Kurztest

Google-freie Android-Smartphones von Nokia ausprobiert: Bei weitem noch nicht ausgereift

Nokia präsentiert mit den Android-Smartphones eine kleine Revolution. Wir haben die Einhörner einem Kurztest unterzogen. Sie können uns in den klassischen Nokia-Disziplinen zwar überzeugen, unklar ist aber, wie erfolgreich sie sein werden.
Vom MWC in Barcelona berichtet
AAA
Teilen

Zuerst erschien es wie eine kleine Revolution: Nach langen Spekulationen hat Nokia mit der X-Serie heute seine ersten Android-Smartphones vorgestellt, bei denen Google-Dienste kategorisch ausgesperrt sind und die den Käufer hauptsächlich mit Diensten von Microsoft und Nokia überzeugen wollen. In einem ersten Kommentar haben wir zu dieser ungewöhnlichen Marktentwicklung bereits eine Einschätzung abgegeben - als Teil von Microsoft durfte sich Nokia wohl nichts anderes erlauben.

Nokia X-Reihe: Mit Android statt Windows PhoneNokia X-Reihe mit Android Auf dem Messestand von Nokia hatten wir mittlerweile ausführlich Gelegenheit, die drei Geräte der neuen X-Serie unter die Lupe zu nehmen. Schön ist, dass die Geräte - wie auch die Geschwister der Asha- und Lumia-Reihe - in bunten Farben zum Kunden kommen. Bei der technischen Verarbeitung hat sich Nokia - verglichen mit dem Windows Phone Nokia Lumia 520, das sich in derselben Preisregion bewegt - sogar gesteigert: Alle drei Vertreter der X-Serie liegen gut und rutschsicher in der Hand und sind ordentlich verarbeitet. Bei einem leichten Druck auf das Gehäuse knarzt und knirscht nichts. Die X-Serie hat eher ein kantiges Design wie das iPhone, während die Lumia-Geräte abgerundete Kanten haben.

Verarbeitung, Dual-SIM und wechselbarer Akku sind Nokia gelungen

Bezüglich der Verarbeitung sind die drei Vertreter der neuen X-Serie angesichts ihres günstigen Preises also in Ordnung. Als etwas störend empfanden wir beim ersten Ausprobieren, dass die Smartphones schon kurze Zeit nach dem Standaufbau nicht nur mit Fingerabdrücken übersät waren, sondern eine regelrechte Fettschicht trugen. Die beiden SIM-Schächte mit Steckplatz für microSD-Karte.Steckplätze auf der Rückseite Eine bessere Resistenz gegen Fettfinger bieten aber auch bei anderen Herstellern eher die Geräte der Oberklasse. Was wir vermisst haben, ist die von den Lumia-Geräten bekannte Kamera-Taste.

Entfernt man das bunte Cover, kommt zum Vorschein, dass der Akku wechselbar ist. Wir durften eine Gerätevariante mit Dual-SIM anschauen; die Beschriftung der SIM-Karten-Slots stellt klar, dass nur der Slot 1 Datenübertragung per UMTS unterstützt, Slot 2 beherrscht nur den GSM-Standard. Zwischen den SIM-Slots liegt der Speicherkartensteckplatz. Mit etwas Glück bekommt man die SIM-Karten vielleicht auch bei eingelegtem Akku in den Slot, aber spätestens für die microSD muss der Akku herausgenommen werden.

Fast Lane, Bedienung, Kamera und die Sehnsucht nach den Android-Buttons

Die Fast Lane ist das Herzstück der Bedienung bei den Smartphones der X-Serie und sie ist sowohl optisch als auch von der Bedienung her prinzipiell gelungen. Die an Windows Phone erinnernden Kacheln sind variabel platzierbar, mit einem leichten Druck lassen sie sich in der Größe verändern, löschen oder an einer anderen Stelle platzieren.

Was Nokia allerdings geritten hat, die drei Soft-Buttons unter dem Display abzuschaffen, blieb uns ein Rätsel. Diese sinnvollen Bedienhilfen gibt es ja nicht nur bei Android, sondern auch bei Windows Phone. Die überwiegende Anzahl der Nutzer dürfte sich bereits an diese Bedienung gewöhnt haben - warum lässt Nokia sie weg?

