zu stoßen. Gerade die Netzbetreiber, die eine LTE-Premium-Strategie fahren, müssen also dennoch weiter in den UMTS-Ausbau investieren.

Insofern ist schade, dass keiner der drei anderen Netzbetreiber, die alle über eine umfangreiche Ausstattung mit für LTE geeigneten Frequenzbändern und zugleich über eine eher knappe Ausstattung mit UMTS-Frequenzen verfügen, eine aggressive LTE-Strategie fährt. Diese könnte darin bestehen, LTE für alle SIM-Karten, inklusive Prepaid-Karten, freizuschalten, und auch die Kunden gezielt zur Nutzung von LTE zu locken. Denkbar wäre zum Beispiel, alle Datenpakete um zusätzliche ungedrosselte 30 Prozent zu erweitern, die aber nur über LTE nutzbar sind. Der Netzbetreiber würde also die Effizienzvorteile, die LTE den Angaben der Ausrüster zufolge bringt, direkt an die Kunden weiterreichen. Im Gegenzug könnte er seine Investitionen in die "alte" 3G-Netztechnik auf ein Minimum zurückfahren. Derzeit verhalten sich alle Netzbetreiber anders herum. 3G ist in Deutschland also noch ein langes Leben beschieden.

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