Erfahrungen

Kostenloses WLAN bei Locomore: Privatbahn trumpft gegenüber ICE auf

Der Bahnbetreiber Locomore fährt seit Dezember mit einem eigenen Zug regelmäßig zwischen Stuttgart und Berlin. Trotz 80er-Jahre-Charme durch alte Waggons gibt es an Bord kostenloses WLAN. Wir haben es getestet.
Von Thorsten Neuhetzki
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"Locomore - Mehr Bahn" - so wirbt seit Dezember vergangenen Jahres der durch Crowdfunding ermöglichte Bahnbetreiber Locomore, der mit einem bis zu acht Waggons langen Zug regelmäßig zwischen Stuttgart und Berlin pendelt und unterwegs unter anderem in Darmstadt, Frankfurt, Göttingen und Wolfsburg Halt macht. Der Anbieter will nicht nur mit günstigen Preisen und ökologischen Aspekten überzeugen, sondern bietet auch unlimitiertes kostenloses WLAN an Bord an. Wir haben den Dienst getestet.

Die Reise - auch in die Vergangenheit

Locomore - derzeit der einzige private Fernverkehrszug  in DeutschlandLocomore - derzeit der einzige private Fernverkehrszug in Deutschland Es ist ein Samstag im März, kurz vor 15 Uhr am Berliner Bahnhof Zoo. Abgesehen von Nachtzügen gen Osten gibt es hier seit 2006 keinen Fernverkehr mehr - zumindest von der Deutschen Bahn. Locomore hingegen steuert den "alten Hauptbahnhof" der Berliner City-West bewusst an und sammelt zumindest an diesem Tag auch ordentlich Fahrgäste ein. Auch wir betreten den Zug, der schon von Außen ganz anders wirkt, als die weißen Züge mit rotem Streifen von der Deutschen Bahn.

Locomore kommt überwiegend orange daher - mit schwarzem Streifen. Und Waggons aus dem letzten Jahrhundert, genau genommen aus den 1970er-Jahren. SRI Rail Invest hat sie aus den Niederlanden gekauft, in Bulgarien komplett überarbeiten lassen und an Locomore vermietet. Dadurch sind auch heute übliche technische Services wie Steckdosen am Platz und eben WLAN möglich. Das allerdings betrifft nur die orangen Waggons. Teilweise sind als Verstärkerwaggons aber auch alte Interregio-Waggons eingereiht. Diese sind nicht modernisiert und haben kein WLAN an Bord.

WLAN ohne Landing-Page

Hier fährt Locomore entlangHier fährt Locomore entlang Bei unserer Testfahrt in dem gut ausgelasteten Zug suchten wir schon beim Verlassen des "Bahnhof Zoo" das WLAN des Zuges. Dieses sendet die SSID "locomore.net" aus. Nach dessen Auswahl buchte sich unser Handy sofort ins Internet ein - wir waren ohne jegliche Landingpage oder Passworteingabe online.

Ein erster Speedtest noch innerhalb Berlins war vielversprechend: Etwa 12 MBit/s im Downstream und 2,2 bis 6 MBit/s im Upstream zeigte uns speedtest.net bei mehreren Messungen an - deutlich mehr, als es im ICE der Deutschen Bahn möglich ist. Auch Limitierungen gibt es nicht, wir hätten unlimitiert Daten herunterladen können - mit beliebig vielen Geräten.

Mit Verlassen des Ballungszentrums Berlin wurde jedoch auch das WLAN im Zug langsamer. Das ist in sofern verständlich, als dass die Mobilfunknetze, die für die Anbindung des WLAN benötigt werden, zwischen dem Berliner Speckgürtel und der nächsten größeren Stadt Wolfsburg nicht so gut ausgebaut sind wie innerhalb der Stadt. Doch selbst unser schlechtester Testwert lag mit 360 kBit/s im Downstream noch auf einem Niveau, mit dem sich Messenger und ähnliches gut nutzen lassen.

Mitten in Deutschland mit schwedischer IP-Adresse unterwegs

Locomore - derzeit der einzige private Fernverkehrszug  in DeutschlandLocomore - derzeit der einzige private Fernverkehrszug in Deutschland Unser Versuch, über das Locomore-WLAN Sky Go zu nutzen und die Bundesliga-Konferenz zu sehen, wurde jedoch vereitelt. Dabei lag das Scheitern nicht an der Anbindung oder einer Überlastung, sondern an der uns zugewiesenen IP-Adresse. Gemäß der IP hielten wir uns nicht im Locomore von Berlin nach Hannover auf, sondern in der schwedischen Hauptstadt Stockholm. Das stellte auch Sky fest und teilte uns mit, dass wir außerhalb Deutschlands (und Österreichs) kein Streaming nutzen könnten.

Die schwedische IP-Adresse ist auf den Locomore-Dienstleister Icomera zurückzuführen, der das WLAN realisiert. Er schickt die Daten über die deutschen Mobilfunknetze und ein VPN-Netz nach Stockholm, um sie dort ins Internet zu übergeben. Das macht sich neben der IP-Adresse auch in den Ping-Zeiten bemerkbar, die stets dreistellig waren.

Icomera realisiert auch das WLAN im ICE der Bahn. Hier allerdings haben sich die Unternehmen einen deutschen Provider gesucht, der die Daten entgegennimmt und in Aachen ins Internet übergibt. Dadurch ist der WLAN-Nutzer im ICE zumeist in Aachen lokalisiert.

Fazit: Locomore mit besserem WLAN als die Deutsche Bahn

Unser kurzer Test zeigt, dass der private Anbieter Locomore zwar keinen besseren Zug als den ICE auf die Strecke schickt, aber das Preisleistungsverhältnis mit jedem Zug der Bahn und jedem Fernbus mithalten oder es gar übertreffen kann. Beim WLAN übertrifft Locomore in unserem Test die Erwartungen und liefert ein besseres WLAN-Angebot ab als die Deutsche Bahn.

Die Deutsche Bahn hat ihren ICE-Hotspot übrigens unlängst mit einem kostenlosen maxdome-Grundangebot ausgestattet.

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