Android mit Kachel-Oberfläche auf Nokia-Smartphone.Android mit Kachel-Oberfläche Navigiert man durch die Fast-Lane-Oberfläche, erscheint als einziger Soft-Button unter der Anzeige ein Zurück-Button. Beim Ausprobieren findet man zwar schnell heraus, dass ein längerer Druck auf diesen Button wieder zum Homescreen führt. Will man aber schnell zum Beispiel die Internet-Suche benutzen, genügt bei Windows Phone ein Druck auf den Soft-Button. Das Herumhangeln per Zurück-Button im Menü der X-Serie mag zwar eine nostalgische Reminiszenz an die Bedienführung der Nokia-Handys in den 1990er Jahren sein, wirklich zeitgemäß ist das aber nicht.

Auch von Multitasking kann bei der X-Serie keine Rede sein: In unserem Kurztest starteten wir Here Maps und luden die Karte von Deutschland herunter. Das klappte zwar, aber während des Herunterladens erlaubte uns das Handy nicht, etwas anderes zu machen. Selbst mehrfaches Antippen oder Halten des Zurückbuttons erzeugte eine Meldung, dass dies momentan nicht möglich sei. Erst als wir den Download manuell abbrachen, durften wir mit dem Smartphone gnädigerweise etwas anderes machen.

Die ohnehin nicht besonders auflösungsstarken Kameras der X-Serie wurden gegenüber ihren Geschwistern der Lumia-Reihe auch bei der Software abgespeckt. Einfache Bildanpassungs- und Bearbeitungs-Möglichkeiten gibt es zwar, ausgefeilte Funktionen bleiben aber der Lumia-Serie vorbehalten. Für schnelle Schnappschüsse dürften die Kameras okay sein - weiteres muss ein ausführlicher Test klären.

Google-Dienste streng verboten: Warum diese Abneigung?

Prinzipiell sind die Smartphones der X-Serie mit allen Basis-Anwendungen ausgestattet: Mailprogramm, Browser, Adressbuch, Twitter, Facebook, Skype und One Drive sind vorinstalliert und müssen nur kurz eingerichtet werden. Lobenswert ist, dass der Nutzer auch auf dem Sperrbildschirm kurze Benachrichtigungen sehen kann - bei Windows Phone gibt es diese Funktion noch nicht allzu lange.

Kacheln der Apps können verschoben werden.Kacheln können verschoben werden Nahezu unheimlich erschien uns im Test der Verzicht auf jeglichen Hinweis zu Google und seinen Diensten. Man gewinnt fast den Eindruck, als ob Nokia sich vor den Produkten des Suchmaschinen-Anbieters fürchtet. Im Windows Phone Store gibt es bereits eine Vielzahl an Apps für Google-Dienste, die damit schon längst auf dem Lumia-System Einzug gehalten haben. Als wir im Nokia Store der X-Serie nach YouTube suchten, erhielten wir kein wirklich sinnvolles Ergebnis. Auch andere populäre Apps wie Angry Birds waren nicht aufzufinden. Wenn Nokia mit dem Start der X-Serie seinen Nutzern eine breite Palette an Andoid-App anbieten wollte, dann ist dieser Versuch gründlich schief gegangen.

Bleibt also nur zu hoffen, dass externe Entwickler möglichst schnell Apps im Nokia Store anbieten, die den Zugriff auf Google-Dienste erlauben und dass Nokia diese nicht aussperrt. Bis dahin darf man getrost darauf hoffen, dass gegebenenfalls Betreiber externer Appstores wie Amazon eine "Komplettierung" der X-Serie erlauben. Wer von Google allerdings nichts hält und die Dienste nicht nutzt, bekommt mit den Geräten der X-Serie ordentlich ausgestattete Smartphones, die allerdings keine High-End-Ansprüche erfüllen und deren Bedienung noch nicht ausgereift ist. Bei der Bedienung muss Nokia unserer Auffassung nach noch deutlich nachbessern.

Teilen

Mehr zum Thema Mobile World Congress