Digitalradio

Kultradio übt scharfe Kritik am Umgang mit DAB+

Der über DAB+ verbreitete Privatsender Kultradio steht vor dem Aus und macht die eingefahrene Vermarkterlandschaft und antiquierte Abfragemethoden mitverantwortlich. Für reine Digitalradio-Sender sei ein Überleben derzeit kaum möglich.
AAA
Teilen (19)

Kultradio steht vor dem AusKultradio steht vor dem Aus Über 600 Personen hatten in den vergangenen Tagen in sozialen Netzwerken das voraussichtliche Aus des bayerischen Privatsenders Kultradio zum Ende dieses Monats beklagt. Insgesamt hat Kultradio aktuell fast 5500 Freunde im sozialen Netzwerk Facebook. Dagegen attestiert die offizielle Funkanalyse Bayern (FAB) dem über DAB+ verbreiteten Sender eine Reichweite von lediglich knapp über 550 Hörern pro Stunde, das entspricht einem Marktanteil von gerade einmal 0,1 Prozent. Auch laut der bundesweiten Media Analyse Audio hat Kultradio kaum Hörer. Auch andere im Digitalradio verbreitete Veranstalter bemängeln, dass sie zwar eine stetig steigende Hörerresonanz haben, diese sich aber nicht in offiziellen Hörerzahlen widerspiegelt.

Eingefahrene Vermarkterlandschaft

Bei Kultradio macht man die eingefahrene Vermarkterlandschaft und die Abfragemethoden in der Media Analyse (ma Audio) und der Funkanalyse Bayern (FAB) für das wahrscheinliche Aus des Senders verantwortlich: "Für mich läuten gerade alle Alarmglocken, was die Zukunft für DAB+ angeht", sagt Geschäftsführer Andi Enders. Die "antiquierten und zugunsten von UKW-Sendern angelegten Abfragemethoden" tragen ihm zufolge "eine sehr große Mitschuld am bitteren Ende von Kultradio. Die in der gestützten Abfrage vertretenen UKW-Sender wollen natürlich nicht, dass sich daran etwas ändert, und so werden die DAB+ Sender seit vielen Jahren mit der DAB+-Studie ruhig gestellt, die sie auch noch über 200 000 Euro in jedem Jahr kostet, die aber in Sachen Vermarktung nichts bringt, da sie die beiden großen Hörfunkvermarkter RMS und AS&S überhaupt nicht interessiert".

Trotz allgemeinen Wachstums lassen sich die über das terrestrische Digitalradio erzielten Reichweiten für die privaten Anbieter somit nur unzureichend vermarkten. Das liegt im Wesentlichen daran, dass insbesondere die Anbieter reiner und bundesweiter DAB+-Programmangebote keine mit der ma Audio vergleichbaren Reichweitenausweise durch die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (agma) erhalten. Damit finden diese Radioangebote quasi keine Berücksichtigung in der Radioplanung der Werbetreibenden. Daran ändert bislang auch die besagte im Jahr 2016 ins Leben gerufene DAB+-Studie nichts.

Um in der ma Audio ausgewiesen zu werden, benötigt man als Radioveranstalter die Fallzahl von 351 000 Hörern im weitesten Hörerkreis. Und solange ein Sender nicht ausgewiesen ist, erfolgt für diesen Programmanbieter nur eine ungestützte Abfrage. Das bedeutet, dass bei einer telefonischen Befragung nur eine Liste der beliebtesten Programme im Sendegebiet vorgelesen wird. Als ausgewählter Befragter müsste man weitere Sender, die man hört, selbst hinzufügen und benennen. Vielen Befragten ist diese Möglichkeit gar nicht bewusst. Gerade für kleine Sender und reine DAB+-Anbieter stellt dieses Prozedere eine geradezu uneinnehmbare Hürde dar.

Vermarkter in der Hand von großen UKW-Sendern

Generell mauerten laut dem Kultradio-Chef auch die beiden großen Vermarkter beim Thema DAB+: "Unsere DAB+ Radiokombi Deutschland hat ja eine ausgewiesene ma-Reichweite, trotzdem findet man nach wie vor irgendwelche Gründe, damit man uns nicht in die lukrativen Kombis aufnehmen muss". Enders erklärt sich das mit dem Gesellschafterkreis des größten deutschen Radiovermarkters RMS. Hier dominierten die großen UKW-Veranstalter.

Wie berichtet, sendet Kultradio bis Ende dieses Monats noch ein Nonstop-Musikprogramm, ehe voraussichtlich Anfang November das Kinderprogramm Radio Teddy den landesweiten DAB+-Sendeplatz in Bayern übernimmt. Ob Kultradio dann als reines Webradio weiter macht, ist noch nicht final entschieden. Rein theoretisch hätte der Privatsender auch noch eine DAB+-Zulassung für den Small-Scale-Multiplex im sächsischen Freiberg.

Teilen (19)

Mehr zum Thema DAB+